Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Stemann inszeniert "Schneewittchen" zur Eröffnung in Zürich | BR24

© BR

Ausländerfeindliche Zwerge, ein behördlicher Aufpasser, eine zickige Schönheitskönigin und Rotkäppchen, das sich um den "bösen" Wolf sorgt: Nicolas Stemann startete mit einer anarchischen Märchen-Inszenierung in seine Intendanz am Schauspiel Zürich.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Stemann inszeniert "Schneewittchen" zur Eröffnung in Zürich

Ausländerfeindliche Zwerge, ein behördlicher Aufpasser, eine zickige Schönheitskönigin und Rotkäppchen, das sich um den "bösen" Wolf sorgt. Nicolas Stemann startete mit einer anarchischen Märchen-Inszenierung in seine Intendanz am Schauspiel Zürich.

Per Mail sharen
Teilen

Nicolas Stemann und sein Co-Intendant Benjamin von Blomberg lassen es locker angehen in Zürich. Kein Druck. Das Foyer der Pfauen-Bühne ist zum coolen Szene-Treffpunkt umgestaltet. Ein Eröffnungsfestival zeigte die besten, ursprünglich für andere Theater inszenierten Arbeiten der sieben neuen Hausregisseure – zum Beispiel Horváths "Kasimir und Karoline" nur mit Männern, "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz als düstere Depressions-Übung in der völlig leeren Schiffbauhalle, gendertechnische Selbsterkundungen aus den USA als Tanztheater.

Nicolas Stemann selbst legte seine viel gelobte und absolut heutige "Faust 1 und 2"-Befragung von 2011 noch einmal auf, einen achtstündigen Marathon, bei dem der Faust-Darsteller Sebastian Rudolph zu Beginn praktisch alle Rollen übernimmt und auch Mephisto und Gretchen nur Varianten einer einzigen Figur sind.

© Zoe Aubry/Schauspiel Zürich

Der "böse Wolf" an der Gitarre

Dass Stemann nun mit einem Kinderstück, dem traditionellen Weihnachtsmärchen, seine erste „wirkliche“ Züricher Inszenierung herausbringt, ist durchaus programmatisch zu verstehen. Vielleicht muss man es so sehen, dass Stemann das reiche und konservative Züriberg-Publikum am liebsten durch junge und jüngste Zuschauer ersetzen würde. Stemann inszeniert den Abend jedenfalls so, als wolle er nicht nur "Schneewittchen" erzählen, sondern eine prototypische, gegenwartstaugliche Märchen-Überschreibung liefern, für gestresste Eltern und internetabhängige Kinder gleichermaßen.

Selbstironie des Märchenerzählers

Zu Beginn betritt ein langhaariger Althippie mit einem riesigen Märchenbuch die Szene und beklagt sich über die schlechten Verdienstmöglichkeiten seines Berufs. Märchenerzähler, das muss, trotz bester Ausbildung, ein Hungerleider-Job sein. Da flüchtet man sich, wie der Schauspieler Lukas Vögler das tut, am besten in Selbstironie. Vögler und wohl auch sein Regisseur Stemann möchten den Kindern am liebsten die ganze Welt erklären – aber dazu muss man in Zürich bei einem Aufpasser ganz viele Anträge stellen, die natürlich alle abgelehnt werden.

© Zoe Aubry/Schauspiel Zürich

"Schneewittchen" thematisiert das mitleidslose Schweizer Miteinander

Stemann nimmt den grauslichen Kern der Märchen scheinbar ernst (nebenbei wird auch noch „Rotkäppchen“ zum Thema gemacht) und erzählt sie dann im Comedy-Format. Und er dreht die Gewaltverhältnisse um: da läuft dann ein einsamer Wolf in den dunklen Wald hinein, und das Rotkäppchen macht sich große Sorgen um ihn.

Mitleidloses Schweizer Miteinander

Schneewittchen ist in Zürich ein naives Mädchen, ihre Mutter dagegen eine zickige Beauty Queen, die ihren Abstieg im Schönheits-Ranking nicht ertragen kann. Der Spiegel, nicht zu verwechseln mit dem Nachrichtenmagazin, sagt tatsächlich einmal die Wahrheit und schämt sich dann. Wichtiger sind allerdings die extrem ausländerfeindlichen Zwerge, die zwar Varianten von Purcells Frost-Arie singen, aber nicht wirklich bis sieben zählen können – es sind in Zürich nämlich nur sechs Zwerge. Sie heißen Zwingli, Dada, Dürri, Fischli-Weiss, Spürli und Sprüngli. Als sie Schneewittchen in ihrem Haushalt anstellen, fragen sie: Was ist dein Nutzen? Kannst du spülen? Kannst du putzen? Dieses mitleidlose Schweizer Miteinander löst sich dann parodistisch in ein Drei-Generationen-Haus auf und wird mit viel Musik über die Beauty Queen abgefedert.

© Zoe Aubry/Schauspiel Zürich

Anarchischer Märchenerzähler

Nicolas Stemanns Märchenstunde gibt ihre anarchische Grundhaltung erst nach und nach preis. Sie teilt nach links und rechts aus, erklärt den Unterschied zwischen Brutto und Netto, nimmt verwöhnte Züricher High-Society-Kids auf den Arm und will ihnen trotzdem so etwas wie Wahrheit vermitteln. Das ist viel lustiger und auch politischer als "Früchte des Zorns", die andere neue Züricher Inszenierung von Christopher Rüping, die schematisch arme migrierende Landarbeiter in aschgrauen Gewändern gegen Figuren aus dem American Show Business verteidigt.

Wieder am 13., 16. und 17. November am Schauspielhaus Zürich-Pfauen, weitere Termine.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!