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Sterne, Streifen, Sex und Lügen: So fackelt Castorf Amerika ab | BR24

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Nach 176 Tagen Zwangspause eröffnete die Hamburgische Staatsoper mit einem Abgesang auf Amerika: Kapitalismus-Kritiker Frank Castorf knöpfte sich in "Molto Agitato" Sexismus und Ausbeutung vor. Das überzeugte wegen der "hochtourigen" Mitwirkenden.

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Sterne, Streifen, Sex und Lügen: So fackelt Castorf Amerika ab

Nach 176 Tagen Zwangspause eröffnete die Hamburgische Staatsoper mit einem Abgesang auf Amerika: Kapitalismus-Kritiker Frank Castorf knöpfte sich in "Molto Agitato" Sexismus und Ausbeutung vor. Das überzeugte wegen der "hochtourigen" Mitwirkenden.

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Wer einigermaßen skrupellos ist, kommt mit Sex und Lügen ja überall in der Welt voran, aber in den USA vermutlich noch ein paar Meter weiter als anderswo. Immerhin steht dort der aktuelle Präsident im Verdacht, sich immer wieder mit Lügen an der Macht zu halten, und was den Sex betrifft, machten ja vor allem Führungskräfte in der Filmindustrie unrühmliche Schlagzeilen. Eigentlich ist Amerika unter Donald Trump ja überhaupt ständig "molto agitato" unterwegs, um es in der Opernsprache auszudrücken, also ungestüm, aufbrausend und erregt bis zur Hysterie.

Welche Flagge ging da in Flammen auf?

"Molto agitato" ist denn auch der treffende Titel für Frank Castorfs neueste Abrechnung mit dem American Way of Life, ein Lebensmodell, das für ihn, und da steht er sicher nicht alleine, eben auf Sex und Lügen aufgebaut ist. Und so werden diese beiden Worte auch mit roter Farbe auf ein Transparent gesprayt und ganz hinten an die Brandmauer der Bühne der Hamburgischen Staatsoper gehängt, auf dass die Botschaft wirklich niemand übersehen möge. Das Sternenbanner, die "Stars and Stripes", ist natürlich auch allzeit präsent, mal als grelle Leuchtreklame, mal als herkömmliche Stoffbahn. Die US-Flagge zu verbrennen, das hat sich Castorf dann aber wohl doch nicht getraut, jedenfalls ging nur ein weißes Laken in Flammen auf - das hatte aber vielleicht auch nur technische Gründe.

© Monika Rittershaus/Hamburgische Staatsoper

Starke Frauen im Jeep

Wer jemals ein paar Stunden Castorf abgesessen oder auch bewundert hat, der weiß: Nacherzählen lässt sich die Handlung bei ihm grundsätzlich nicht, er folgt tausend Einfällen und verwirklicht davon tausendzwei. Mit Corona hatte dieser Spielzeit-Auftakt in Hamburg gegen alle Erwartung jedenfalls wenig zu tun, außer einer dekorativen Pest-Maske und einem der Mitwirkenden, der meinte, sich die "Seuche" eingefangen zu haben, waren keine Hinweise auf die Pandemie enthalten.

Wer spritzt denn da mit Blut?

Stattdessen arbeitete sich Castorf einmal mehr an Sexismus und Kapitalismus ab und folgte diesem Thema durch die Weltgeschichte, buchstäblich von der Antike bis Trump. Frauen werden allzeit ausgebeutet und zu Opfern, Männer foltern und morden. Dabei zitierte Castorf optisch Quentin Tarantinos brutalen Gangsterfilm "Wilde Hunde" (Reservoir Dogs) von 1992 und - war ja klar - sowjetischen Zeichentrick, in dem der einäugige Zyklop Polyphem aus Liebeskummer ordentlich durchdreht und Felsen um sich schleudert, bis das Blut spritzt. Wer mit diesem wutschnaubenden Berserker wohl gemeint war?

© Monika Rittershaus/Hamburgische Staatsoper

Lodernde Botschaft

Bühnenbildner Aleksandar Denic hatte eine riesige Spielfläche frei geräumt, das waren locker dreißig, vierzig Meter von der Rampe bis zur Brandmauer. Rechts und links von diesem dunklen Parcours glimmten Lichter, so dass es aussah wie eine nächtliche Landebahn - und tatsächlich setzten hier ja jede Menge Assoziationen auf. Wie bei Castorf-Exerzitien üblich, verließen einige Zuschauer vorzeitig den Corona-bedingt ohnehin sehr locker besetzten Saal, aber von den übrigen gab es durchaus freundlichen Beifall, und zwar völlig zurecht.

Lust an der höheren Satire

Nach einem etwas zähen Auftakt ging es wirklich "molto agitato" zu, recht lebhaft, vor allem bei Kurt Weills "Sieben Todsünden", die ja allesamt in amerikanischen Großstädten von Memphis über Los Angeles bis Baltimore vorgeführt werden. Und wohl aus Lust an der höheren Satire begann Castorf den Abend mit einem Ausschnitt aus Händels Oratorium "Salomo", genauer gesagt mit der Ankunft der Königin von Saba, derselben Musik, die damals lief, als bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London 2012 James Bond in einer Filmeinspielung auf die Queen traf. Ob das repräsentative Barock-Stück in England noch politisch korrekt ist? Um "Rule Britannia" gibt´s ja wegen Nationalismus-Verdacht gerade mächtig Furore. Ist doch belebend, wenn die vermeintlich eherne Tradition ihren Bewahrern um die Ohren fliegt!

© Monika Rittershaus/Hamburgische Staatsoper

Mit Tarantino wird´s brutal

Dirigent Kent Nagano hätte besonders die barocken Passagen (Händels "Aci, Galatea e Polifemo", 1708) deutlich schwungvoller nehmen können, war bei Kurt Weill auch etwas zu passiv, dafür gelangen ihm Györgi Ligetis lautmalerische "Neue Abenteuer" ("Nouvelles Aventures", 1965) sehr überzeugend. Eine wilde Mischung, die noch mit Liedern von Johannes Brahms gewürzt wurde.

Zum Erlebnis wurde der Abend vor allem wegen der fulminant hochtourigen Sänger und Sprecher, darunter der schon oft gefeierte Bariton Georg Nigl und Tenor Matthias Klink, aber auch Valery Tscheplanowa, die als Anna in den "Todsünden" von Brecht und Weill mit furiosem Körpereinsatz loslegte. Auch alle anderen zeigten sich hoch motiviert und gaben eine lustvoll qualmende und lässig chillende Castorf-Familie mit starkem Hang zum Wahnsinn. Obwohl, der ist ja längst weltweit Methode!

Wieder am 8., 12. und 15. September an der Hamburgischen Staatsoper, weitere Termine.

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