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Soviel Paradies steckt in der Corona-Krise | BR24

© Audio: BR/ Bild dpa

Tobias Stosiek über künstliche Paradiese zwischen venezianischen Delfin Zauber und Verschwörungstheorien

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Soviel Paradies steckt in der Corona-Krise

Alle sehnen sich nach Ferien, wenn nicht zu Pfingsten, wo noch Reisewarnung gilt, dann wenigstens im Sommer! Der vorsichtige Exit steht bevor; aber schon seit Beginn des Lockdowns blühen Exit-Strategien und ein inzwischen gefährlicher Eskapismus.

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An diesem Montag berät Außenminister Heiko Maas mit seinen Kollegen aus Spanien, Italien, Österreich, Griechenland, Kroatien, Portugal, Malta, Slowenien, Zypern und Bulgarien per Videokonferenz darüber, wie die Reisebeschränkungen langsam gelockert werden können, damit wenigstens die Sommerferien möglich werden. Doch im Vorfeld hat er den Optimismus gleich gedämpft: "Normal" werde der Sommerurlaub nicht sein. Müssen wir also weiter träumen von unseren Urlaubsparadiesen? Von Venedig mit klaren Kanälen, in denen Enten tauchen und Delfine springen, von endlosen Straßenfluchten, in denen Elefanten auftauchen. Oder vom einsamen Strand mit Palmen? Unzählige solcher Fotos und Videos kursieren derzeit auf Twitter, Instagram und Tik Tok und werden hunderttausendfach geteilt. Was hat es auf sich mit all den Bildern von Sehnsuchtsorten und Paradiesen, die gerade in diesen Zeiten des Eingesperrtseins aufkommen?

Doppelt beruhigend in unruhigen Zeiten

Gemeinsam ist den Bildern, dass sie die Rückkehr der Natur feiern, wobei diese Rückkehr sehr versöhnlich gestaltet ist und sozusagen eine Disney-Variante darstellt. Denn sie erscheint nicht als Rückeroberung der Natur, nach dem Motto, die Natur schlägt jetzt zurück. Die (gefaketen) Delfin-Bilder oder Bilder der Entenfamilien in den Kanälen von Venedig bedienen dieselbe Sehnsüchte wie Postkarten. Sie haben eine doppelte Beruhigungsfunktion. Einmal geben sie der Krise ein positives Gesicht. Die Bilder sind sozusagen ein visuelles Gegengift gegen die Bilder von Masken, Schläuchen, Pappsärgen. Aber sie haben auch noch eine zweite Beruhigungsfunktion, die im Zusammenhang damit steht, dass jene Krisen, die uns vor Corona beschäftigt haben - allen voran die Klima- und und die Umweltkrise - derzeit völlig in den Hintergrund treten. Und diese Bilder von den Delfinen und Enten scheinen diese Verschiebung zu rechtfertigen, indem sie uns sagen: Schaut, so wild ist es gar nicht, ein bisschen Lockdown und schon ist der Smog weg, schon hüpfen Delfine durch die Kanäle von Venedig. Das ist eigentlich eine Story, die den Gegnern der Umweltbewegung in die Karten spielt, die uns suggerieren will, dass wir getrost so weiter machen können wie vor Corona.

Ruhe - ein paradiesischer Naturzustand

Bilder unberührter Strände und (wieder) intakter Natur und Welt zirkulieren nicht erst seit der Corona-Krise, sondern entstammen einem tieferen Bedürfnis nach Ruhe, das die aktuelle Krise nur verstärkt: Die Unübersichtlichkeit, die durch die Corona-Krise verursacht wird, triggert eine Flucht-Utopie, die im Psychogramm moderner westlicher Gesellschaften schon angelegt ist. Der Kieler Philosoph Ralf Konersmann hat diese Zusammenhänge deutlich gemacht. Er behauptet in seinem Buch "Die Unruhe der Welt", dass wir in einer "Unruhe-Gesellschaft" leben, in der Immer-Unterwegssein, ständige Veränderung, Wachstum, Innovation und so weiter die Normalität ist. Und dennoch habe sich dabei die Vorstellung gehalten, der Mensch sei dort am glücklichsten, wo er sich dieser allgegenwärtigen Unruhe entzieht, sich in die sprichwörtliche paradiesische Ruhe zurückzieht. Die Bibel beschwört diesen Naturzustand genauso wie der Philosoph Jean Jacques Rousseau, und das nicht obwohl, sondern weil diese paradiesische Ruhe unwiderruflich verloren ist: Dass sie verloren ist, macht sie als als Utopie nur umso attraktiver, erst recht, wenn die Unruhe wächst, wie in der derzeitigen Krise.

© dpa/picture-alliance

Ein Paradies auf Erden: Palmen und Strand

Ruhe - der Ausstieg aus dem Hamsterrad?

Die paradiesische Ruhe ist für uns verloren, das machen schon die Bilder klar, die meist entvölkerte Städte und Gegenden zeigen. Zu Beginn des Lockdowns grassierten auch realistischere Paradies-Vorstellungen: dass uns die erzwungene Auszeit endlich aus dem Hamsterrad unserer Unruhe-Gesellschaft befreit - Ruhe durch Rückzug oder durch Ignoranz gegenüber dem, was um uns herum passiert. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich allerdings diese Biedermeier-Variante des Paradieses als Irrtum: Die erzwungene Pause ist mit einem hohen Innovationsdruck verbunden. Viele müssen sich neu erfinden, um in der Krise bestehen zu können. Das zeigt, dass wir es nicht eigentlich mit einer Auszeit zu tun haben, sondern mit einer neuen Anstrengungs-Leistung. Das zeigt sich auch daran, dass jetzt schon wieder der Ruf nach dem nächsten Urlaub laut wird. Man kann generell sagen, dass dieser biedermeierliche Rückzug ins Private im Moment gar nicht funktioniert, weil die Krise so massiv ins Private hineinreicht - Stichwort Nachrichtenticker, Kontakt-Beschränkungen, Schließung von Freizeiteinrichtungen.

Besser stoische Akzeptanz als verschwörerische Beruhigung

Also gibt es in diesen Zeiten keine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen? Die Philosophie kennt eine Kulturtechnik, die statt der paradiesischen Ruhe, die immer verloren ist, so etwas wie die glückliche Ruhe im Hier und Jetzt verspricht: den Stoizismus. Sein Programm ist, Ruhe durch Akzeptanz, im Unterschied zum Biedermeier, der Ruhe durch Ignoranz verspricht. Im momentanen Kontext bedeutet Akzeptanz allerdings: Klarkommen mit Kontingenz und Unsicherheit - also Anstrengung. Klarkommen zum Beispiel damit, dass uns der Zufall eine Pandemie vor die Füße spielt oder damit, dass sich der Wissensstand zu Corona täglich ändert und entsprechend auch das, was politisch vernünftig ist.

Wie schwer es ist, das auszuhalten, zeigt sich daran, dass Verschwörungstheorien derzeit wieder Zulauf haben. Denn die sind ja so etwas wie Kontingenz-Killer, die machen jeden Furz zum Teil eines großen Plans. Da gibt es Zufall nicht. Die gehen davon aus, dass alles, auch die Pandemie, auf Absichten zurückzuführen ist. Was nicht nur insofern ein beruhigendes Moment hat, als man plötzlich einen Schuldigen für die Sache hat, sondern auch insofern, als es die menschliche Handlungsfähigkeit betont. Und anscheinend sind die schlimmsten Absichten immer noch nicht so schlimm wie der Zufall. Insofern liefern auch Verschwörungstheoretiker Beruhigungsszenarien - ein künstliches Paradies. Allerdings ein ziemlich gefährliches.

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