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Steuern sparen mit de Sade: "120 Tage von Sodom" im Angebot | BR24

© Thibault Camus/Picture Alliance

Manuskript von de Sade

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    Steuern sparen mit de Sade: "120 Tage von Sodom" im Angebot

    Der Erfinder des "Sadismus" beschrieb als Gefangener in seinem Skandal-Roman das haltlose Treiben von Steuerhinterziehern, die sich sexuellen Ausschweifungen hingeben. Jetzt soll der Text ausgerechnet mit Hilfe von Abschreibungen angekauft werden.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Es ist mit Sicherheit eines der "unmoralischsten" und "härtesten" Bücher der Literaturgeschichte: Donatien Alphonse François de Sade, der Namensgeber des "Sadismus", vertrieb sich seine Zeit in der Festungshaft in der Bastille mit dem Verfassen eines Episodenromans, in dem sehr ausführlich gewalttätige sexuelle Praktiken dargestellt werden. In den "120 Tagen von Sodom oder die Schule der Libertinage" (frz. Les 120 Journées de Sodome ou L’Ecole du Libertinage) geht es um Orgien von Steuerhinterziehern, die vor keiner Perversion haltmachen. De Sade, der wegen seiner Gewalttätigkeiten gegenüber Frauen jahrelang im Knast saß und nur knapp der Todesstrafe entging, kritzelte seinen Text auf eine zwölf Meter lange Papierrolle von 11 cm Breite. Die Buchstaben sind teilweise nur schwer zu entziffern.

    Manuskript soll 4,5 Millionen Euro kosten

    Längst gilt der Roman als wegweisend und ungeachtet seines "schmutzigen" Inhalts als nationale Kostbarkeit. Die französische Regierung hat denn auch beschlossen, den Export des wertvollen Manuskripts zu untersagen. Allerdings befindet sich die bizarre Papierbahn bis jetzt nicht in Staatsbesitz, sondern wechselte in den letzten Jahrzehnten mehrfach den Eigentümer. Jetzt soll der Roman endlich für schätzungsweise 4,5 Millionen Euro für die Französische Nationalbibliothek in Paris erworben werden. Da jedoch das Geld dafür fehlt, bietet die Regierung interessierten Geldgebern Steuervorteile an, was Marquis de Sade sicherlich ungeheuer amüsiert hätte.

    © Picture Alliance

    Marquis de Sade: Frankreichs Nationalerbe

    In einer Mitteilung im Amtsblatt bietet das Kulturministerium Rabatt auf die Körperschaftssteuer an, wenn sich Firmen finden, die das de Sade-Manuskript finanzieren. Es sei jedenfalls "außergewöhnlich", so die Regierung. Ausländische Unternehmen sind ausdrücklich aufgefordert, teilzunehmen. Derzeit ist der Literaturschatz in Händen des zwielichtigen Geschäftsmanns Gérard Lhéritier, der den Text angeblich für sieben Millionen Euro aus der Schweiz zurück nach Frankreich brachte.

    Eigentümer sah sich Betrugsvorwürfen ausgesetzt

    2015 hatte der schrullige de Sade-Fan versprochen, das Manuskript innerhalb von fünf Jahren der Nationalbibliothek zu schenken. Seitdem ging Gérard Lhéritier mit seiner Firma "Aristophil" Pleite und musste sich Betrugsvorwürfen stellen, weil er 20.000 Kunden um ihr Geld gebracht haben soll, von 850 Millionen Euro Schadenssumme war die Rede. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bezeichnete ihn als "Bernard Madoff der Manuskripte", also als Hochstapler der Extraklasse. Offenbar ist er zu einer Schenkung, wie ursprünglich beabsichtigt, nicht mehr in der Lage. 2017 wurde die Urfassung der "120 Tage von Sodom" jedenfalls als "Nationalschatz" eingestuft und damit ein Verkauf an private Anleger so gut wie unmöglich gemacht.

    Das Kulturministerium rief übrigens noch zu einem weiteren "Sponsoring" für den Ankauf eines Manuskripts auf, nämlich einem Konvolut von Handschriften von André Breton, einem berühmten surrealistischen Dichter (1896-1966). Die Papiere sollen insgesamt rund 900.000 Euro kosten.

    © Eventpress Hoensch/Picture Alliance

    Inszenierung der "120 Tage" an der Berliner Volksbühne 2015

    Der Marquis de Sade wurde übrigens zehn Tage, bevor die Bastille gestürmt wurde und die Französische Revolution ausbrach, in die "Irrenanstalt" Charenton überstellt. Sein Manuskript musste er in einem Versteck zurücklassen, er hat es nie wieder gesehen und wohl für verloren gehalten. In den Wirren des Aufstands brachte es der eigenwillige Autor dann sogar zeitweise zum Richter, die Aufführung eines seiner Stücke endete im Tumult. Seine letzten Jahre bis zu seinem Tod 1814 verbrachte de Sade erneut in Charenton, allerdings durfte er dort schreiben und genoss zumindest zeitweise eine "Vorzugsbehandlung".

    Werk gilt immer noch als "jugendgefährdend"

    Die Geschichte des ungewöhnliche Manuskripts ist ebenso abenteuerlich wie das Leben des Verfassers und fast so düster wie sein Inhalt. Das Papier wurde in der Bastille entdeckt, ging 1929 an Nachfahren von de Sade, wurde 1982 gestohlen, in die Schweiz geschmuggelt und dort von einem Erotica-Händler angekauft.

    "Die 120 Tage von Sodom" standen und stehen in vielen Ländern auf dem Index, sind also einer Zensur unterworfen. Mit der berühmten Verfilmung aus dem Jahr 1975 von Pier Paolo Pasolini beschäftigten sich allein in Deutschland seinerzeit vierzehn Amtsgerichte. Das Werk gilt immer noch als "jugendgefährdend". Tatsächlich geht es in dem Text nach der Interpretation moderner Experten weniger um sexuelle Perversionen, als um gesellschaftliche. So gesehen hat der Marquis de Sade hellsichtig die totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts vorweggenommen und deren rücksichtslose Rationalität beim Durchsetzen ihrer Interessen beschrieben. Nicht von ungefähr liegen die Wurzeln dieser technokratischen Ungetüme auch im "Vernunft-Fanatismus" der Französischen Revolution.

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