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So zeigen sich Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst | BR24

© Bayern 2

"Point of no Return" heißt eine Schau Ostdeutscher Kunst in Leipzig. Und in der Tat begegnet die unumkehrbare Wende in manchen Werken der Ausstellung furchteinflößend.

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So zeigen sich Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst

"Point of no Return" heißt eine Schau ostdeutscher Kunst in Leipzig. Und in der Tat erscheint die unumkehrbare Wende in manchen Werken der Ausstellung furchteinflößend.

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Das Tischtuch ist zerschnitten und nicht nur das. Der Nierentisch und die Schrankwand sind in zwei Teile gesägt. Selbst der Papagei hockt in der Mitte gespalten auf den beiden Sesselhälften. Der in Dresden geborene Künstler Via Lewandowsky hat von seinem Berliner Zimmer aus dem Jahr 2003 eine Leipziger Version angefertigt. Auch wenn eine tiefe Kluft durchs Wohnzimmer geht, so weht doch ein einheitlicher Geist von Spießigkeit durch das Interieur. Lewandowskys Arbeit ist eines der wenigen Werke in dieser schwermütigen Ausstellung, das sich der deutschen Wende mit Humor nähert. Beim Blick zurück in die DDR der 80er-Jahre dagegen vermittelt sich die Erfahrung von seelischem Schmerz. Man spürt die Angst, aber auch den Mut, sagt Alfred Weidinger, der österreichische Direktor des Museums für Bildende Künste in Leipzig: "Jeder Künstler hat natürlich versucht, seiner eigenen Individualität Ausdruck zu verleihen. Und man sieht in den Kunstwerken, dass es dann doch Grenzen gegeben hat. Und das ist eine Art Reibung, die ich in dieser Ausstellung ganz deutlich spüre."

Subversive neben opportunistischen Werken ausgestellt

Fast brutal erscheint die Wende im Werk von Trak Wendisch. 1988 malt er noch den "Zungenabschneider", eine wie durch Folter gestauchte Figur, die sich mit dem Messer durch den Mund fährt und selbst verstümmelt. Ein Jahr später hält Trak Wendisch die Menschenmassen bei Nacht auf der Bornholmer Brücke fest. Der Jubel fehlt in dem dunklen Bild. Der "Point of no return" wirkt furchteinflößend. Problematisch erscheint, dass die Leipziger Ausstellung keine Unterschiede macht zwischen subversiver und staatlich opportuner Kunst, zwischen Künstlern, die weggingen und denen, die blieben. Auch endet die Schau nicht mit 1989. Paul Kaiser, einer der drei Kuratoren, glaubt, dass durch diese Darstellung eine neue kunsthistorische Wahrheit erreicht werde. "Das war sowieso ein Grund für die Fehlwahrnehmung nach 1989, dass man dachte, jetzt ist das ein abgeschlossenes Sammelgebiet, und jetzt muss man sich höchstens historisierend um das Thema kümmern. Aber man hat eben nicht in den Blick genommen, dass die Künstler ja weiterhin lebten, dass diese Prägungen weiterhin stark waren und dass man eben diese Kunst nicht ausschließlich mit dem politischen Projekt DDR in Verbindung bringen kann, sondern sie ist eine legitime deutsche Nachkriegskunstgeschichte, die in Ostdeutschland entstanden ist."

© InGestalt/Michael Ehritt, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Hans Ticha, Agitator (Rufer), 1988, Ausschnitt

Doch es stellt sich Unbehagen ein, wenn ein Künstler wie Gil Schlesinger für die Diversität der ostdeutschen Kunstszene herangezogen wird. Seine abstrakte Darstellung "Hammer und Sichel" – roh auf Jute gemalt, zeigt die Bremsklotzwirkung von Ideologien und überragt qualitativ viele Werke in dieser Ausstellung. Schlesinger lebt seit 1980 in Pfaffenhofen. Er verließ die DDR zum einen weil seine Kunst keine Anerkennung fand, aber auch, weil er als Jude in Halle auf Ressentiments stieß.

West-Mentalität versus Ost-Mentalität?

Auch übernimmt sich die Schau ein wenig, wenn sie junge Künstler aus Ostdeutschland in ihre Erzählung einbinden will. Geändert hat sich die Perspektive, glaubt Christoph Tannert, der dritte Kurator: "Bei den jüngeren Künstlern ist der Fokus eher darauf gerichtet, wie sich Ost- und Westmentalität in der Gegenwart aneinander reiben und wie die unterschiedlichen Systemerfahrungen zusammenschlagen und vor allem, wie man dann auch merken kann, dass die Ostdeutschen ja bereits einen Zusammenbruch hinter sich haben, eine Erfahrung, die den Westdeutschen vielleicht noch bevorsteht."

Da fotografiert die 1975 in Dresden geborene Frenzy Höhne alte Ladenfronten aus der DDR, vor denen Menschen mit Schildern Schlange stehen. Zu lesen sind Slogans wie "Geiz ist geil" oder "Weil ich es mir wert bin". Eigentlich ein gewitztes Spiel mit Zeit. Aber in diesem Zusammenhang wirkt die Kapitalismuskritik angepasst und die Beschränkung auf ein Territorium überholt.

Die Ausstellung "Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst", läuft bis 3. November im MdbK Leipzig.

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