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© Bayern 2 / kulturWelt

Spielart 2019 - Ein Beitrag von Stephanie Metzger

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Bitte berühren lassen

Lust aufs Experimentieren, Lust auf ungewöhnliche Spielorte – dafür steht das Münchner Theaterfestival "Spielart". In diesem Jahr wird in Museen aufgespielt, im Boxclub und im Waschsalon. Und für ein Stück heißt es: Unterarm freimachen ...

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Ich sehe ihn nicht, den jungen Mann, der hinter der Wand sitzt und mir über Kopfhörer von seiner Familie und der Flucht erzählt. Aber ich spüre ihn. Sanft und behutsam tupft er Farbe auf meinen Unterarm, den ich durch ein Loch in der Wand gesteckt habe. Zeichnet auf meine Haut eine Linie, ein Boot und kleine Figuren, die auf eine zweite Linie, die Grenze, zusteuern. Dazu höre ich Männer und Frauen von dem singen, was sie erlebt haben. Und von dem, was wir uns alle wünschen: Schutz, ein ruhiger Alltag, Empathie. Voraussetzung für letztere ist, dass Menschen berührt werden voneinander. In der Performance "As Far as my Fingertips take me" gelingt das so buchstäblich wie eindringlich. In einer Konstellation aus Distanz und Nähe, in einer Mischung aus anonymer und intimer Begegnung, die individuelle Erfahrung und existentielle Bedürfnisse zusammenführt, entsteht ein Kontakt, der als Zeichnung auf dem Unterarm eine ganze Weile nachwirkt.

Grenzen überwinden

Es sind solche Momente wie die in der Arbeit von Tania El Khoury aus Beirut und dem syrischen Street Art Künstler und Musiker Basel Zaraa, mit denen Theater Grenzen überwindet und berührt. Ein Vorsatz, der beim Eröffnungswochenende von Spielart beinahe alle Produktionen prägt. Der aber nicht immer mit der gleichen Intensität eingelöst wird. Weil sich die semi-dokumentarischen Erzählungen über die ideologische Vereinnahmung der aus Amerika nach Ungarn importierten Akazie als zu schwerfällig oder spröde erweisen zum Beispiel. So im Stück "Hungarian Acacia", das dem Widerspruch von globalisierter Botanik und nationalistischer Politik in Ungarn mit der Gründung einer subversiven Akatien-Bewegung den Spiegel vorhält. Oder auch, weil der Genre-Mix aus Ballett, Grand Guignol und Epischem Theater in "No President" des Nature Theater of Oklahoma nicht nur die Ausdauer der Tänzer auf die Probe stellt.

© Heinrich Brinkmöller-Becker

Aus der Produktion "No President "

In "No President" bewacht der gescheiterte Schauspieler Mike als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma nichts weniger als einen Theatervorhang. Man könnte auch sagen, das "wahre" Theater: Guckkasten, Trennung von Bühne und Zuschauerraum, die Bühne als Reich der Phantasie. Das ist erst einmal eine clever-ironische Eröffnungssetzung für ein Festival wie Spielart, das experimentelle Aufführungen zeigt. Beim Nature Theater of Oklahoma wird die Mission von Mike denn auch zum Ausgangspunkt für ein satirisches Theater über das Theater. Über eine sich ins Phantastische abschottende Kunst, deren Sinn auf dem Prüfstand steht. Über Missbrauch von Macht, in die sich so mancher gescheiterte Künstler – oder Politiker – hineinzusteigern fähig ist. Und über eine vermeintlich gesicherte Zivilisation, die sich im Angesicht von Gier und Begehren als brüchig erweist. Eine krude Mischung aus Liebesdrama, Shakespeareschem Intrigengeflecht und Splatter wird als durcherzähltes und von Amateuren und Profis durchgetanztes Handlungsballett präsentiert. Dessen doppelbödige Volten bleiben allerdings zu überschaubar, um über zweieinhalb Stunden zu fesseln.

Auf der Suche nach autobiografischen Wurzeln

Bei Faustin Linyekula überschreiten nicht Theaterstile, sondern die Holzglieder einer Skulptur die Grenzen. In Ausstellungsräumen des Hauses der Kunst berichtet der Tänzer, wie er eine versehrte kongolesische Skulptur aus dem Depot des Metropolitan Museum in New York zur Reparatur in ihr und sein Heimatdorf brachte. In diesen Erzählungen, in den Videos aus der Dorfgemeinschaft, durch seinen Körper und den einer Tänzerin entsteht in "Banataba", ein Vexierbild kultureller Identität zwischen Afrika, den USA und Europa, in dem für niemanden mehr eindeutig ist, wo Ursprünge liegen.

© Loys Linyekula

"Banateba": Unterwegs in die Heimat Kisangani, im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo.

Wie überhaupt Reisen, Recherchen und Spurensuchen zu autobiografischen Wurzeln sehr viele Arbeiten im Festivalprogramm von Spielart antreiben. Um dabei, wie Leiterin Sophie Becker resümiert, nicht selten eben doch beim Universellen anzukommen: "Meine Vermutung ist ein wenig, dass das mit einer allgemeinen Verunsicherung zu tun hat, wo man sich jetzt erst einmal auf das Grundsätzliche zurückzieht, auf die Frage, hörst du mir zu, kann ich dir was erzählen und können wir kommunizieren."

Spielart läuft noch bis 9. November

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