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"Alle aufstehen": Spike Lee plant Film-Musical über "Viagra" | BR24

© Ian West/Picture Alliance

Spike Lee

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    "Alle aufstehen": Spike Lee plant Film-Musical über "Viagra"

    Das dürfte der erste Musikfilm über ein Potenzmittel werden: Gemeinsam mit dem britischen Sänger und Autor Kwame Kwei-Armah schreibt der Hollywood-Regisseur an einem Drehbuch über die Markteinführung der "blauen Pillen" – und über richtig viel Geld.

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    Die Meldung erscheint bizarr, ist aber durchaus ernst zu nehmen: Spike Lee hat sich mit dem Komponisten Stew Stewart und der Komponistin Heidi Rodewald ("Passing Strange", 2009) zusammen getan, um ein flottes Film-Musical über die Erforschung von "Viagra" zu produzieren. Co-Autor Kwei-Armah ist ein erfahrener Theatermacher in London und hat dort bereits mehrfach Shakespeare inszeniert. Grundlage für den Film soll ein Artikel sein, der am 1. September 2018 in der Zeitschrift "Esquire" erschien, die bezeichnende Überschrift: "Alle aufstehen". Verfasser war David Kushner, der für viele renommierte Medien arbeitet, darunter die "New York Times", und auch zahlreiche Bücher veröffentlicht hat, etwa über die beiden Videospiel-Entwickler John Carmack und John Romero ("Masters of Doom", 2003).

    77 Prozent gefälschte Tabletten im Umlauf

    Anlass für den Artikel war das 20-Jahre-Jubiläum der Markteinführung von "Viagra", dem ersten derartigen Potenzmittel, dessen Patent in Deutschland bereits am 22. Juni 2013 abgelaufen ist. Seitdem verdient nicht nur der Hersteller des Originals, der Pfizer-Konzern, kräftig am Wirkstoff Sildenafil, auch zahlreiche Nachahmer mischen im Markt mit. Kushner hatte ausführlich beschrieben, auf welche Widerstände die Entwicklung von "Viagra" stieß: An der Wall Street, im amerikanischen Kongress und bei der katholischen Kirche. Zwei Männer, so Kushner, hätten dafür gesorgt, dass alle Bedenken ausgeräumt wurden und eine "Liebesdrogen"-Industrie mit einem jährlichen Umsatz von zeitweise zwei Milliarden Dollar allein bei "Viagra" loslegen konnte. Inzwischen ist der Umsatz durch das abgelaufene Patent auf knapp 500 Millionen Dollar gefallen.

    Dem Artikel ist zu entnehmen, dass nach einer Studie 77 Prozent aller vermeintlichen "Viagra"-Pillen gefälscht sind. Darunter sollen Produkte sein, die nachweislich Leberversagen auslösen, zu Infarkten führen oder aus anderen Gründen potenziell tödlich sind. Das war aber nicht der Grund, warum es im Vorfeld Ärger mit der Entwicklung gab. Die Kirche argumentierte mit moralischen Bedenken, die Börse wollte Pfizer-Aktien nicht zum Gespött gemacht sehen, die Ärzte glaubten, kein Patient würde sich trauen, nach den Tabletten zu fragen und der Gesetzgeber teilte irgendwie alle Vorbehalte.

    © United Archives/Picture Alliance

    Potenzmittel: "Viagra"-Tabletten

    Marktreife beinahe ein Wunder

    Bei soviel Gegenwind ist es nach der Einschätzung von David Kushner schon eine Art "Wunder" gewesen, dass "Viagra" jemals Marktreife erlangte. Er porträtiert die beiden Pfizer-Mitarbeiter Rooney Nelson, einen jungen Marketing-Experten aus Jamaica, und Sal Giorgianni, einen Pharmakologen aus New York, die beide an das Produkt geglaubt und es mit höchster Professionalität durchgesetzt hätten.

    "Viagra" war zunächst als Mittel gegen Brustbeklemmungen in der Forschung. Ihm wurde zugetraut, die Blutgefäße zu weiten, was, wie sich schnell herausstellte, auch direkte Auswirkungen auf die Potenz hatte. Der Marketing-Mann Nelson war vor allem deshalb der richtige Mitarbeiter, um diese Erkenntnis zu Geld zu machen, weil er damals an der Markteinführung eines Medikaments gegen Prostata-Vergrößerung beteiligt war. Insofern hatte er beste Beziehungen zu Urologen, so David Kushner in seiner Recherche. Der Rest ist Geschichte.

    © Picture Alliance

    Tabletten der Zukunft: Sex in "Barbarella"

    "Trivial nur für Leute, die das Problem nicht haben"

    Damit ist jedoch auch klar: Die Konzentration auf zwei "Hauptdarsteller", die es mit mächtigen Gegnern aufnehmen, bietet genug Stoff für ein witzig-schwungvolles Musical. Und Anekdoten-Material für Song-Texte liegt auch längst vor. So soll Sal Giorgianni mal gesagt haben: "Einige Gruppen glauben, wir sollten nicht so eine triviale Arznei vermarkten. Nun, Sie kennen ja den alten Witz: Es ist nur für diejenigen trivial, die das Problem nicht haben."

    Übrigens hat Rooney Nelson inzwischen seine eigene Firma aufgemacht und berät in Marketing-Fragen. Seine Prognose: Demnächst kommen Tabletten, die nicht nur die Potenz steigern, sondern auch das emotionale Erleben. Diese Prognose hat 1967 schon der legendäre Science-Fiction-Film "Barbarella" mit Jane Fonda gewagt. Da allerdings brennt die "Liebesmaschine" effektvoll durch und alle Beteiligten entscheiden sich doch wieder für die "altmodische Variante".

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