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Frankfurter Städel feiert Tizian und seine Zeitgenossen | BR24

© Städelmuseum Frankfurt

Tiziano Vecellio, Bildnis der Clarice Strozzi

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    Frankfurter Städel feiert Tizian und seine Zeitgenossen

    Feierliches Goldgelb, saftiges Grün der Palmblätter, ultramarinblauer Himmel: Tizian schwelgte gern im Rausch der Farben und ihrer Materialität. Das Städel-Museum in Frankfurt zeigt jetzt Gemälde von ihm selbst und seinen Zeitgenossen.

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    Tizian, der vermutlich 86 Jahre alt war, als er im Jahr 1576 starb, ist die übermächtige Figur der venezianischen Renaissancemalerei. Ihm und seinen Zeitgenossen ist eine aufwändige Ausstellung im Frankfurter Städel Museum gewidmet, die nicht weniger als 100 Werke versammelt, 20 davon aus der Hand des Meisters selbst. Ein Farbrausch, ein Figuren-Panorama, eine Porträt-Galerie der Sonderklasse. Der Auftakt ist schwerlich zu überbieten. Bilder zur Sacra Conversatione: Die Madonna im Gespräch, in der Interaktion mit Heiligengestalten. Carpaccio, Bellini, Lotto, Tizian, Bassano. Und im Mittelpunkt Veroneses Altarbild "Ruhe auf der Flucht nach Ägypten" von 1572. Ein farbschmetterndes Bilder voll erzählerischer Kapriolen. Die Jungfrau stillt den Jesusknaben, ein Engel schwebt in der Palme und wirft Datteln herunter, das Leibchen des Kindes ist zum Trocknen in die Büsche gehängt.

    © Städelmuseum Frankfurt

    Tiziano Vecellio, "Noli Me Tangere" (ca. 1514)

    Feierliches Goldgelb, saftiges Grün der Palmblätter, schrilles Pinkorange der Kleider, ultramarinblauer Himmel. Die venezianische Renaissance in Bestform. Kurator Bastian Eclercy: "Deren Kunst basierte auf dem Colorito, also auf der Farbe, der Farbigkeit und auch dem Farbauftrag. Das heißt, Farbe heißt für die Venezianer nicht nur Farbton, sondern es heißt immer auch Farbmaterie. Der Pinselstrich, der Auftrag der Farbe ist besonders relevant und wird sichtbar belassen, als Werkspur gewissermaßen. Diese Bilder sind gemachte Bilder und sie zeigen das auch, dass sie gemachte Bilder sind."

    Palmzweig wie ein exotischer Vogelschwanz

    Kein Wunder, dass Tizian dem Farbenhändler Alvise Gradignan eines seiner schönsten Porträts widmet: Venedig als Zentrum der Luxusindustrie war seinerzeit Drehscheibe für einen weitreichenden Pigmenthandel. Ein Standortvorteil, der zum Kult um die Farbe führt. Tizian adelt seinen Farbenhändler mit einem Palmzweig, der wie ein exotischer Vogelschwanz aus dem schwarzen Gewand hervorragt. Auf der Fensterbrüstung ist das Farbkästchen mit dem Spatel abgestellt. Immer wieder sind es die erzählerischen Details, die an Tizians Männerporträts so großes Vergnügen bereiten. Bastian Eclercy: "Tizian ist einer der großen Porträtmaler des 16. Jahrhunderts, nicht nur in Venedig, sondern in ganz Europa und prägend für die große Tradition der Porträtmalerei. Daran haben sich alle orientiert, ob es ein später Rubens ist oder Velasquez, die großen Porträtisten der europäischen Kunstgeschichte. Was dabei ein Sonderfall ist, ist unser eigenes Tizianporträt. Es ist Tizians kleinstes Bild: das Bild eines Jünglings, auf den Kopf fokussiert, seine Kappe, den Anschnitt seines Gewandes in einem uns heute ganz modern erscheinenden Bildausschnitt im Miniaturformat. Das fällt raus aus dieser großen Gruppe, und das finden wir auch besonders reizvoll."

    © Städelmuseum Frankfurt

    Tiziano Vecellio, Bildnis eines Jungen Mannes

    Lässig elegante junge Männer

    Den Besonderheiten der venezianischen Renaissance geht die Frankfurter Ausstellung in acht Themenkapiteln nach. Sie zeigt die Entdeckung der Landschaft, die Auseinandersetzung mit dem männlichen Akt in den Heiligenbildern, die Idealdarstellungen schöner Frauen, die lässig eleganten jungen Männer in Schwarz, die ihrem adeligen Status alle Ehre machen. Die Bilder entfalten sich vor einer Wandfarbe, die sich am besten als Aubergine bezeichnen lässt. Sie liefert nach Meinung von Bastian Eclercy den gebührend feierlichen Hintergrund für das Renaissance-Theater: "Ich wollte eigentlich einen Ton haben, der Anteil hat an diesem typisch venezianischen Rot, was so etwas himbeerfarben ist, das sich aber davon absetzt, sich damit nicht beißt. Bei der Hängung weiß man dann erst, ob es wirklich funktioniert. Und als die Bilder an die Wand kamen und die Scheinwerfer drauf kamen, waren wir selbst sehr glücklich, dass es in fast allen Fällen wunderbar funktioniert und die Bilder richtig erstrahlen lässt davor."

    © Städelmuseum Frankfurt

    Tiziano Vecellio, Bildnis des Alfonso Davalos (Ausschnitt)

    Madonna mit Kaninchen aus dem Louvre

    Die rosafarbenen Kolonaden allerdings, die diese Ausstellung als venezianische Architekturchiffre durchziehen, sind eine geschmackliche Entgleisung. Einigermaßen kühn auch der Schlusspunkt mit zwei großen Museumsfotografien von Thomas Struth. Bastian Eclercy: "Das heißt, wir holen den Besucher dort ab, wo er grade steht, nämlich im Zeitalter der Musealisierung der Malerei. Und er kann sich gewissermaßen auf einer Bank sitzend beim Betrachten selbst zugucken und der besondere Clou ist: Auf dem Louvre-Foto sieht man an einer Stelle ein Bild, was man schon kennt aus der Ausstellung, nämlich die berühmte Madonna mit dem Kaninchen aus dem Louvre, die man im ersten Saal als eine der prachtvollen Leihgaben auf der linken Wand schon bewundern konnte. Da schließt sich gewissermaßen der Kreis."

    Fazit: eine erstaunliche, eine überreiche Ausstellung. In ihr lassen sich Stunden verbringen, die man nicht bereuen wird.

    Die Ausstellung ist bis 26. Mai 2019 im Städel-Museum Frankfurt am Main zu sehen.

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    Autor
    • Rudolf Schmitz
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