Straßenszene in der westukrainischen Stadt mit Reitern
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Blick zurück: Lemberg im Jahr 1916

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    "Geschichtsstunde": So wollen russische Medien Ukraine aufteilen

    "Geschichtsstunde": So wollen russische Medien Ukraine aufteilen

    Die Kreml-Propaganda läuft auf Hochtouren und greift zurück bis auf die österreichisch-ungarische Monarchie, um ihren Macht-Fantasien freien Lauf zu lassen: Die Westukraine könne "in Teilen" an Polen, Ungarn und Rumänien abgetreten werden.

    Der Angriffskrieg auf die Ukraine lässt auch die Toten nicht ruhen: Bei den Gefechten vor Kiew wurde auch die dortige Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar beschädigt. Andriy Yermak vom ukrainischen Präsidialamt schrieb dazu auf Twitter: "Russland hat einen Raketenangriff auf das Gebiet gestartet, in dem sich die Gedenkstätte Babyn Yar befindet. Diese Verbrecher töten zum zweiten Mal die Opfer des Holocaust." In der Schlucht von Babyn Jar ermordeten die deutschen Besatzer im September 1941 kurz nach Eroberung Kiews 33.771 Juden, die meisten von ihnen Einwohner der Stadt, und verscharrten sie. Heute liegt die Gedenkstätte in einem Landschaftspark.

    Erinnerung an Massaker von Wolhynien

    Während auf den Schlachtfeldern Menschen sterben, beschäftigen sich auch russische Journalisten und Historiker mit der Geschichte und kommen zu teils bizarren Vorhersagen, was die Zukunft der Ukraine betrifft. Der stellvertretende Chefredakteur des Boulevardblatts "Komsomolskaja Prawda", Andrej Baranow, kann sich vorstellen, dass der Westen der Ukraine "in Teilen" an die europäischen Nachbarstaaten abgetreten wird. Seine Argumente beziehen sich auf die fernere und jüngere Vergangenheit.

    Seit der österreichisch-ungarischen Monarchie lebten dort nicht-russische Minderheiten "auf engstem Raum". Deren "kleiner Nationalismus" könne dazu beitragen, die Grenzen zu verschieben. Polen zum Beispiel habe die Massaker von Wolhynien und Ostgalizien bis heute nicht vergessen. Bei den von Februar 1943 bis April 1944 durchgeführten Mordaktionen von nationalistischen Ukrainern kamen annähernd 100.000 Polen zu Tode. Das könne dazu beitragen, dass Polen seine "historischen Ostgebiete" nach einer militärischen Niederlage der Ukraine annektiere, so Baranow.

    Rumänische Landkarten von 1939

    Auch die ethnischen Ungarn und Rumänen in der Ukraine hätten Grund, sich an ihre Herkunftsländer anzuschließen. In der Bukowina ("Buchenland") mit der Hauptstadt Czernowitz würden ohnehin schon rumänische Flaggen gehisst und Landkarten von 1939 in die Büros gehängt. Die Bukowina gehörte in alter Zeit zum Fürstentum Moldau, später zu Österreich-Ungarn und nach dem Ersten Weltkrieg zu Rumänien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil der Region der damaligen Sowjetunion zugeschlagen.

    "Fiktive" Landkarten einer Nachkriegs-Ukraine sind übrigens auch auf der Website der "Komsomolskaya Prawda" zu sehen, wo sich "Neurussland" von Odessa bis zum Donbass erstreckt und der "Rest" des Landes in Kleinstaaten zerlegt ist.

    Bizarre Behauptungen von "Entnazifizierung"

    Dagegen rät der russische Politologe Petr Kulichenko im selben Blatt zur "Vorsicht". Vorhersagen über den Zusammenbruch der Ukraine erschienen ihm "übertrieben". Für ihn sei lediglich klar, dass die Krim und der Donbass in der russischen Einflusssphäre blieben. Womöglich flüchte sich der jetzige ukrainische Präsident Wolodymar Selenskyi nach London, baue dort eine Exilregierung auf und sein Vor-Vorgänger, der ausgewiesene Putinfreund Viktor Janukowytsch kehre an die Macht zurück.

    Der sei schließlich "rechtmäßig gewählt" und durch einen "bewaffneten Putsch" gestürzt worden. Gemeint ist damit der Aufstand vom "Euromaidan", in dessen Verlauf sich Janukowytsch im Februar 2014 nach Russland absetzte.

    Die weit hergeholten historischen Rückgriffe zeigen, dass Kreml-Propagandisten sich schwer tun mit einer klaren Definition der Kriegsziele Putins. Dessen Behauptung, die Ukraine müsse "entnazifiziert" werden, erscheint auch deshalb bizarr, weil Selenskyi jüdischen Glaubens ist. Israel lieferte zwar bis jetzt keine Waffen an die Ukraine, stellte aber 100 Tonnen medizinische Ausrüstung zur Verfügung.

    Und wenn die russische Seite tatsächlich geglaubt haben sollte, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Ukraine ließen sich gegeneinander ausspielen, hat Putins Angriff augenscheinlich genau das Gegenteil bewirkt: Das Nationalbewusstsein der blau-gelben Nation wurde ebenso vitalisiert wie die Ängste in Europa und die zuvor in einer Sinnkrise steckende Nato. Wahrlich historische Dimensionen, die den Begriff "Zeitenwende" durchaus rechtfertigen.

    Karte: Die aktuelle militärische Lage in der Ukraine (02.03.2022)

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