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Sollte der 20. Juli ein Feiertag werden? | BR24

© Bayern 2

Am 20. Juli 1944 scheiterte die Operation Walküre. Über 200 Menschen wurden danach zum Tode verurteilt, darunter Graf von der Schulenburg. Im Interview erklärt seine Enkelin, warum der Tag zum Feiertag werden sollte.

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Sollte der 20. Juli ein Feiertag werden?

Am 20. Juli 1944 scheiterte die Operation Walküre. Über 200 Menschen wurden danach zum Tode verurteilt, darunter Graf von der Schulenburg. Im Interview erklärt seine Enkelin, warum der Tag zum Feiertag werden sollte.

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Vor 75 Jahren, am 8. August 1944 und an den darauffolgenden Tagen, ließen die Nationalsozialisten im Gefängnis Plötzensee eine Reihe von Widerstandskämpfern hinrichten. Eine Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte am 20. Juli Adolf Hitler töten und das nationalsozialistische Regime stürzen wollen. Die Operation Walküre scheiterte bekanntlich. Über 200 Menschen, die unmittelbar oder indirekt an dem Umsturzversuch beteiligt waren, wurden danach zum Tode verurteilt. Zum Widerstand gehörte auch Fritz Dietlof Graf von der Schulenburg, der am 10. August erhängt wurde. Christoph Leibold sprach mit dessen Enkeltochter, der ehemaligen Verlegerin und Literaturagentin Elisabeth Ruge.

Christoph Leibold: Sie sehen, was das offizielle Gedenken an den deutschen Widerstand betrifft, Defizite und plädieren dafür, den 20. Juli zu einem Feiertag zu erheben. Jetzt haben es solche Feiertage aber an sich, dass viele Menschen sich über einen freien Tag freuen, ohne über den Hintergrund nachzudenken. Was wäre dennoch Ihrer Meinung nach mit so einem Feiertag in der Sache gewonnen?

Elisabeth Ruge: Ich glaube, es wäre trotzdem ein Gewicht, das gelegt würde auf die Anerkennung des Widerstands in seiner Gesamtheit und dass die Gesellschaft den Widerstand nicht unbedingt vor Augen hat, wenn sie versucht, ihre eigene Identität zu konstituieren. Der Widerstand ist so verkleistert worden, ideologisch sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR über viele Jahre, nachdem die Widerständler ja auch erst mal verpönt waren oder eben noch Staatsverräter waren in den Augen der Öffentlichkeit. Und da stellt sich für mich die Frage, warum wir so wenig anfangen können mit diesen Menschen, die ja immerhin ihr Leben riskiert haben.

Damit meine ich nicht nur die konservativen Militärs oder die Offiziere, die für die meisten Menschen den 20. Juli darstellen. Sondern ich meine die Netzwerke, die zusammengekommen waren, um das Attentat oder den Attentatsversuch zu ermöglichen. Da waren Sozialdemokraten dabei. Da waren Menschen dabei, die aus christlichem Glauben Widerständler geworden waren. Es waren Kommunisten dabei. Es waren Beamte, Offiziere, sehr unterschiedliche Menschen. Und ich glaube, wenn wir diesen 20. Juli zu einem Gedenktag machen, dann werden wir eben an die ganze Bandbreite des Widerstands erinnert. Es gab viele Deutsche, die sich mutig verhalten haben – nur eben nicht genügend. Und die große Mehrheit waren Nazis oder Mitläufer. Aber die Menschen, die Widerstand geleistet haben, sind mir zu wenig präsent in unserem kollektiven Bewusstsein.

© picture-alliance / dpa

Elisabeth Ruge 2014 bei der Eröffnung einer Ausstellung zu Ehren von Claus Schenk von Stauffenberg

Auf der Spiegel-Bestsellerliste steht gerade ein Buch von Sophie von Bechtolsheim. Das ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Deren Buch trägt den Titel "Mein Großvater war kein Attentäter". Der Titel ist zum einen eine Reaktion auf das Von-Stauffenberg-Buch von Thomas Karlauf: "Porträt eines Attentäters". Und es hat zum anderen damit zu tun, dass eben schon dieser Begriff "Attentäter"vor allem heute zu Zeiten terroristischer Anschlägeso negativ besetzt ist. Sehen Sie das auch so, dass das Gedenken an den 20. Juli schon durch bestimmte Begrifflichkeiten in die falschen Bahnen gelenkt wird?

Ich würde schon sagen, dass von Stauffenberg auch ein Attentäter war. Ich glaube aber, was für Sophie von Bechtolsheim eine Rolle gespielt hat, und was auch für mich vielleicht noch stärker im Vordergrund steht, das ist die Tatsache, dass eben in einem Buch wie der Stauffenberg-Biografie von Karlauf und in vielen anderen Darstellungen Stauffenberg in der ganzen Bandbreite seines Wirkens vollkommen schmal angelegt wird. Die politischen und moralischen Motive werden entweder ausgeblendet oder aber gar nicht wahrgenommen, im Falle Karlaufs sogar negiert. Also ich verstehe, warum sie diesen Titel gewählt hat. Aber ich würde andererseits auch ganz nüchtern sagen: Ja, er war auch ein Attentäter, und das hat sehr viel Mut und Courage erfordert.

Wir sprechen hier vom sogenannten konservativen Widerstand. Fällt vielleicht das Gedenken da auch schwerer als zum Beispiel das Erinnern an die studentische Weiße Rose, weil dieses Konservative nicht recht mit der Vorstellung von Umsturz zusammenpassen will?

Sie sagen 'konservativ'. Aber das Interessante ist, dass das sehr widersprüchliche Menschen gewesen sind. Das kann man anhand der Entwicklung meines Großvaters sehen. Aber wenn man die Geschwister Scholl nimmt, dann sieht man ja auch, dass es bei denen zunächst durchaus eine Nähe gab zu der Bewegung, zur Hitlerjugend. Da gab es bestimmte Vorstellungen, die uns heute fremd sind…

…diese Menschen wurden alle nicht als Widerstandskämpfer geboren.

Ganz genau. Das sind Menschen, die zum Teil durch einen schmerzhaften, schwierigen, widersprüchlichen Weg ihre Haltung korrigiert haben, die gesehen haben, dass sie handeln müssen, die eben auf schmerzhafte Weise zu Widerständlern und Widerständlerinnen geworden sind. Von daher ist für mich nicht immer entscheidend, wie die Ausgangslage war oder was ihre Weltanschauung war. Für mich ist entscheidend, dass diese Menschen diese innere Beweglichkeit hatten und diesen moralischen Kompass, um ihren eigenen Weg zu korrigieren. Das ist das, was mir enorm imponiert. Und man sieht eben, dass die Netzwerke um den 20. Juli herum keinesfalls nur von konservativen Widerständlern geprägt waren. Da waren eben auch Gewerkschafter dabei und Sozialdemokraten und, wie gesagt, am Schluss Kommunisten. Diese Menschen haben zueinander gefunden und hatten ein gemeinsames Ziel. Das wissen leider die wenigsten Menschen heute.

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