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Sterbehilfe-Urteil: Wollen jetzt mehr Menschen sterben? | BR24

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Die neue Gesetzeslage erlaubt nur die ärztliche Hilfe beim Suizid, nicht aber die Tötung durch den Arzt.

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    Sterbehilfe-Urteil: Wollen jetzt mehr Menschen sterben?

    Es muss ein Recht auf "selbstbestimmtes Sterben" geben. Das hat das Bundesverfassungsgericht im Februar entschieden und den Paragraf 217 im Strafgesetzbuch für nichtig erklärt. Wünschen jetzt mehr Patienten ihren vorzeitigen Tod?

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    "Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." So stand es noch Anfang des Jahres im Strafgesetzbuchs. Im Februar hat das Bundesverfassungsgericht den Paragraf gekippt.

    Palliativpatienten legten Verfassungsbeschwerde ein

    Denn mit "geschäftsmäßig" war nicht etwa die Frage nach Profit gemeint, sondern vielmehr eine "auf Wiederholung angelegte Handlung", unabhängig von kommerziellen Gesichtspunkten. Das Verbot traf also auch Palliativmediziner, die tagtäglich mit Patienten zu tun haben, die aus verschiedensten Gründen um ärztliche Hilfe bitten, die gegebenenfalls auch das Leben verkürzen kann. Aber auch Palliativpatienten hatten Verfassungsbeschwerde eingelegt, weil sie ihr grundgesetzlich verbrieftes Persönlichkeitsrecht und ihre Menschenwürde verletzt sahen.

    Mit dem Recht betroffener Patienten argumentierten im Februar schließlich auch die Karlsruher Richter: das schließe die Freiheit mit ein, zur Beendigung des eigenen Lebens Hilfsangebote Dritter in Anspruch zu nehmen. Weil Paragraph 217 dies unmöglich mache, sei er nichtig.

    Erleichterung bei den Ärzten

    Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes habe in ihrem Berufsalltag vor allem für Erleichterung gesorgt, sagt Johanna Anneser, Leiterin des palliativmedizinischen Dienstes am Klinikum rechts der Isar in München. Einerseits bei den Ärzten, weil sie jetzt mehr Rechtssicherheit haben, wenn sie Menschen zum Thema Sterbehilfe beraten. Aber auch die Offenheit der Patienten habe sich verändert: "Fragen nach dem assistierten Suizid kommen nun viel häufiger und ich glaube die Beratungsgespräche sind auch viel häufiger und viel länger", sagt Johanna Anneser.

    Was genau in diesen Gesprächen besprochen werden soll und wie es danach für die Patienten weitergeht, dazu gibt es momentan noch kein Gesetz – der Entwurf muss erst erarbeitet werden. Wenn Johanna Anneser derzeit Menschen mit Suizidwunsch begleitet, kann sie also nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Das sei nicht immer einfach und manchmal emotional aufwühlend, erzählt sie. Vergangene Woche etwa, hatte ein sehr alter Patient auf eigenen Wunsch Essen und Trinken eingestellt. Menschen wie er werden dann palliativmedizinisch, also auch mit Schmerzmitteln unterstützt, berichtet die Oberärztin.

    Mehr assistierte Suizide?

    Während das assistierte Sterbefasten vor dem Urteil in einer rechtlichen Grauzone lag, sind die Ärzte damit jetzt auf der sicheren Seite. Auch das Verschreiben von Todespillen sei nun rechtmäßig – praktisch allerdings nicht möglich, denn entsprechende Giftstoffe sind in Deutschland nach wie vor nicht zugelassen.

    Menschen, die ihren Tod wünschen, sind selbst unter den Todkranken in der Minderheit, sagt Johanna Anneser. Sie glaubt nicht, dass sich aufgrund des Urteils künftig mehr Menschen das Leben nehmen werden. Denn die neue Gesetzeslage erlaube nur die ärztliche Hilfe beim Suizid, nicht aber die Tötung durch den Arzt. Das mache einen großen Unterschied, glaubt die Ärztin: In Ländern, in denen auch Tötung auf Verlangen erlaubt sei, könne man eine deutliche Zunahme sehen, beim ärztlich assistierten Suizid hingegen seien die Zahlen "relativ stabil".

    Kann gute Betreuung den Todeswunsch verhindern?

    Einen kritischeren Blick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat Sepp Raischl vom Christophorus Hospizverein in München. Auch er hat täglich mit todkranken Menschen zu tun, Menschen, die oft sehr verletzlich und hin- und hergerissen sind: "Wir haben schon erlebt, dass Menschen Tag für Tag ihre Meinungen ändern."

    Eine gute Betreuung kranker und alter Menschen sei in Deutschland oft nicht sichergestellt, moniert Sepp Raischl: Angehörige hätten zu wenig Zeit, Pflegeheime seien überlastet und unpersönlich, Beratungen würden lieblos durchgeführt. Künstliche, lebensverlängernde Maßnahmen würden zu oft und zu lange eingesetzt. All das sind in den Augen des Hospizleiters Faktoren, die Einfluss auf den Todeswunsch eines Menschen nehmen können.

    Pflicht zur Beratung

    Raischl legt Wert darauf, dass in den Einrichtungen des Christophorusvereins auch zukünftig kein assistierter Suizid angeboten wird. Dass Patienten sich dafür an andere Einrichtungen wenden, kann er jedoch nicht verhindern. Jetzt hofft er darauf, dass das neue Gesetz, welches die Sterbehilfe regeln soll, zumindest die Pflicht zu einer guten Beratung beinhalten wird. Und darin ist er sich mit Johanna Anneser einig. Auch sie wünscht sich einen maximal transparenten und nachvollziehbaren Prozess. Einen Prozess, der sicherstellen soll, dass Menschen, die Suizidbeihilfe suchen, das freiverantwortlich tun und dass sie jede irgendwie machbare Unterstützung und Beratung bekommen.

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