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"Ein Schimpanse ist so intelligent wie ein dreieinhalbjähriges Kind", sagt T.C. Boyle. "Was gibt uns das Recht, Experimente mit ihnen zu machen?" Das Verhältnis von Affe und Mensch - darum geht's in seinem neuen Roman "Sprich mit mir".

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"Sprich mit mir": T.C. Boyle zeigt uns im Spiegel des Tiers

Was unterscheidet uns von den Schimpansen? Gar nicht so viel, sagt Boyle. In seinem neuen Buch sind Affen auch nur Menschen, schlau und womöglich im Besitz von Sprache. Versuchstier Sam verliebt sich auch prompt in Forscherin Aimée – und umgekehrt.

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Von
  • Cornelia Zetzsche

Schon immer war T.C. Boyle fasziniert von der Beziehung Mensch und Tier. "Mich fasziniert das Rätsel des Lebens auf diesem Planeten, der absichtslos ist, beherrscht vom Zufall. Religion will eine Erklärung bieten, wo es keine gibt. Wir existieren, wir leben, wir sterben, das war's. Vor allem mit der Religion leugnen wir, daß auch wir nur eine Art Tier sind, aber das sind wir." Von Anfang an habe er über unseren Platz als Lebewesen auf dieser Erde geschrieben, was es bedeute, wer wir sind. Bei diesen Themen bleibe er.

Bereits in seinen ersten Erzählungen 1979, "Tod durch Ertrinken", verliebte sich eine Primatenforscherin in einen Schimpansen. Nun heißt er Sam und sie Aimée, sie trägt die Liebe schon im Namen, Aimée, er ist ein Forschungsobjekt. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick, als Aimée erstmals in der Tür steht, als studentische Hilfskraft eines Primatenforschers und als Nanny für Sam, den Schimpansenjungen. Ein Ausschnitt:

"Sam hockte inmitten des verstreuten Inhalts der Einkaufstüte auf der Veranda und starrte in die Augen der Frau, der Schüchternen mit dem hübschen Gesicht. Aimée. Er rannte nicht, er rührte sich nicht. Er sah über die Schulter zu Guy, der sich gerade auf ihn stürzen wollte, gebärdete TUT MIR LEID, TUT MIR LEID – und sprang ihr in die Arme."

Zufällig hatte Aimée im Fernsehen Professor Guy Schemerhorn gesehen, der behauptete, er könne mit seinem Schimpansen reden. Und sie, die Scheue, der die Sprache fehlt, will mit Sam sprechen –unbedingt! Sie tut es, lernt Sams Körpersprache, "gebärdet" mit ihm, ganz differenziert. Wir befinden uns in den 1970er, 1980er Jahren, als die Verhaltensforschung angesagt ist. Und Guy will wissen, wie sich ein Schimpanse bei menschlicher Erziehung entwickelt. Sam isst mit am Tisch, blättert in der Zeitung, schläft mit Aimée in einem Bett.

Erst: Aberwitzige Affenliebe. Und dann: Verstörendes Liebesdrama

Wer sind wir ohne Sprache? Wo beginnt und endet Sprache? Versteht Sam die Syntax? Funktioniert Bewusstsein ohne Wörter? Können Schimpansen fühlen? Angst, Glück, Liebe? T.C. Boyle stellt naturwissenschaftliche Fragen im Roman, der zur Dreiecksbeziehung wird: zwischen Sam, Aimée und Guy. Und weil Eifersucht im Spiel ist, Profitgier und ein Chef, der Sam gewinnbringend für biomedizinische Tierversuche verkaufen will, wird aus der aberwitzigen Affenliebe ein hochemotionales, verstörendes Liebesdrama mit Suspense und schonungslosem Blick auf die brutale Entfremdung von Mensch und Tier.

Kein Zufall, dass Boyle in seinem Haus in Kalifornien seinen Enkel, Kleinkind Wolfgang, Hund und Katze um sich hat, als er von Sam spricht: "Ein Schimpanse ist so intelligent wie ein dreieinhalbjähriges Kind, und wir alle wissen, wie intelligent die sind", sagt er. "Was gibt uns das Recht, sie in einen Käfig zu sperren, Experimente mit ihnen zu machen, sie mit Krankheiten wie AIDS vollzupumpen? Was soll das? Und was macht ihr Bewusstsein aus?"

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Ganz bekanntes Gesicht: Der auch bei uns vielgelesene US-Bestsellerautor T.C. Boyle (72)

Boyle hat Fachbücher gelesen, er kennt Jane Goodall und andere berühmte Forscher. Sein Sam ist dem Schimpansen Nim nachempfunden, an dem Herbert Terrace seinerzeit die Tiersprache erforschte. Wie Nim wurde Sam in Afrika seiner Mutter geraubt und in menschliche Kleider gesteckt. Vermenschlichung als inhumaner Akt, aus Profitgier, aus Liebe – und aus Lust am Erzählen, wie bei Boyle, der Sam in der Käfighölle rebellieren lässt und in Sams Haut schlüpft.

"Das war für mich der größte Spaß. Ein Künstler möchte sich nicht immer wiederholen", sagt er. "Auch um das Interesse meiner Leser zu erhalten, suche ich neue Ansätze. Und hier heißt das, mich selbst zu erforschen, indem ich das Gehirn einer anderen Kreatur bewohne."

"Sprich mit mir" – das sind wir im Spiegel des Tiers

Boyle erzählt dieselben Szenen aus drei Perspektiven: von Guy, der eitel nur an seine Karriere denkt. Aimée, die liebt und mit ihrem Rettungsversuch scheitert, und Sam als tragischer Held, als geschundene Kreatur, als Symbol für die malträtierte Natur. "Sprich mit mir" zeigt uns im Spiegel des Tiers. Auch die Vermenschlichung hat unmenschliche Züge. Aber weil Boyle ein überaus freundlicher, heiterer Zeitgenosse ist, zeigt er das mit Empathie, Spannung und größter Erzählfreude, im Wissen um seine Leser und Leserinnen.

"Dieses Buch wird Leute anziehen, die ein Haustier haben, Hunde, Katzen, Pferde, was auch immer", sagt Boyle. "Sie kommunizieren mit uns, sie sprechen nur nicht unsere Sprache, sie haben ihre eigene Sprache, und bis zu einem gewissen Grad lernen wir ihre Sprache, sie ist genauso gültig. Ja, Sam hat Gefühle. Ja, er beginnt, sobald er sich die Kultur angeeignet hat, ansatzweise Fragen zu stellen über die Existenz."

"Sprich mit mir" ist im Hanser Verlag erschienen, hat 352 Seiten und kostet 25 Euro.

© Hanser Verlag / Montage: BR24
Bildrechte: Hanser Verlag / Montage: BR24

"Sprich mit mir" von T.C. Boyle, erschienen im Hanser Verlag und übersetzt von Dirk Gunsteren. Hat 325 Seiten, kostet 25 Euro.

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