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Stille Nacht an Weihnachten? Kirchen in Zeiten der Corona-Krise | BR24

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Figur eines Jesuskindes in der Krippe mit Mundschutz

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    Stille Nacht an Weihnachten? Kirchen in Zeiten der Corona-Krise

    Kein Gemeindegesang, Gottesdienste mit Maske und Abstand. Und Christmetten nach 21 Uhr? Was gestern noch galt, ist heute bereits von der Realität überholt. Weihnachten in diesem Jahr wird definitiv anders. Eine Advents-Chronik.

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    Von
    • Barbara Schneider

    Rückblick: Sonntag, 6. Dezember, Zweiter Advent. Von einem zweiten Lockdown ist da noch keine Rede. In Gröbenzell bei München ist der Sonntagsgottesdienst gerade zu Ende. Nach und nach verlassen die Leute mit Mundschutz die Kirche. Im Kirchhof ist ein kleiner Adventsstand aufgebaut, vor dem sich eine Schlange bildet. Zehn, vielleicht fünfzehn Menschen, mit Abstand und Masken vor Mund und Nase.

    Adventsmarkt: Eine Hütte statt 17

    "Wir bieten nur selbstgemachte Sachen an, hauptsächlich Plätzchen, Stollen, Marmeladen und Strickwaren", sagt Angelika Baudis. Sie arbeitet hauptamtlich im ökumenischen Sozialdienst. Heute verkauft sie zusammen mit einer Kollegin ehrenamtlich in der Adventsbude der Kirchengemeinde. Jeden Sonntag bis Weihnachten - so der Plan - soll hier eine andere Gruppe aus der Gemeinde ihre Basteleien, Handarbeiten und ihr Gebäck verkaufen.

    Normalerweise wären hier jetzt 17 Hütten aufgestellt, sagt Markus Meyer vom Pfarrgemeinderat, dazu ein kleines Bistro, Kindergarten und Seniorenclub. "Da müssen wir dieses Jahr leider die Minimalvariante machen." Ganz ausfallen lassen wollte die katholische Pfarrgemeinde ihren Adventsmarkt nicht.

    "Jetzt haben wir eben gesagt, es wird nur um die Gottesdienste herumgemacht, dass also kein großer Besucherandrang angezogen wird", erklärt Meyer. Außerdem werde auf Abstände geachtet, die Leute hätten alle Masken auf und die Verkäufer würden sich die Hände desinfizieren.

    Junge Mutter sieht es positiv: intensive Zeit mit der Familie

    Vor der Adventsbude ist eine junge Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern stehen geblieben. Susanne Bellmann ist auf dem Weg zum Kindergottesdienst. Für sie persönlich sei es dieses Jahr gar nicht so viel anders, erzählt sie. Vielleicht sei es "sogar fast ein bisschen schöner":

    "Weil man noch mehr Zeit zu Hause mit der Familie hat und wir trotzdem ganz intensiv mit dem Adventskranz feiern und Geschichten lesen und singen." Susanne Bellmann

    Hätte sie keine Kinder, wäre die Situation aber sicher anders, räumt sie allerdings ein. Dann, nach einer knappen Stunde, sind auf dem Kirchenvorplatz nahezu alle Plätzchen verkauft, bei den Stricksocken, die an einer Kordel aufgereiht hängen, sind deutliche Lücken zu erkennen. Hinter dem Verkaufsstand packt Angelika Baudis die Socken und letzten Plätzchen in eine Kiste. Der Platz vor der Kirche wird wieder leer. Christl Bauer, eine Seniorin aus der Gemeinde, macht sich auf den Heimweg. Sie vermisst das rege Leben in der Advents- und Weihnachtszeit.

    "Man spürt es, dass die Stimmung gedrückt ist. Das gemeinsam auf Weihnachten zugehen mit den vielen wohltuenden Geräuschen, das fehlt einfach jetzt." Christl Bauer

    Am 2. Advent gilt in Deutschland noch der "Lockdown light". Am Vormittag in Gröbenzell liegt aber schon eine Vorahnung in der Luft, wie schnell sich die Situation ändern wird. Zeitgleich zum Adventsmarkt in Gröbenzell beraten Ministerpräsident Markus Söder und sein Kabinett über schärfere Corona-Regeln.

    Söder: "Bayern ist ein christlich geprägtes Familienland"

    Dann an diesem 6. Dezember um 14 Uhr die Nachricht: Ministerpräsident Markus Söder ruft den Katastrophenfall für Bayern aus. Ab Mittwoch sollen strenge Kontaktbeschränkungen gelten, das Haus darf dann nur noch aus "triftigen Grund" verlassen werden. Ab einem Inzidenzwert von über 200 soll eine Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr gelten. Eine Ausnahme gebe es nur an Weihnachten, von 23. bis 26. Dezember, erklärt Söder mit der Begründung: "Bayern ist ein christlich geprägtes Familienland, in dieser Zeit ist uns wichtig, dass wir feiern können - aber auch da mit Verantwortung." An Heiligabend würde bei der Ausgangssperre für die Christmette eine Ausnahme gemacht.

    Die Botschaft an diesem zweiten Advent: Weihnachten soll weiterhin möglich sein. Im kleinen Kreis - mit maximal 10 Personen zu Hause in der Familie, aber auch in der Kirche und mit Weihnachtsgottesdiensten. Wie Weihnachtsgottesdienste und Christmetten in diesem Jahr trotz Corona stattfinden können, darüber machen sich Kirchengemeinden seit Monaten Gedanken.

    Botschaft am 2. Advent: Weihnachten ist weiter möglich

    Seit den Sommerferien berät Pfarrer Jens Uhlendorf vom evangelischen Gottesdienstinstitut in Nürnberg Kirchengemeinden. In diesem Jahr ist viel Flexibilität und Kreativität gefragt. Je näher Weihnachten rückt, desto deutlicher wird aber auch, was in diesem Jahr nicht geht. Ein großer ökumenischer Gottesdienst mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx im Englischen Garten in München wurde erst extra geplant, inzwischen schon wieder abgesagt.

    Der Plan, im Nürnberger Stadion zu feiern, wurde wieder verworfen. Und auch Kirchengemeinden müssen immer wieder umplanen: Erst am 14. Dezember kam die neueste Ansage der Staatsregierung, dass Gottesdienste in der Zeit der Ausgangssperre verboten sein werden – heißt: keine nächtliche Christmette. Protest der katholischen Bischöfe war umsonst.

    "Da ist schon viel Frustration da, dass Woche für Woche sich der Planungsstand ändert, dass es Unsicherheit gibt. Es ist eine besondere Herausforderung, da Leute auch bei der Stange zu halten." Pfarrer Jens Uhlendorf

    Viele Kirchengemeinden werden kreativ: Neben Gottesdiensten vor Ort stellen die Kirchen auch Angebote für zu Hause zur Verfügung: Liedblätter, Liturgien, um daheim unter dem Tannenbaum eine Andacht zu feiern. Wie schon im Frühjahr bei der ersten Corona-Welle verlegen Kirchengemeinden aber auch ihre Weihnachtsgottesdienste ins Internet. Sie zeichnen Gottesdienste auf oder planen Livestreams. Inzwischen durchaus professioneller als noch zu Anfang der Pandemie, wo der digitale Gottesdienst für viele eine Notlösung war. Weihnachten 2020, so viel ist klar, wird ein Fest, das digital gefeiert wird.

    Krippenspiel als Videochat

    In der Adventszeit hält Pfarrer Stefan Pickart die evangelische Kirche im schwäbischen Meitingen jeden Tag offen, für Menschen, die Stille suchen, ein Gebet sprechen oder eine Kerze anzünden wollen. Der Christbaum steht schon im Altarraum, die leere Krippe auch. Auch in diesem Jahr und trotz Corona plant Stefan Pickart ein Krippenspiel. Deshalb hat er die Kostüme schon mal in die Kirche getragen. Nach und nach sollen die Krippenspiel-Kinder kommen, ihre Verkleidung abholen und nach Hause mitnehmen. Gemeinsame Proben wird es in diesem Jahr nicht geben.

    "Wir haben im September schon beschlossen, wir nehmen ein Krippenspielfilm auf." Pfarrer Stefan Pickart

    Ursprünglich war geplant, dass immer drei bis vier Kinder gleichzeitig für die Probe und Aufnahme in die Kirche kommen, sagt Pfarrer Pickart. Aber als im Oktober die Infektionszahlen in Augsburg durch die Decke schossen, stand das Krippenspiel aber auf der Kippe. Aufgeben wollten die Kinder aber nicht.

    Ein Kind hatte die zündende Idee: Wenn schon Schulunterricht per Videokonferenzen stattfindet, warum denn nicht auch ein Krippenspiel? Kurzerhand verlegte Stefan Pickart die Proben ins Internet. Die Kinder treffen sich nun nicht mehr in kleinen Gruppen in der Kirche, sondern zweimal die Woche in einer Videokonferenz.

    "Und dann kam die Idee, nicht nur über Videokonferenz zu proben, sondern auch das ganze Krippenspiel über Videokonferenz sozusagen aufzunehmen und dann auch ein Videokonferenz Krippenspiel zu machen", erzählt Pickart.

    Viele jüngere Kinder können sich beteiligen

    Stefan Pickart hat das Krippenspiel umgeschrieben. Er überlegte sich eine Rahmengeschichte, die zu der Videokonferenz passt. Eine Reporterin bekommt über das kirchliche Videokonferenz-Programm einen Zugang zum Himmel. Nach und nach gelingt es ihr, die Figuren der Weihnachtsgeschichte zu interviewen. Jule ist 12, sie hat schon viel Krippenspiel-Erfahrung, mehrere Jahre lang hat sie einen Engel gespielt.

    "Ich spiel die Reporterin, ich bin die, die nachfragt und Sachen hinterfragt, vielleicht auch ein bisschen was erklärt. Ich finde, es ist mal was anders. Wir haben mehr Engel, irgendwie sind dieses Jahr mehr Kleinere dabei, die können das richtig gut!" Jule

    Insgesamt 18 Kinder machen in diesem Jahr in Meitingen mit - mehr als im Vorjahr. Die jüngste ist drei, das älteste Krippenspielkind ist 13. Marie ist sieben Jahre alt und spielt in diesem Jahr Maria, ihr Bruder Anton ist zwei Jahre älter und spielt den Josef. Beide haben schon ihr Kostüm an: Maria trägt einen weißen Schleier, Josef einen Filzhut. Als Bildschirmhintergrund haben sie eine grün leuchtende Polarnacht eingestellt. Beide sitzen nahe am Bildschirm und schauen in die Kamera.

    Die Technik hat ihre Tücken, sobald sich Marie bewegt, verschwindet sie wie von Geisterhand. Überhaupt: Achtzehn Kinder zu Hause vor den Bildschirmen, das wirft ganz neue Probleme auf. Selbst, wenn zu Hause die Eltern hinter den Bildschirmen assistieren, die Kamera einrichten oder den Ton stumm stellen, so einfach ist die digitale Probe eben nicht. Immer wieder ist aus dem Off die Stimme einer Mutter zu hören.

    Eine weitere Herausforderung: "Online wird den Kindern schneller langweilig, wenn die anderen proben und sie selber still sein müssen", sagt der Pfarrer. Nach und nach will Stefan Pickart die einzelnen Szenen aufzeichnen. So soll ein Film entstehen, der an Weihnachten in der Kirche gezeigt wird, aber auch im Internet zu sehen sein soll.

    Gemeindegesang an Weihnachten wird verboten

    Mittwoch, 9. Dezember: Im bayerischen Landtag gibt Ministerpräsident Markus Söder eine Regierungserklärung ab. Ab jetzt gelten in Bayern die strengen Corona-Regeln - Kontaktbeschränkungen, Alkoholverbot in den Innenstädten. Die Corona-Politik betrifft auch die Kirchen. Für alle Gottesdienstbesucher an Weihnachten gilt während des Gottesdienstes Maskenpflicht, Dazu kommt jetzt, dass nun auch der Gemeindegesang verboten ist. Und auch Chöre dürfen weder singen, noch proben. In den Gottesdiensten dürfen ganz kleine Ensembles auftreten.

    Für Stefan Ludwig ist das ein herber Schlag. Gehören doch das Singen der klassischen Weihnachtslieder für viele Menschen zur Weihnachtsstimmung, genauso wie das Krippenspiel und die vollbesetzten Kirchen. Wegen der Corona-Pandemie hat Stefan Ludwig schon früh angefangen, umzuplanen. Der Kirchenmusikdirektor leitet in München-Haidhausen die katholische Singschule. Seine Schüler, die Chöre und Ensembles der Musikschule gestalten traditionell die Weihnachtsgottesdienste mit. In diesem Jahr geht das alles nicht.

    Seit Wochen probt er in der Singschule mit einzelnen Schülern, die die Freiluftgottesdienste mitgestalten sollen. Regelmäßig übt er mit den Schülern in der Singschule, in den großen Räumen ist Abstandhalten möglich. Aber jetzt, mit den neuen Regeln, ist auch damit Schluss. Der Inzidenzwert in München liegt über 200. Stefan Ludwig muss die Singschule schließen.

    "Ich war immer noch derjenige, der vorausgekämpft hat, was ist möglich, was geht, um auch anderen Leuten Mut zu machen und zu zeigen, was möglich wäre ... Jetzt sind wir tatsächlich zu." Kirchenmusikdirektor Stefan Ludwig

    Wieder steht die Musik an Weihnachten auf der Kippe. Und doch will Stefan Ludwig nicht aufgeben - zwei Wochen vor Weihnachten. Die Proben sollen weitergehen. Wenigstens digital.

    Ausgangssperre: Christmetten werden vorverlegt

    Sonntag, 13. Dezember: Die Infektionszahlen sind weiterhin hoch. Bundeskanzlerin Angela Merkel berät sich mit den Ministerpräsidenten der Länder. Sie beschließen einen harten Lockdown. Der Einzelhandel, Schulen und Kitas werden geschlossen. Gottesdienste sind nur unter strengen Voraussetzungen möglich.

    Für die Kirchen bedeutet das: Sie dürfen Weihnachten feiern. Mit Abstand, Maske und Anmeldung zwar. Aber ohne Gemeindegesang. Christmetten spätabends fallen wegen der Ausgangssperren aus. Die katholischen Bischöfe bitten zwar am vergangenen Dienstag noch einmal gemeinsam um eine Ausnahme und verweisen darauf, dass auf diese Weise sich die Besucher doch besser verteilen würden. Doch Ministerpräsident Söder bleibt hart und sagt "Die Ausgangssperre gilt für alle! Es wird keine Sonderregelung geben: Für Familien nicht und für Kirchen nicht".

    Für evangelische wie katholische Kirchengemeinden stellt sich knapp eine Woche vor Weihnachten die Frage: Halten sie an ihren Konzepten fest? Wie groß ist das Risiko? Sagen sie ihre Gottesdienste ab justieren sie nach oder haben sie einen Plan B?

    Balance zwischen Corona-Vorsorge und Sorge um Seelenheil

    "Da schlagen verschiedene Seelen in meiner Brust", sagt Pfarrer Pickart. "Man muss da immer die Balance finden zwischen 'wie sorge ich dafür, dass die Krankheit nicht weitergetragen wird?' und 'wie bin ich anderseits für die Seele der Menschen da?'. Was der Shutdown für eine Auswirkung haben wird auf die Seele von Menschen, von den Kleinen bis zu den ganz Großen, das wird sich erst nach und nach zeigen."

    Kirchenmusikdirektor Stefan Ludwig gibt sich kämpferisch: "Ich finde immer mehr, dass man sich einfach nicht unterkriegen lassen sollte. Man sollte aus der Situation das Beste machen, trotzdem ein schönes Weihnachtsfest feiern, mit seinen Lieben in Kontakt sein - wenn es sein muss per Skype. Das ist das Wichtigste. Ich freu mich trotzdem auf Weihnachten!"

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