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Spirituelle Angebote im Netz: Was bleibt nach dem Shutdown? | BR24

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Schrittweise kommt wieder Bewegung in unseren Alltag, die Corona-bedingten Einschränkungen werden nach und nach gelockert.

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Spirituelle Angebote im Netz: Was bleibt nach dem Shutdown?

Sofa-Gottesdienste per YouTube, Seelsorge per Video-Konferenz: Etliche Gemeinden wurden in den vergangenen Wochen kreativ, um im Kontakt mit den Gläubigen zu bleiben. Was können die Kirchen von diesen Innovationen für die Post-Shutdown-Ära lernen?

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Eine Woche ist es her, dass die evangelische Kirche St. Ulrich in Augsburg ihren letzten so genannten Sofa-Gottesdienst gefeiert hat. Ein Familiengottesdienst zum Mitmachen - digital aufgezeichnet und bei YouTube hochgeladen.

Es ist ein Mitmachformat - mit Liedern zum Mitsingen, einem Livechat und einer Kreativphase, in der Teilnehmer zu Hause auf dem Sofa oder am Frühstückstisch Engel basteln oder Sonnenblumen anpflanzen konnte. Pfarrer Bernhard Offenberger zieht eine positive Bilanz, wenn er auf die Klickzahlen schaut. Die sind nämlich sehr viel höher als die Zahl der Gottesdienstbesucher, die normalerweise sonntags in seine Kirche kommt. "Ich finde es schön, dass auch Leute, die sonst nicht in der Kirche sind das Angebot gerne wahrgenommen haben, weil sie gemerkt haben, das kann ich einfacher in meinen Alltag integrieren."

Lokale Strukturen von hoher Bedeutung

Das Angebot, das Kirchengemeinden in den zurückliegenden Wochen im Internet geschaffen haben, ist groß. Gottesdienste wurden live gestreamt, Andachten aufgezeichnet, Filme gedreht, Newsletter verschickt. Die Wochen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkung haben in vielen Ortsgemeinden kreative Potenziale freigesetzt, beobachtet die Professorin für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin, Ruth Conrad. Die Pfarrer, sagt sie, wollen vor Ort mit ihren Gemeinden in Verbindung bleiben, wollen ihre Gottesdienste und die Kirche als Ort sichtbar machen. Dabei spielen lokale Akteure eine wichtige Rolle, so Conrad.

Wie zum Beispiel Schüler, die sich um die Technik kümmern, lokale Musiker, aber auch Mitwirkende über den kirchlichen Bereich hinaus. "Was bleibt aus dieser Corona-Zeit", meint Ruth Conrad, "ist dass wir gemerkt haben, dass die lokalen Strukturen von hoher Bedeutung sind und dass sie für die Kirche einen großen Schatz darstellen."

Senioren-Treffen per Telefon-Konferenz

Gemeindeleben ist aber nicht nur der Gottesdienst am Sonntag. Da gibt es den Seniorenclub genauso wie das Jugendtreffen. Kirchen- oder Posaunenchöre genauso wie Meditationsgruppen. Vieles fand und findet weiterhin nicht statt. Und doch gab es auch in der Krise Versuche, aktives Gemeindeleben aufrechtzuerhalten.

In Augsburg zum Beispiel lädt Jugendpfarrer Bernhard Offenberger regelmäßig zum gemeinsamen Singen ein, anfangs auf Youtube, inzwischen über das soziale Netzwerk Instagram. Einmal in der Woche trifft sich der Augsburger Seniorenkreis aber auch über eine Telefonkonferenz.

Vielerorts sind Kirchen offen, um ein Gebet zu sprechen oder eine Kerze anzuzünden. Der Freiburger Religionssoziologe und katholische Theologe Michael Ebertz beobachtet, dass Menschen gerade in dieser Zeit immer wieder in der Kirche Halt und Orientierung suchen. "Pfarrer haben mir erzählt, dass sie jetzt viel mehr Anrufe von Menschen bekommen, die schlicht und einfach Angst haben." Auch am Telefon oder per Skype in solche seelsorgliche Kontakte zu treten, sei eine Chance, glaubt Michael Ebertz: "Man muss sich gar nicht in ein Pfarrhaus hineinbewegen. Man kann auch seine Sprechstunden, seine Seelsorge, in einer Videokonferenz digital praktizieren." Das haben nur viel mehr Menschen als vorher verstanden, sagt Ebertz.

Lernen für die Post-Shutdown-Ära

Bleibt die Frage: Was davon lässt sich für die Post-Shutdown-Ära lernen? Pfarrer Bernhard Offenberger etwa denkt darüber nach, den Sofa-Gottesdienst auch nach der Krise in irgendeiner Form wiederzubeleben. Prinzipiell beobachtet der katholische Theologe Michael Ebertz, dass viele Gemeinden in den zurückliegenden Wochen – was digitale Kenntnisse angeht – viel dazugelernt und sich weiterentwickelt haben.

Dabei darf es allerdings nicht bleiben, sagt Ebertz. Er fürchtet, dass Kirchen vielerorts die Chancen verkennen, die die Digitalisierung für die Zukunft mit sich bringt: "Man will zurück zur Gemütlichkeit von gestern, obwohl die ja auch nicht gemütlich war. Man tut so, als würde die ganze Welt, die ganze deutsche Gesellschaft nur nach Gottesdiensten lechzen. Dabei gehen auf katholischer Seite nicht einmal mehr zehn Prozent am Sonntag in die Gottesdienste. Man nimmt nicht wahr, was an neuen Chancen eigentlich entsteht."

Michael Ebertz findet, dass mancherorts nicht kreativ genug mit der Krise umgegangen wird: "Ich nehme nicht wahr, dass man sich wirklich der digitalen Transformation stellt."

"Religion ist systemrelevant"

Und doch lässt sich nicht alles ins Internet verlagern. Auch das ist eine Erfahrung der zurückliegenden Wochen, wo gerade in den Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen die Seelsorge-Angebote enorm eingeschränkt waren.

Darauf weist die evangelische Theologin Ruth Conrad hin. Zur Kirche gehört eben auch der persönliche Kontakt: Im Seelsorge-Gespräch, bei der Sterbebegleitung, der Begleitung von Trauernden oder bei den sogenannten Kasualien – also Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. "Ein Mensch, der verstorben ist ohne dass letzte Dinge noch einmal geklärt werden konnten, ohne dass der Sterbende getröstet werden konnte, das lässt sich nicht nachholen, da bleibt für uns die Aufgabe, den Diskurs über die großen Dinge des Lebens noch einmal neu zu führen", so Conrad.

Für die großen Lebensthemen, für Fragen wie "Wie wollen wir leben?", "Wie wollen wir sterben?", "Kommen wir da ohne Schuld raus?" ist die Religion zuständig, sie ist systemrelevant, meint Ruth Conrad: "Hier hat sie was zu bieten, große Erzählungen, die nicht digital zu ersetzen sind." Ruth Conrad ist davon überzeugt: Unter diesem Aspekt wird – wenn irgendwann wieder kirchliches Leben wie gewohnt möglich ist – viel aufzuarbeiten sein.

Mehr zum Thema "Nach dem Corona-Shutdown - Leben in der "neuen Normalität" in der Sendung Theo.Logik um 21 Uhr auf Bayern2, und zum Nachhören als Podcast.

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