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Inge Borkh: Legendäre Darstellerin
© Uwe Sickinger/Inge Borkh

Autoren

Peter Jungblut
© Uwe Sickinger/Inge Borkh

Inge Borkh: Legendäre Darstellerin

Eine angenehme, im landläufigen Sinne wohlklingende Stimme hatte sie nicht, daraus machte Inge Borkh, eigentlich Ingeborg Simon, kein Hehl, aber dafür sang sie charaktervoll, markant, durchschlagend. Und deshalb wird sie als eine legendäre Darstellerin des „hochdramatischen“ Opernfachs unvergessen bleiben. In den lautstärksten und aufreibendsten Rollen wie „Elektra“ und „Salome“ setzte sie zu ihrer Zeit ganz neue Maßstäbe, machte aus den bis dahin ziemlich „hysterischen“ Partien lebensnahe Persönlichkeiten und spielte mit geradezu Furcht einflößender Präsenz.

Als sie die "Unschuld" verlor, hörte sie auf

Hohles Pathos und fade Standard-Gesten waren ihr ein Graus. Richard Strauss persönlich hatte sie 1947 noch als Salome in Bern bewundert und ihr geraten, diese „Schicksalsrolle“ weiter zu „vertiefen“. Die sehnsüchtige, erotisch unerfahrene, aber von der Liebe bis zum Wahnsinn besessene Königstochter wurde zum Markenzeichen der Borkh. Als sie am 3. September 1960 urplötzlich einsah, dass sie die Rolle nicht mehr mit der gebotenen jugendlichen „Unschuld“ singen konnte, hörte sie damit völlig überraschend auf, obwohl Kritiker ihr damals die „volle Entfaltung“ bescheinigten. Zur Elektra, die sie mit ähnlicher Konsequenz und Wahrhaftigkeit sang, sagte die Borkh in ihren Memoiren, der „Alltag“ sei bei den ersten Worten dieser Partie regelmäßig von ihr abgefallen, sie sei ganz und gar zu dieser mythischen Figur geworden, und damit hatte sie zweifellos recht.

Artistenprüfung 1936 im Wiener Ronacher

Sie war ein „Theatertier“, und das kam nicht von ungefähr: Mit 18 Jahren begann die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Borkh am Reinhardt-Seminar in Wien eine Ausbildung zur Schauspielerin, das war 1935. Ein Jahr später machte sie im Wiener Ronacher die „Artistenprüfung“, was sie im fortgeschrittenen Alter, als sie als Brecht-Diseuse auftrat, zu schätzen wusste. Ein erstes Engagement führte sie nach Linz, nach dem berüchtigten „Anschluss“ Österreichs an das Nazi-Imperium wechselte sie 1938 nach Basel. Der Bassist Fritz Ollendorff soll dort ihr Gesangstalent „entdeckt“ haben. Jedenfalls ging sie nach Mailand, um dort sich dort stimmlich weiterbilden zu lassen und stand 1940 in Luzern tatsächlich erstmals als Sopranistin auf der Bühne.

Energisch verteidigte sie ihr Geburtsdatum

Schnell war klar, dass sie mit „lyrischen“ Rollen wenig im Sinn hatte und lieber so exaltierte Figuren wie Wagners Senta im „Fliegenden Holländer“ oder Puccinis „Tosca“ sang. Nach einer Station in Bern gelang Inge Borkh mit der deutschen Erstaufführung von Giancarlos Menottis „Konsul“ in Berlin der internationale Durchbruch. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde sie zur einer der gefragtesten Charakter-Sopranistinnen, einer Künstlerin, die nach eigener Aussage ihr „ganzes Leben nie nein sagen konnte“ und daher auch aus dem Urlaub heraus ständig zu „Noteinsätzen“ flog. Übrigens musste sie gelegentlich energisch versichern, tatsächlich 1921 und nicht 1917 geboren zu sein, wie es zeitweise in Lexika nachzuschlagen war.

Willy Brandt kannte sie nicht

In New York, an der berühmten Metropolitan Opera, musste nach einem Auftritt als Salome nur für sie der eiserne Vorhang abermals geöffnet werden, weil das Publikum vor Begeisterung „raste“. In Berlin war sie häufiger Gast und erzählte gern die Anekdote, dass der damals Regierende Bürgermeister Willy Brandt sie dennoch nicht kannte, weil er sich angeblich nur für „Militärmusik“ interessierte. Auch in München war sie oft zu bewundern, so stand sie 1963 bei der festlichen Wiedereröffnung der Bayerischen Staatsoper als Färberin in Richard Strauss´ „Frau ohne Schatten“ auf der Bühne. Dieser Auftritt führte übrigens dazu, dass sie 2013, genau fünfzig Jahre nach dem Ereignis, wieder als Zeitzeugin gefragt war und sogar als Ehrengast an die Isar reiste. Zum 95. Geburtstag vor zwei Jahren gab sie noch Interviews, bis in ihr hohes Greisenalter war sie rastlos unterwegs und mit Gesprächsterminen ausgelastet.

Auf dem "Brettl" fühlte sie sich wohl

Dabei hatte sie schon 1973 ihren Abschied genommen, nach einer „Elektra“ in Palermo, die sie technisch nicht mehr voll zufrieden stellte, und war fortan als Gesangslehrerin, Diseuse, Chanson-Interpretin und sogar Kabarettistin tätig gewesen. Sie scheute weder Brecht- noch Erich Kästner-Texte und kokettierte mit der Bemerkung, nie sei über sie so Positives geschrieben worden wie zur ihrer Zeit auf dem „Brettl“.

Auf dem Gipfel seiner Erkenntnis sollte der Mensch heiter sein. Je erfahrener man im Leben wird, desto mehr sollte man gelernt haben, sich nicht mehr so wichtig zu nehmen. – Inge Borkh in ihren Memoiren

Journalisten zogen sie mit Banalität "runter"

Sie selbst war eben ihre schärfste Kritikerin, divenhafte Allüren waren ihr fremd, bisweilen sprach sie schonungslos über eigene Defizite, nachlassende Kräfte und äußerte auch unverstellt ihr Erstaunen darüber, wie wenig sich manche Nachwuchssänger mit der Psychologie ihrer jeweiligen Rollen auseinandersetzten. Kritisch beurteilte sie auch Journalisten, die sie ihrer Meinung nach immer wieder mit banalen Fragen auf ein Niveau drückten, von dem aus es „mühsam“ sei, sich wieder „emporzuarbeiten“. Auch für zwei rückblickende Bücher fand sie Zeit („Ich komm´ vom Theater nicht los“ und den Gesprächsband „Nicht nur Salome und Elektra“).

Musicals hielt sie für schädlich

Darin distanzierte sie sich vom „Snobismus“ mancher Intendanten, Opern immer in der Originalsprache aufzuführen und bedauerte, dass die Textverständlichkeit kaum noch eine Rolle spielt. Gleichzeitig rügte sie den aus ihrer Sicht negativen Einfluss der Musicals, die mit Mikrofon gesungen werden und daher die Erwartungshaltung des Publikums nachteilig prägten, denn auch von Opernsängern werde seitdem erwartet, „Riesenhallen“ zu füllen. Die menschliche Stimme werde zum „Massenprodukt“ herabgewürdigt, um Konzerte wie Sportveranstaltungen vermarkten zu können. Die kämpferische, eigensinnige, wunderbare Inge Borkh, starb mit 97 Jahren am Sonntagmorgen in Stuttgart, wo sie seit mehreren Jahrzehnten in einem Seniorenheim wohnte.

Autoren

Peter Jungblut

Sendung

kulturWelt vom 27.08.2018 - 08:30 Uhr