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Spionin in Nazi-Deutschland: Dokumentarfilm über Marthe Cohn | BR24

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Die Jüdin Marthe Cohn wurde vom französischen Geheimdienst wegen ihrer perfekten Deutschkenntnisse als Spionin nach Nazi-Deutschland geschickt, um kriegswichtige Vorhaben zu erkunden. Ihr Leben wird nun als Dokumentarfilm gezeigt.

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Spionin in Nazi-Deutschland: Dokumentarfilm über Marthe Cohn

Die Jüdin Marthe Cohn wurde vom französischen Geheimdienst wegen ihrer perfekten Deutschkenntnisse als Spionin nach Nazi-Deutschland geschickt, um kriegswichtige Vorhaben zu erkunden. Ihr Leben zeigt nun ein Dokumentarfilm.

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Ihre hellwachen Augen wirken beinahe jugendlich. Die fast 100-jährige Marthe Cohn sitzt in einem Filmtheater in Haifa im Norden von Israel. Sie besucht die Premiere des Dokumentarfilms über ihr Leben. Noch immer spürt man den Kampfgeist einer jüdischen Frau, die in jungen Jahren alles riskiert hat, um dem Nazi-Terror etwas entgegenzusetzen.

"Ich konnte Hochdeutsch sprechen. Und der französische Geheimdienst suchte Frauen, die Deutsch sprachen. Denn Männer, wären sofort aufgefallen, wenn sie damals ohne Uniform auf der Straße rumgelaufen wären." Marthe Cohn

Erst als unscheinbar abgetan, dann vom französischen Geheimdienst entdeckt

Marthe wächst in ihrer jüdischen Familie im französischen Metz nahe der deutschen Grenze auf. Ihre ältere Schwester und ihr Verlobter sind in der Résistance gegen die deutschen Besatzer aktiv, beide werden von den Nazis ermordet. Die Widerstandskämpfer lehnen Marthe zunächst ab, sie sei zu zierlich, klein und unscheinbar. Doch gerade ihr unauffälliges Wesen entpuppt sich als Stärke. Der französische Geheimdienst zeigt Interesse.

Mit 24 wird die Jüdin Marthe Cohn Spionin. Ihr Auftrag: In Deutschland auszukundschaften, wo sich deutsche Truppen ab 1944 gegen den Vormarsch der Alliierten verschanzten. Und welchen Rückhalt das NS-Regime noch in der Bevölkerung hat.

© Nicola Hens

Marthe Cohn bei der Französischen Armee

Fingierte Liebesbriefe als "Lebensversicherung"

Cohns Deckname war Martha Ulrich. "Ich hatte gefälschte Papiere und ein Alibi für die Deutschen. Demnach war ich in auf der Suche nach meinem in den Kriegswirren verlorenen Verlobten namens Hans." Hans gab es wirklich - kannte sie aber nicht. Er saß in Frankreich in Einzelhaft: "Die Franzosen zwangen ihn, mir Liebesbriefe zu schreiben, die ich bei mir trug... Sie begannen mit 'Liebste Martha'."

Immer wieder entkommt Marthe Cohn nur knapp den Nazi-Schergen. Als der Hunger sie eines Abends in ein grenznahes Restaurant treibt, schöpft der Wirt, eine Art Blockwart, Verdacht. "Ich schlotterte mit den Zähnen vor Angst, als er zu seiner Frau sagte, 'sie ist sehr verdächtig', und sich vor mich setzte und befragte", sagt Cohn zu dieser Begegnung.

Ihr Alibi vom verlorenen Verlobten rettet die Spionin. Die Liebesgeschichte erweicht 1945 auch das Herz eines Wehrmachtsoffiziers, der ihr Schutz bieten will und so die exakte Stellung der deutschen Truppen im Schwarzwald verrät. Sie hatten sich dort versteckt, um die näher rückenden Alliierten zu überraschen. Die Alliierten umgehen die Gegend und vermeiden so wohl viele Tote.

Von Vortrag zu Vortrag - unermüdlich mit 100 Jahren

Die Doku "Chichinette - wie ich zufällig Spionin wurde" zeigt, wie eine außergewöhnliche Frau von Vortrag zu Vortrag reist, um über ihr Leben zu sprechen. Die Berliner Dokumentarfilmerin Nicola Hens hat Marthe Cohen in den vergangenen Jahren begleitet. Hens sagt, sie habe auf diesen Reisen und bei diesen Vorträgen beeindruckt, wie Jugendlichen auf Cohns Geschichte reagieren", wenn sie Marthe vor sich haben".

Ihre Mission heute: Der Kampf gegen das Vergessen

In einer Schlüsselszene des Films fragt ein Besucher ihres Vortrags Marthe Cohn, warum er auf Denkmälern der Résistance keine Frauennamen findet. Sie entgegnet: "Mein Name kann auf Denkmälern ja nicht stehen, weil ich ja noch am Leben bin." Ihr Humor habe ihr auch geholfen, die schwierige Zeit zu überstehen.

Marthe Cohen kämpft gegen das Vergessen. Die Erinnerung wachzuhalten, ist ihre letzte Mission. Das, sagt ihr Mann, der sie zur Filmpremiere in Israel begleitet hat, hält sie am Leben.

"Wenn man die Vergangenheit nicht kennt, kann man die Zukunft nicht gestalten." Marthe Cohn

Der Dokumentarfilm "Chichinette - wie ich zufällig Spionin wurde" hatte auf den Hofer Filmtagen 2019 Premiere und wird dort am Sonntag noch einmal gezeigt.