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Geehrt und gefeiert - und zwar völlig zu Recht, sagt unsere Kritikerin

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    Sollte es eine Frau sein? Darum geht Goldene Palme an Ducournau

    War ihr Film "Titane" wirklich der beste? Stand eh fest, dass eine Frau gewinnen soll? Auch in Cannes prägen Geschlechterfragen die Debatte. Unsere Kritikerin sagt: Regisseurin Ducournau gewinnt nicht, weil sie Frau ist, sondern weil sie mutig war.

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    Von
    • Marie Schoeß

    Eines muss sofort gesagt werden: Julia Ducournau bekommt die Goldene Palme nicht, weil es in diesem Jahr einfach an der Zeit war, dass eine Frau den Wettbewerb als große Gewinnerin verlässt. Ducournaus ausgezeichneter Film "Titane" ist im besten Sinne überwältigend – in seiner Härte und Brutalität, vor allem aber in seiner Sinnlichkeit und in seinem Gefühl.

    Darum bricht sie sich selbst die Nase

    Die Hauptfigur ist eine Tänzerin, die gleich in den ersten Minuten des Films zu einer sehr besonderen Mörderin wird. Immer wieder zieht sie die Haarspange vom Kopf und ersticht Männer wie Frauen. Um nicht gestellt zu werden und der Polizei zu entkommen, schlüpft sie schließlich in die Rolle eines Jungen, der vermisst wird. Sie rasiert sich die Haare, klemmt sich die Brüste ab, bricht sich eigenhändig die Nase – und das alles, um die eigene Haut abzustreifen und ein bisschen mehr nach dem vermissten Jungen auszusehen – oder überhaupt nach einem Jungen.

    Damit beginnt ein radikales, immer wieder auch witziges Spiel mit Geschlechterbildern, an dieser Stelle kommen aber auch auch Gefühl und Feinsinnigkeit der Regisseurin ins Spiel. Denn der Vater des verschwundenen Jungen akzeptiert die Mörderin als seinen Sohn, er nimmt ihn bei sich zu Hause auf und entgegen aller Wahrscheinlichkeit entwickelt sich tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Charakteren, eine Verbindung, die man vielleicht sogar Liebe nennen darf.

    Ein Film, der sich vertraut

    Der Film überzeugt nicht einfach, weil er sich einem zeitgemäßen Thema widmet und so viele Fragen nach Identität und Geschlecht verhandelt, die uns gerade umtreiben. "Titane" überzeugt, weil er sich kaum auf Dialoge und sehr auf seine Bildsprache, überhaupt auf die Sinnlichkeit des eigenen Mediums verlässt: In einer der großen Szenen zum Beispiel beginnt der Vater zu tanzen und es braucht kein einziges Wort, sondern nur Licht, Musik und Bewegung, um die menschliche Fragilität und die Abhängigkeit vom Gegenüber zu spüren.

    Viele hatten in diesem Jahr mit einer Gewinnerin gerechnet, einer Frau. Nur vier der 24 Wettbewerbsfilme stammten allerdings von Regisseurinnen, das hatten im Vorfeld viele kritisiert. Die Entscheidung für eine Frau kann dieses Ungleichgewicht nicht ändern, lässt sich aber durchaus als Versuch der Beschwichtigung verstehen.

    Die Jury war mutig – wir müssen es auch sein

    Und trotzdem ist die Entscheidung für diesen Film und diese Regisseurin eine mutige. Denn die Radikalität wird viele Zuschauer abschrecken, und die Gewalt ist nicht immer leicht zu ertragen. Gleichzeitig steckt in diesem Film aber so viel mehr als Gewalt und auch mehr das gerade so angesagte Thema Geschlechterbilder.

    Es ist ein Film, der von Liebe, auch von bedingungsloser Liebe erzählt, von verkorksten Familienkonstellationen und von den plötzlichen Brüchen in einem Leben. Und es ist ein Film, der den Mut, den er selbst – inhaltlich wie formal – besitzt, auch von seinen Zuschauerinnen und Zuschauern verlangt.

    Nur deshalb hat "Titane" die Goldene Palme verdient.

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