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Kultur

Aus für Online-SPEX: 40 Jahre Deutungshoheit in der Popkultur | BR24

© Audio: Bayern 2/ Bild: SPEX

Das letzte analoge Heft der SPEX 2018. Nun wird auch die Online-Ausgabe der legendären Musikzeitschrift eingestellt.

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Aus für Online-SPEX: 40 Jahre Deutungshoheit in der Popkultur

Fast 40 Jahre lang lieferte die SPEX zuverlässig Gedankenfutter für kritische Musikfans, seit Herbst 2018 nur noch digital. Jetzt ist auch die Online-Version des Popkulturmagazins Opfer der Corona-Krise geworden. Erinnerungen an eine große Ära.

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"Du studierst jetzt?", fragte der Punker, der immer schicke schwarze Klamotten trug. Anfang der 80er-Jahre war das. Er spielte in einer Band, ich spielte in einer Band. So etwas verbindet. "Könntest du mir", schlug er vor, "dann die SPEX mitbringen?" Die SPEX konnte man in der Kleinstadt in der Oberpfalz, in der wir aufgewachsen sind, nicht kaufen. Und so kam es, dass ich George, so hieß der Gute, jeden Monat die SPEX vorbeibrachte, erstanden im Zeitschriftenladen am Bahnhof in Regensburg.

Wie die Lieblingsband, in der man mitspielen durfte

Die SPEX war wichtig, nicht nur in der Provinz. Sie war die einzige Popmusik-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum, die sich den irritierenden New Wave- und Postpunk-Phänomenen widmete. Im Großformat, anfangs in nüchternem Schwarz-Weiß gehalten, wurden hier neue Popkünstler*innen und Bands vorgestellt. Es war klar, dass dies nicht mit dem Kumpeljournalismus geschehen konnte, der in älteren Rock-Musik-Zeitschriften wie SOUNDS angesagt war. In der SPEX wurde um die reine Lehre gerungen, um eine angemessene Sprache für Pop und New Wave, um Modernität. Christoph Gurk, zu Beginn der 90er-Jahre Chefredakeur des Kölner Blattes, erinnert sich: "Es war anstrengend, unterbezahlt, auch aufregend. Es wird ja immer so gesagt, dass die SPEX war wie die Lieblingsband, in der man mitspielen durfte. Das stimmt auch, aber zu Bands gehören natürlich auch Streitigkeiten, Flügelkämpfe, fast wie im Parlament mit unterschiedlichen Fraktionen, die sich auch ordentlich in die Haare gekriegt haben. Das hat das Blatt lebendig gemacht".

Diskurs-Rock im Sinne von SPEX

Hinreichend komplex war sie, die SPEX: Einige Plattenkritiken und Artikel waren so verstiegen, dass selbst gewillte Konsument*innen überfordert waren, aber so war das Leben eben und die Popmusik sowieso. Als zu Beginn der 90er die Bands der sogenannten Hamburger Schule starteten, schien es, als ob eine Generation von Künstler*innen die politischen und kulturellen Prinzipien der SPEX-Redaktion übernommen hätte. Man engagierte sich in den linken Wohlfahrtsausschüssen, die Musik wurde kurz darauf als Diskurs-Rock verschlagwortet, die Kunst des Zitats – damals war sie auf dem Höhepunkt.

Aufgrund ihrer klugen Autor*innen, die Hip-Hop analysierten und die Riot Grrrl-Bewegung propagierten, hatte die SPEX die Nase vorn, was die Deutungshoheit in der Popkultur anging. Bis dann eine Musikrichtung aufkam, die nicht ins Raster der Kultur-Theorien passte beziehungsweise auf Kriegsfuß stand mit der kritischen Theorie: Mit Techno, mit elektronischer Musik ohne Worte und offensichtlichem Programm, tat sich die SPEX anfangs schwer, bis Autoren wie Hans Nieswandt für Verständnis sorgten.

© SPEX

Screenshot der letzten Online-Ausgabe von SPEX

Puristisch und streng im Layout

Das Layout der SPEX und die optische Umsetzung der Themen verrieten einen gewissen Hang zum Minimalen, ja zum Protestantismus: Auf einer Seite stand ein supergeschmackvolles Schwarzweiß-Foto, möglicherweise von einem tollen Fotografen wie Wolfgang Tillmans, auf der gegenüberliegenden Seite thronte ein reiner Textblock. Nach Pop, einem die Sinne benebelnden Kulturprodukt, das das wahre Leben im falschen bedeuten kann, sah das nicht aus, eher wie Exegese und strenge Hermeneutik, aber es entsprach dem Niveau, wie Popkultur hierzulande verhandelt werden wollte.

Als die SPEX in den Nullerjahren nach Berlin umzog, hielten im Blatt sogar Modestrecken Einzug, die sich wie Fremdkörper anfühlten. Die Poplandschaft hatte sich nun gewaltig ausdifferenziert, für jedes Genre wie Hip-Hop und Techno, für jede Haltung wie Popfeminismus gab es nun eigene Zeitschriften. Angesichts dieser Lage habe sich die letzte SPEX-Redaktion erstaunlich gut geschlagen, findet Christoph Gurk, der an den Münchner Kammerspielen für das Musikprogramm sorgt: "Also ich fand, dass die letzte Redaktion, die die Online-Ausgabe gemacht hat, geleitet von Dennis Pohl, da schon einen interessanten Vorschlag hatte, wie das aussehen könnte, wenn man eine Zeitschrift wie SPEX ins Internet stellt. Meistens ist es ja so, dass sehr viele Musikblogs, zum Beispiel Pitchfork, Kaufempfehlungen aussprechen und den Markt der Neuerscheinungen vorsortieren. Dennis Pohl versuchte dagegen erfolgreich, sogenannte Long-Read-Angebote ins Netz zu stellen – das war sogar der dominierende Anteil – und dem Anspruch der SPEX weiterhin gerecht zu werden, jetzt einfach nicht nur Gatekeeper zu sein, sondern auch größere Zusammenhänge aufzumachen: Black Lives Matter-Themen, institutionellen Rassismus, Digitalität und künstliche Intelligenz."

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