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"Space Dogs": Wer sind wir Menschen eigentlich für Hunde? | BR24

© Audio: BR/ Bild: Real Fiction

"Space Dogs" – ein Dokumentarfilm über Laika und andere Raumfahrthunde neu im Kino

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"Space Dogs": Wer sind wir Menschen eigentlich für Hunde?

Monatelang schwebt sie tot in ihrer Weltraumkapsel durchs All: Das Leben der Straßenhündin Laika wurde für die Wissenschaft geopfert. Die Doku "Space Dogs" fragt: Wie finden das eigentlich die Hunde? Suggestiv, historisch und stimmungsvoll.

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"Weit draußen im Erdorbit schwebte einmal eine tote Hündin in einer Raumkapsel. Die Hündin wurde Laika genannt und lebte einst auf den Straßen von Moskau." Diese Stimme aus dem Off klingt, als wüsste sie ganz genau Bescheid: über das All und die Erde, über Mensch und Tier, Fakt und Fiktion. Die Zuschauerin aber ist völlig verloren, als der Film an- und die Stimme sie gleichsam einfängt. Beginnt so die angekündigte Dokumentation oder doch ein Spielfilm? Erzählt die Stimme ein Märchen oder führt sie geradewegs in die Dystopie? Lässt einen dieser Film mit beiden Beinen auf dem Boden stehen oder drängt er in andere Sphären – ins Religiöse womöglich, ins Überirdische oder zumindest: ins Tierreich?

Eine Straßenhündin wird zum Geist

Das Bild jedenfalls lässt einen schweben, zwischen Himmel und Erde, die Musik zieht einen hinein, lässt einen wie im Sog hinschauen und genau zuhören. Dieser Stimme vor allem, die weiter und weiter erzählt. Davon, dass die Hündin monatelang wie kosmisches Treibgut durch die Dunkelheit schwebte. Dass die Erde ihre tote Hündin nicht einfach dem endlosen Kosmos überlassen wollte und sie mit all ihrer Kraft wieder näher an sich heranzog, bis Laika zurück war, in der Erdatmosphäre, aber auch verglüht. In diesem Moment, erzählt die Stimme, wurde aus dem Straßenhund ein Geist.

Was sehen die Hunde in uns?

Wer sich Antworten erwartet, Sicherheit, wo genau wir uns gerade umsehen und warum überhaupt, der wird diesen Film nicht mögen. Deshalb lieber eine weitere Frage, keine der Zuschauerin, sondern eine der beiden Filmemacher. Elsa Kremser und Levin Peter: "Als wir in Archivaufnahmen sahen, wie ein Hund im All minutenlang in die Kamera blickt, entstand eine zentrale Frage dieses Films: Was sehen die Hunde in uns Menschen?" So schreiben die beiden Regisseure. Und dieser Frage nähern sie sich nach ihrer fulminanten Exposition an: Nachdem die Zuschauerin nämlich tatsächlich kurz glaubte, einen Geist gesehen zu haben, spuckt die Kamera sie auf den Straßen Moskaus wieder aus.

Plötzlich ist der Film ganz im Diesseits, ein Hund liegt im Vordergrund, die Lichter der Stadt sind am Horizont nur noch zu erahnen. Es gibt Menschen, in dieser Welt, verraten diese Lichter, aber der Hund und mit ihm der Film, interessiert sich doch nur am Rande für sie. Deshalb fährt die Kamera auch nicht auf Höhe des menschlichen Auges durch die Welt, sondern auf Augenhöhe mit den beiden Straßenhunden, die sie im Folgenden begleitet. Oder, so schreiben es Elsa Kremser und Levin Peter, auf Augenhöhe mit den Hunden, die sie beobachteten: "Während der sechs Monate, die wir mit den Hunden auf den Straßen von Moskau verbracht haben, fühlten wir uns oft von ihnen beobachtet und hinterfragt. Nach und nach merkten wir, dass wir diese Tiere bisher nur als Teil unserer Welt kannten. Uns selbst als Teil ihrer Welt kannten wir bisher nicht. Darum haben wir Straßenhunde zu den Hauptfiguren unseres Films gemacht. Sie nehmen jenen Platz ein, der im Kino sonst den Menschen vorbehalten ist."

Hier ist der Mensch nur Randgestalt

Der Film verbindet suggestiv historische Aufnahmen: Hunde, die abgerichtet werden, um ins All zu reisen, mit Aufnahmen von Straßenhunden, die heute durch Moskau streunen. Die den Müll durchsuchen, an Autos schnüffeln, im Schatten liegen, Kämpfe mit anderen Hunden austragen. All das gehört zu dieser Welt, die Menschen nur als Randgestalten kennt: Einmal, und das ist wahrscheinlich die härteste Szene des Films, reißen die Hunde eine Katze. Wieder und wieder beißen sie in den Bauch, stoßen das tote Tier herum, dessen Körper bis zur letzten Minute zuckt. Und die Kamera hält schonungslos drauf. Der Mensch, diese zarte Seele, muss da schon einmal wegschauen, denn diese Form der Gewalt wirkt wie ein Tabubruch.

Zwei Arten Grausamkeit

Dabei zeigt das historische Material eine ganz andere, menschliche Form der Grausamkeit: Menschen in weißen Kitteln zwingen Hunde in eine Art Kettenkarussell, lassen ihre Körper in hohem Tempo durch den Raum wirbeln und messen, was dieser Höhenflug mit ihrem Herzen macht. Die Hunde werden auf die Mission Raumfahrt vorbereitet, die einzig den Menschen interessiert, diese absonderliche Spezies, die einer Katze im Film nur ungern beim Sterben zusieht, das "Versuchskaninchen" aber nie aus Wortschatz und Laboren streichen wollte.

Vielleicht lohnt es sich gar nicht, diesen Film mit großen Interpretationen zu beladen. Mit der Frage zum Beispiel, ob er uns eine Welt vorführt, in der der Mensch seinen Status verloren hat und bloß noch ein Wesen unter vielen anderen ist. Denn der Film fängt uns ein, auch ohne ihn bis ins Detail zu entschlüsseln: mit seinem Respekt vor den Tieren und dem assoziativen, essayistischen Wechsel zwischen tierischen und menschlichen Missionen.

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