BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Spionage-Gen gefragt: "We Never Sleep"in der Kunsthalle Schirn | BR24

© Audio: BR/ Bild: Rodney Graham, Newspaper Man, 2017, Museum Voorlinden, Wassenaar (The Netherlands)

"We Never Sleep": Die Frankfurter Schirn beleuchtet Zusammenhänge von Kunst und Spionage – spannend, aber undurchschaubar!

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Spionage-Gen gefragt: "We Never Sleep"in der Kunsthalle Schirn

Eine Kugelschreiberkamera, ein Spazierstock mit Giftladung, Edward Snowden und von ihm inspirierten Künstler*innen und und und: Die Frankfurter Schirn beleuchtet Zusammenhänge von Kunst und Spionage – sehr spannend, aber undurchschaubar!

Per Mail sharen

Da sitzt jemand auf einer Parkbank im Grünen und hält sich eine Zeitung vor das Gesicht. Zwei Gucklöcher in der Titelseite jedoch zeigen die weit aufgerissenen Augen eines stillen Beobachters. Rodney Grahams Aluminiumleuchtkasten mit dem lebensgroßen Diapositiv ist zweifellos das schlichteste Kunstwerk zum Thema Spionage. Aber der "Newspaper Man" ist zugleich auch Sinnbild für uns Ausstellungsbesucher: Wir alle werden zum Voyeuren, versuchen, hinter die Geheimnisse zu kommen, die hier zelebriert werden.

Spannend undurchschaubare Verhältnisse

Die Bandbreite der Ausstellung ist, freundlich gesagt, beträchtlich: Das reicht von Instrumentarien der Spionage wie der Kugelschreiberkamera, dem Spazierstock mit der Giftladung, dem Schuh mit dem Versteck im Absatz über Filmplakate und Filmausschnitte bis zu hochkomplexen Künstlerstatements zu Verschwörungstheorien und militärisch staatlichen Forschungsprogrammen. Aber – war die Welt der Spione nicht schon immer kompliziert? Hollywood jedenfalls bezog daraus seine stärksten Stoffe.

© Per Tingleff

Noam Toram, Still from If we never meet again, 2010

Zum Beispielt führt Mankiewiczs Film "Five Fingers" aus dem Jahr 1951 in die Türkei des Zweiten Weltkriegs, eine französische Gräfin versucht sich als Spionin. Spannend undurchschaubare Verhältnisse, das Leitmotiv der Ausstellung. Kunsthallendirektor Philipp Demandt: "Es geht um diesen sehr schmalen Grat zwischen Wahrheit und Lüge und zwischen der Art und Weise, wie eigentlich zwischen Fiktion und Realität die Grenzen auch verschwimmen".

Künstler*innen entlarven staatliche Vernebelungsaktionen

Wie gefährlich diese Gratwanderung sein kann, erfuhren einige Künstler am eigenen Leib, was Demandt am Beispiel der DDR erläutert: "Für mich ist eine ganz wichtige Arbeit in der Ausstellung die von Cornelia Schleime, die sich auf der einen Seite mit dem Titel 'Ich halte doch nicht die Luft an' eine Plastiktüte über den Kopf zieht, sich damit fotografiert und damit auf ihre Ausbürgerung aus der DDR reagiert. Und das konfrontiert sie mit Stasi-Akten von ihr – sie ist ja selbst überwacht worden –, die sie künstlerisch verarbeitet und mit Fotos collagiert, die so in diesen Akten nicht vorhanden waren . Das heißt, Sie haben in der künstlerischen Verarbeitung oft noch zwei, drei Umdrehungen mehr als im kulturhistorischen Objekt“.

© Bernd Hiepe

Cornelia Schleime, I won't hold my breath after all, 1982

Die Frankfurter Ausstellung vermittelt den Eindruck, dass bestimmte Geheimnisse oder staatliche Vernebelungsaktionen eigentlich nur noch im Medium künstlerischer Aktivität den richtigen Ort haben, Aufklärung finden. Die in England gegründete Gruppe Forensic Architecture zum Beispiel versucht zu ermitteln, wer den venezolanischen Rebellenführer Oscar Pérez auf dem Gewissen hat. Co-Kuratorin Katharina Dohm: "Das ist eine Internetarbeit, in der man anhand von Dokumentationen, abgehörtem Polizeifunk, Zeugenaussagen, Mobiltelefonauswertung ecetera, versucht herauszufinden: Von wem ist er erschossen worden? Von den eigenen Leuten, von Milizen, von dem Militär, von der Polizei?“

Der Spion als Held

Whistleblower wie der ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden fügen der Kulturgeschichte der Spionage eine weitere entscheidende Facette hinzu: Der Spion wird zur positiven Figur, bekämpft staatliche Vertuschung und Fehlinformation. Von Snowden beeinflusste Künstler wie Trevor Paglen oder die Künstlerin Taryn Simon zeigen mit gefundenem Fotomaterial, welche Ungeheuerlichkeiten unter perfekten Oberflächen lauern. "Trevor Paglen zeigt ein Unterseekabel, ein hinreißend schönes Bild, man ist sofort in so einer Tiefseeromantik, und man muss drei mal hinschauen, um dort ein ganz kleines Kabel zu sehen", sagt Philipp Demandt. "Auf der einen Seite ist das eben das Kabel, das die Daten übermittelt, und zum anderen hat das eben auch etwas Psychoanalytisches: diese Untiefe, dieser Subtext, der mitschwingt".

© Trevor Paglen, Courtesy of the artist, Metro Pictures, New York, Altman Siegel, San Francisco

Trevor Paglen, Control Tower (Area 52); Tonopah Test Range, NV; Distance ~ 20 miles; 11:55 a.m., 2006, C-Print

Kein Zweifel: Die Frankfurter Ausstellung "We never sleep" will zu viel, kriegt die schillernde Geschichte der Spionage nicht wirklich in den Griff, kann die spezifische Erkenntnisleistung der Kunst nicht immer klar machen. Aber das Thema ist großartig und verdient geduldige Aufmerksamkeit. Wer genügend Zeit und das nötige Spionage-Gen mitbringt, ist hier goldrichtig.

Die Ausstellung "We Never Sleep" lauft in der Kunsthalle Schirn, Frankfurt, bis 10. Januar 2021.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!