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St. Vincent nähert sich dem klassischen Songwriter-Genre | BR24

© picture alliance/AP/Invision

St. Vincent bei einem Auftritt in Austin City

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St. Vincent nähert sich dem klassischen Songwriter-Genre

Sie wirkt wie eine femme fragile, traut sich aber Musik zu, die dissonant und schräg klingt. Nun veröffentlicht St. Vincent, die Wert auf verstörende Outfits legt, eine akustische Fassung ihres letzten Studio-Albums vor. Absolut kein Nebenprodukt.

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Eine "Piano Version" eines Studio-Albums als eigene Veröffentlichung? Das ließe vermuten, die neue Scheibe sei zweitklassig. "Mass Education", die letzte große Produktion von St. Vincent, war eines der Pop-Alben des letzten Jahres. Darauf zu hören sind klobige Synthie-Sounds und Disco-Beats, die die Songschreiberin mit einem Mainstream-Pop-Produzenten erarbeitet hat.

Ein langsamer Disco-Song und der Tod

Tatsächlich könnte die zuerst veröffentlichte Album-Version als harmloser Teenie-Pop durchgehen, wären da nicht die Song-Texte. Sie kreisen um alltägliche Krisen und Überforderungen, um Entfremdungs- und Außenseitergefühle – alles wird notwendigerweise erträglich durch den Konsum von Medikamenten. So formuliert St. Vincent in der Ballade "Slow Disco" Verlorenheits-Gefühle, schwelgt in Vanitas-Gedanken, die sich beim Besuch eines Clubs einstellen, dem Ort, der gemeinhin für Ausgelassenheit steht: "Denk ich, was auch die anderen denken?", singt sie. Und weiter: "Ich bin froh, es hierher geschafft zu haben, kann es aber kaum erwarten, wieder zu gehen". Und: Kündigt nicht selbst ein langsamer Disco-Song den Tod an?

Man merkt schon: Die zerbrechlich wirkende Annie Clark, wie sie eigentlich heißt, ist eine ungewöhnliche Songschreiberin. Mutig ruft die Popsongautorin aus Texas zur Vorsicht vor einem sogenannten "normalen" Lebensentwurf auf, vor einer 0815-Existenz mit Heterosexualität, Heirat und Elternschaft. Den Künstler-Namen St. Vincent hat sie übrigens vom Sterbeort des großen Dichters Dylan Thomas übernommen, der seinen letzten Atemzug im St. Vincent’s Hospital in New York tat. Zu ihrer Verwandtschaft zählt das renommierte Duo Tuck and Patti – von Onkel Tuck, dem Gitarren-Virtuosen, hat sie sich einiges abschauen können. St. Vincent, die durch glamouröse, verstörende Outfits auffällt, ist zudem bekennender David-Bowie-Fan. Wie ihr Vorbild erfindet sie sich als Projektionsfläche immer wieder neu. Die Spannung zwischen ihrem Selbst-Verständnis und der Realität wird in ihrer Musik hörbar.

Romantischer Tastenzauber

"Ich glaube, Sexualität ist fließend", sagt St. Vincent. "Selbst Gender, finde ich, ist ohne feste Grenzen. Viele Teile der Identität sind reine Konstrukte, andere wiederum Zufall. Ich finde, es ist eine spannende Zeit, um zu herauszufinden, für was das Menschsein gut sein kann." Bisher präsentierten St. Vincents Alben, wenn man so will, Pop in Großbuchstaben – Song-Artefakte mit wuchtigen Sounds, die an flackernde Neon-Schriftzüge erinnern. Auf der Piano Version von "Mass Education" nähert sich die selbstbewusste Stil-Ikone des modernen Pop dem gewissermaßen "klassischen" Songschreiber-Genre. Dass diese Aufnahmen nicht bloß aus einer Laune heraus entstanden sind, sondern dass es sich hier um vollgültige Statements handelt, hat auch mit dem Spiel des Pianisten Thomas Bartlett zu tun. Er ergeht sich in der Rolle des Begleiters nicht nur in romantischem Tastenzauber.

Bartlett, der mit den Wainwright-Geschwistern Rufus und Martha gearbeitet hat, mit Norah Jones und The National, dämpft die Saiten des Flügels mit dem Arm, verwendet Mehrspurverfahren und sorgt für eine überraschend zeitgenössische, kammermusikalische Inszenierung der Musik. Hinzu kommt der makellose Gesang von St. Vincent. Nein, dies ist kein billiges Second-Hand-Produkt, sondern eine überaus verblüffende Interpretation der Songs von St. Vincent. Bestens geeignet, um sich mit dem Werk dieser Pop-Künstlerin vertraut zu machen …

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