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Stiller Held: Harald Poelchau, Pfarrer und NS-Widerstandskämpfer | BR24

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Der Name des evangelischen Pfarrers Harald Poelchau ist nicht vielen bekannt, er ist einer derjenigen, die Widerstand geleistet haben gegen den Nationalsozialismus, und als Gefängnispfarrer 1000 Verurteilte auf dem letzten Weg begleitet.

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Stiller Held: Harald Poelchau, Pfarrer und NS-Widerstandskämpfer

Als er 1933 Gefängnispfarrer in Berlin wird, will Harald Poelchau für die Schwächsten da sein. Was er noch nicht ahnt: In den Berliner Gefängnissen wird er bald denjenigen beistehen müssen, die als politisch Verfolgte zum Tode verurteilt sind.

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Der erste Mann, den Harald Poelchau in seiner letzten Nacht begleitet, schreibt noch einen Brief an seine Mutter und bittet den Pfarrer, ihn am frühen Morgen persönlich zu überbringen. "Er wollte nicht, dass seine Mutter aus der Zeitung von seinem Tod erführe", so Harald Poelchau. "Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dies sei nur der Auftakt für eine ungeheure Zahl von Hinrichtungen – ich hätte wahrscheinlich versagt und mein Amt niedergelegt."

Die letzte Nacht vor der Hinrichtung

Harald Poelchau ist 29 Jahre alt und seit kurzer Zeit verheiratet, als er am 1. April 1933 die Stelle des evangelischen Geistlichen in der Berliner Haftanstalt Tegel antritt. Er ist Angestellter des Staates, nicht der Kirche. Seine Vorgesetzten sind die Nationalsozialisten, seit zwei Monaten an der Macht, die er ablehnt und zunächst noch verspottet. Noch weiß er nicht, dass er in seiner Rolle als Gefängnispfarrer mehr als tausend Menschen vor ihrer Hinrichtung zur Seite stehen wird.

Hitler bestellt 20 neue Guillotinen, von Ende 1934 an wurde der Handbetrieb der Hinrichtungen endgültig durch den maschinellen Betrieb abgelöst. Harald Poelchau steht vor allem politischen Gefangenen, verurteilten Widerstandskämpfern in ihrer letzten Nacht bei. Dass er selbst im Widerstand ist, muss streng verborgen bleiben. Kurz nach dem Krieg, 1947, berichtet er davon in einer Rede, die bisher nicht veröffentlicht ist: "Entscheidend geprägt waren diese letzten Stunden durch den Abschied. Für Menschen unserer Art, für Menschen, die mit allen Sinnen, die innerlich an Frau und Kind, an Eltern gebunden sind, ist das Schwerste nicht die Todesangst, sondern der Abschied."

Gefängnispfarrer im Widerstand

Harald Poelchau ist während der gesamten zwölf Jahre der NS-Zeit als Gefängnispfarrer in Berlin tätig, und zugleich ist er selbst einer, der jederzeit gefangen gesetzt und hingerichtet werden könnte. "Man kann meine Situation nur dann richtig verstehen, wenn man weiß, dass es auch außerhalb des Gefängnisses für Verfolgte zu sorgen galt", so Poelchau im Rückblick. Mit seiner Frau Dorothee versteckt er jüdische Kinder und macht ihre Wohnung im Berliner Arbeiterviertel Wedding zu einem Treffpunkt für Widerstandskämpfer und - vor allem - für deren Frauen und manche ihrer Kinder.

Poelchau schließt sich sogar dem Kreisauer Kreis an. Der Widerstandsgruppe um den schlesischen Gutsbesitzer, Juristen und glühenden Christen Helmuth James Graf von Moltke. Der Münchner Jesuitenpater Alfred Delp gehört auch zu der Runde. Auch Poelchau bezog seine Kraft aus diesen Verbindungen, sagt der Bochumer Professor für Theologie und Geschichte Günter Brakelmann: "Für ihn tragend war dann eben die Hoffnung, dass es ein anderes Menschentum gibt, wie es etwa in biblischen Zusammenhängen beschrieben wird oder wie es politisch für die Zukunft sein kann. Er lebte, wenn man so will, von Texten, alten Texten, und von Hoffnungen. Und dazwischen litt er."

"Die meisten Christen hatten nicht die Nerven, Juden zu verstecken"

Harald Poelchau ist ein großer stattlicher Mann, blonde Haare, ordentlich aus dem Gesicht gekämmt. Dass er so aussieht, wie sich ein Nationalsozialist den guten Arier vorstellt, hilft ihm manchmal. Fotos verraten nichts von seinem Leiden in der NS-Zeit, nicht einmal von der Anstrengung jener Jahre. Dass er Juden versteckt und Verstecke vermittelt hat, hält Poelchau im Rückblick für seine gefährlichste Aktion. Auch in kritischen Kreisen der Bekennenden Kirche war das ungewöhnlich.

Er erzählt nach dem Krieg: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meist bürgerlichen Christen nicht die Nerven hatten, Menschen zu verstecken. Sie kamen zu mir und sagten: Um Gottes willen, nimm‘ ihn mir wieder ab. Ich halt’s einfach nicht mehr aus." Großes Glück für ihn und seine Familie: Poelchau wird nicht erwischt, nicht beim Schmuggeln von Kassibern, nicht als Mitglied des Kreisauer Kreises, nicht bei seinem Kontakt zu Juden in Berlin. Bescheiden wie Harald Poelchau war, hätte er vielleicht nur gesagt: Ich habe meine Aufgabe erfüllt.

Die ganze Sendung über Harald Poelchau hören Sie im Podcast der Evangelischen Perspektiven. Weitere Themen aus den Bereichen Religion und Orientierung bekommen Sie jeden Freitag in unserem Newsletter.