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Paare im Gefühls-Gewitter: Jutta Speidel in "Sommerabend" | BR24

© Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

Erstaunliche Sommernacht

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    Paare im Gefühls-Gewitter: Jutta Speidel in "Sommerabend"

    Alkohol kann in Liebes-Angelegenheiten zersetzender sein als Salzsäure: Der österreichische Autor und Regisseur Gabriel Barylli schrieb ein Stück über lautstarke Gefühlsausbrüche und emotionale Ausnahmezustände - untypisch für das Boulevardtheater.

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    Es rumpelt schon, als die Zuschauer noch Platz nehmen: Gewitter ist im Anmarsch, und was für eins! Überhaupt steht diese Gartenparty unter einem bösen Omen. Die Lichterkette funktioniert nicht, die Korbsessel sind noch im Keller, das Unkraut überwuchert die Terrasse und das orientalische Büfett vom Araber nebenan scheint auch nicht jedem zu munden. So wird die vermeintlich lauschige Veranda, die Ausstatter Thomas Pekny mit viel Sinn für Satire entworfen hat, schnell zum Beziehungs-Schlachtfeld, auf dem die Champagnerkorken und Pointen gefährlich tief fliegen. Eine bitterböse, temporeiche und witzige Komödie ist dem Österreicher Gabriel Barylli da gelungen, einem der gegenwärtig meist gespielten Autoren von Boulevardstücken. Er selbst ist seit 2008 in fünfter Ehe verheiratet, muss demnach also jede Menge persönliche Erfahrungen mit Beziehungen haben und die kommen dem "Sommerabend" mächtig zu gute.

    Eltern treffen bei viel Alkohol aufeinander

    Klar, Vorbild von Barylli ist ganz offenkundig die französische Erfolgsautorin Yasmina Reza, die mit bühnenwirksamen Schaukämpfen wie "Kunst" und dem "Gott des Gemetzels" seit Jahren die Spielpläne beherrscht, wenn es um Gesellschaftskomödien mit Ehe-Krisen geht. Sie brachte intelligente Leichtigkeit in solche Stoffe, wo vorher Düsternis vorherrschend war, etwa in Tennessee Williams´ "Katze auf dem heißen Blechdach". Im "Sommerabend", der am 11. Oktober 2017 in Düsseldorf uraufgeführt wurde, hält sich Gabriel Barylli, der sein Stück in der Komödie am Bayerischen Hof auch selbst inszenierte, an die bewährte Konstellation zweier Paare, die schon bessere Tage gesehen haben. Zwar ist Barylli nicht ganz so ätzend und anarchisch wie Reza, aber auch er kennt die empfindlichen Stellen des Bildungsbürgertums. Hausfrau Anna und Chirurg Wilhelm sind nach vielen Jahren Ehe genauso weit voneinander entfernt wie Fernsehjournalistin Madeleine und ihr Mann Richard, der seit Jahren von seinem einzigen Bestseller lebt. Weil ihre Kinder heiraten wollen, kommen die Eltern bei viel Alkohol zusammen - oder besser gesagt, treffen aufeinander.

    © Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

    Gewitter über der Ehe-Anbahnung

    Alle bluten aus den Lebensläufen

    Schnell geht es um Madeleines Brustvergrößerung, Wilhelms uneheliches Kind in Italien, Richards Schreibhemmung und Annas Alltagsfrust. Alle vier schenken sich nichts, leeren dabei fleißig die Flaschen, verschwinden auch mal mit dem jeweils anderen Partner im Keller oder Schuppen und schütten sich Wasser in den Ausschnitt. Das ist von der ersten bis zu letzten Minute glaubwürdig, nie übertrieben oder effekthascherisch. Während das Gewitter regelmäßig vor sich donnert, werden gegenseitig die Treffer gesetzt, bis alle aus ihren Lebensläufen bluten. Vielleicht ein paar Mal zu oft ist von den "Pointen" ausdrücklich die Rede, die ja tatsächlich jeden zweiten Satz abschließen. Das ist witzig anzuschauen, ohne dass die Paare zu flachen Ulknudeln werden. Jutta Speidel ist als Anna jederzeit von hingebungsvoller Leidensfähigkeit und blitzgescheiter Bösartigkeit, Karin C. Tietze als Madeleine eine herrlich nassforsche und überhaupt nicht affektierte Journalistin. Dass sie genau weiß, wie sie den Chefredakteur rumkriegt, ist ihr in jeder Bewegung anzusehen und ja, auch, dass sie die "Krim-Krise" im Fernsehen kommentierte.

    © Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

    Anna (Jutta Speidel) und Madeleine (Carin C. Tietze) sind ratlos

    Alphatiere in der Balz

    Ralf Komorr gibt den eitlen und esoterisch angehauchten Schriftsteller Richard, Daniel Friedrich den machohaften Chirurgen, der sich über lebensrettende Operationen keinen großen Kopf mehr macht. Beide überzeugen mit ihren lässig hingeworfenen Seitenhieben, ihren lächerlichen Allüren, ihrem drastisch ausgestellten Egoismus. Hier sind zwei Alphatiere bei der Balz zu beobachten, mit sich selbst höchst zufrieden, aber zutiefst verärgert darüber, dass ihnen alle anderen seit Jahren nicht mehr das Wasser reichen können. Der Schlagabtausch ist rasant, aber nicht gehetzt, ganz im Gegenteil: Die Gartenparty bleibt äußerlich eine entspannte Angelegenheit vor nobler Fassade. Dass alle Beteiligten allmählich ins Lallen geraten, während sie die Wahrheit immer deutlicher aussprechen, macht die Komik dieses Abends aus.

    © Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

    Reife Leidenschaft

    Sarah Elena Timpe und David Paryla als junges Paar Maria und Martin befeuern den Streit der Eltern, ohne daran viel Anteil zu haben. Schade, dass Autor Barylli ihnen nicht mehr zugetraut hat. Sie gehen ins Ausland, um nicht so destruktiv zu werden wie die Altvorderen. Das ist ihnen zu gönnen, aber eine sarkastischere Botschaft wäre bei diesem Stück passender gewesen. Überhaupt ist das Ende verglichen mit dem vorhergehenden Krieg etwas arg milde. Das Gewitter bleibt entfernt, der erwartete Regen setzt nie ein. Die Paare legen ihren Clinch aus Erschöpfung bei und beschließen, gemeinsam nach Rom zu fahren. Womöglich glaubte Autor Barylli, dem Boulevardtheater dieses Happy End schuldig zu sein. Ein Schluss, der näher an Jean-Paul Sartre oder Samuel Beckett gelegen hätte, also eine absurde Steigerung, hätte den "Sommerabend" noch nachhaltiger gemacht, denn dass sich die hier dargestellten Eheleute in ihrem Alter noch grundsätzlich läutern, ist natürlich wenig plausibel.

    Insgesamt eine viel beklatschte, zeitgemäße und überraschend scharfzüngige Komödie ohne Betulichkeit und falsche Romantik. So aufgedreht und schlackenfrei kann Boulevardtheater auch jüngere Zuschauer erreichen.

    Bis 16. Juni in der Komödie im Bayerischen Hof München

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