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Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor der Zerschlagung | BR24

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Die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" ist ein kultureller Supertanker und verschlingt jährlich knapp 340 Millionen Euro. Jetzt empfehlen Experten die Zerschlagung, um mehr Besucher zu erreichen und effektiver zu werden – mit mehr Geld und Personal.

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Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor der Zerschlagung

Die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" ist ein kultureller Supertanker und verschlingt jährlich knapp 340 Millionen Euro. Jetzt empfehlen Experten die Zerschlagung, um mehr Besucher zu erreichen und effektiver zu werden – mit mehr Geld und Personal.

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Von
  • Peter Jungblut

Besonders glücklich sah Hermann Parzinger heute nicht aus, der langjährige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Kein Wunder: Eine Expertengruppe hatte in den vergangenen Jahren festgestellt, dass Deutschlands größte Kultureinrichtung ein Sanierungsfall ist, und was für einer: Viel zu wenige Besucher in den Museen, ein bürokratischer Wasserkopf, der längst den Überblick verloren hat, völlig veraltete Computernetze, marode Gebäude, wirre Konzepte, viel zu wenig Geld für den Ankauf von neuer Kunst, Reformbedarf an allen Ecken und Enden. Von "tief gestaffelten Hierarchien und unklaren Entscheidungsprozessen" ist etwas verharmlosend die Rede, eine Umschreibung für zunehmende Erstarrung und einen gefährlichen Orientierungsverlust. Und das bei einer Institution, die Millionen von Objekten verwaltet und jedes Jahr rund 340 Millionen Euro verschlingt, überwiegend Geld aus dem Bundeshaushalt, aber rund sechs Prozent des Etats finanzieren eben auch die Länder – die logischer Weise deshalb mitreden wollen.

In fünf Jahren alles effektiver?

Und was empfehlen die Wissenschaftler, die die Stiftung im Auftrag von Bundeskultur-Staatsministerin Monika Grütters auf den Prüfstand gestellt haben? Die Aufspaltung in vier unabhängige Einrichtungen, um mehr Beweglichkeit zu erreichen, Handlungsspielräume zu eröffnen. Allerdings wird auch mehr Geld angemahnt, sogar mehr Personal kann sich Monika Grütters durchaus vorstellen, womit sie wohl Arbeitsplatz-Sorgen der Beschäftigten gleich im Keim ersticken wollte. Doch ob die finanzielle und personelle Ausstattung wirklich erheblich verbessert wird, das sei dahingestellt, denn der Bund will in Zukunft die Stiftung weitgehend allein finanzieren, also den Anteil der Länder mit schultern. Das wird also sowieso schon teurer, ob Grütters darüberhinaus noch deutlich draufsatteln kann, ist mehr als fraglich. Wie auch immer, in drei bis fünf Jahren soll alles effektiver, schneller, moderner funktionieren.

© Fabian Sommer/Picture Alliance

Gedrückte Stimmung: Hermann Parzinger und Monika Grütters (rechts)

Es geht nach eigenem Selbstverständnis um das "Flaggschiff" der deutschen Kultur, dazu gehören 15 Museen an 19 Standorten mit so prestigeträchtigen Häusern wie dem Berliner Pergamon-Museum, dem Ägyptischen Museum, wo die berühmte Büste der Nofretete ausgestellt ist, Museen für byzantinische und indigene Kunst aus aller Welt. Außerdem muss die Stiftung ein Geheimes Staatsarchiv verwalten, wo die Geschichte Preußens und des Deutschen Reichs bis 1945 dokumentiert ist, die hervorragend ausgestattete Berliner Staatsbibliothek, Institute für Musikforschung und Lateinamerikanische Forschung.

Umstrittene Objekte

Daneben muss ein Konzept gefunden werden für das "Humboldtforum", das in das wieder aufgebaute Berliner Schloss einziehen soll. Eine internationale Begegnungsstätte, ein Forschertreff auf höchstem Niveau, ist dort geplant, Museen zur Berliner Stadtgeschichte und mit Ausstellungsgegenständen aus aller Welt, darunter Boote aus der Südsee und andere, durchaus umstrittene Objekte, auch aus der Kolonialzeit, deren Geschichte keineswegs immer genau aufgeklärt wurde.

© Christoph Söder/Picture Alliance

Baustellen am Museumquartier in Berlin

Konkret sollen künftig die Staatlichen Museen in Berlin, die dortige Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das forschungsintensive und sehr erfolgreiche Iberoamerikanische Institut selbständig werden, wobei für die Museen ein "Generalintendant" vorgesehen ist, also abermals eine Dachverwaltung.

Der Präsident der Stiftung, Hermann Parzinger, regte außerdem an, über so etwas eigentlich Selbstverständliches wie eine Bauabteilung nachzudenken, die es bisher in dieser Form in der Stiftung nicht gibt. Und das, obwohl dort Riesenprojekte abzuwickeln sind und viele weitere anstehen. Die Expertenkommission des Wissenschaftsrats will vor allem das viel zu wenig ausgeschöpfte "Potential" der bisherigen Stiftung verbessern, die Profile der einzelnen Einrichtungen "schärfen".

Rätselraten über Dahlem

Ob es wirklich möglich ist, in Berlins Zentrum künftig Besuchermassen wie in London, Madrid oder Paris zu mobilisieren, da wollte sich Hermann Parzinger nicht festlegen. Gleichwohl signalisierte er den festen Willen, mehr kulturinteressierte Besucher als bisher anzuziehen. Besonders schwer wird es, nennenswert viele Touristen in den abgelegenen Berliner Stadtteil Dahlem zu lotsen, wo die Stiftung sanierungsbedürftige Bauten unterhält, über deren genaue Verwendung noch Rätselraten herrscht: Wie soll das angedachte "Zentrum für Provenienzforschung" aussehen, wie sollen die Fachbibliotheken ausgestattet werden?

© Jürgen Henkelmann/Picture Alliance

James-Simon-Galerie in Berlin

Unübersichtlich und kompliziert ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz seit ihrer Gründung am 6. August 1957. Kulturstaatsministerin Monika Grütters verwies in der heutigen Pressekonferenz darauf, dass bereits damals verfassungsrechtliche Auseinandersetzungen dazu führten, dass die Einrichtung erst vier Jahre später, also 1961, überhaupt mit der Arbeit beginnen konnte. Kultur ist in Deutschland eigentlich Ländersache, alle Einmischungen seitens des Bundes werden argwöhnisch beäugt, wenngleich Geld vom Bund gern angenommen wird, vor allem in Berlin. Zu den bizarren Rahmenbedingungen gehört auch, dass die Länder zwar offiziell 25 Prozent der Stiftung tragen, jedoch schon vor vielen Jahren entschieden haben, ihre Zuschüsse einzufrieren, so dass sie inzwischen nur noch deutlich unter zehn Prozent finanzieren.

Gleichwohl muss der Bundesrat, die Interessenvertretung der Länder, allen Reformen zustimmen. Grütters ahnt nach eigenen Worten, dass "schwierige Diskussionen" anstehen. Und Hermann Parzinger sagt voraus: "Mit der Auflösung allein ist es nicht getan, es kommt auf das Wie an. Wir sind auch zu radikalen Veränderungen bereit." Doch gerade für solche Änderungen sind bürokratische Großorganisationen gemeinhin nicht bekannt.

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