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So wirkt sich "Dopamin-Fasten" auf Körper und Seele aus | BR24

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Nach Achtsamkeit und Digital Detox folgt nun der nächste technikskeptische Trend: Beim Dopamin-Fasten wird unter anderem auf das Smartphone verzichtet, um Glücksmomente bewusster zu erleben. Doch mit der Reizverarmung sollte man es nicht übertreiben.

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So wirkt sich "Dopamin-Fasten" auf Körper und Seele aus

Nach Achtsamkeit und Digital Detox folgt nun der nächste technikskeptische Trend: Beim Dopamin-Fasten wird unter anderem auf das Smartphone verzichtet, um Glücksmomente bewusster zu erleben. Doch mit der Reizverarmung sollte man es nicht übertreiben.

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Eines Tages stellt Michael Steininger fest: Ohne Smartphone wird mir langweilig und ich habe damit ein Problem. "Das fängt schon an, wenn ich Fahrrad gefahren bin, ohne dabei Musik zu hören, oder gegessen hab, ohne dabei ein Video zu schauen", sagt der 24-jährige Fitness-Trainer. Er will sich seiner Langeweile stellen und testet einen neuen Trend aus dem Silicon Valley: das sogenannte "Dopamin-Fasten".

Der Belohnungsbotenstoff Dopamin löst im Gehirn Glücksgefühle aus – beim Sport, durch Süßigkeiten, gute Gespräche, Sex oder wenn man ein Spiel gewinnt – oder wenn man am Handy etwas Tolles entdeckt. Das Problem, das der Erfinder des Dopamin-Fastens, der Psychologe Cameron Sepah sieht: Durch das Dauer-Online-sein via Smartphone häufen sich die Dopamin-Ausschüttungen und man stumpft ab – ähnlich wie bei einer Drogensucht, bei der es einen immer stärkeren Kick braucht.

Beim Dopamin-Fasten geht es nicht darum den Botenstoff im Gehirn zu verringern

Michael Steininger will einen Tag lang Dopamin-Ausschüttungen fasten und verzichtet auf Lieblingsspeisen und Sport, er trifft keine Freunde, hört keine Musik, sieht keine Videos an und liest auch nichts.

Der Begriff "Dopamin-Fasten" ist dabei nicht ganz korrekt, so Jens Benninghof, Chefarzt am Isar-Amper-Klinikum München Ost. Denn es geht keineswegs darum, den Botenstoff im Gehirn zu verringern: "Wenn man betrachtet, dass im gesunden Gehirn die Dinge im Gleichgewicht sind. Wenn man jetzt anfängt einen Stoff zu fasten, dann glaube ich, ist das nicht sinnvoll. Worauf es eher ankommt bei diesem Dopamin-Fasten ist: Achtsam mit sich selbst umzugehen und eben auch im hier und jetzt die Situation zu erleben."

Für Michael Steininger war diese Erfahrung am Anfang schwierig, sagt er: "Schrecklich langweilig! Und im Laufe des Tages habe ich gemerkt, dass ich es angenehm finde, dass meine Gedanken ein bisschen klarer werden. Ein bisschen mehr: Ein Gedanke nach dem anderen, statt zwölf gleichzeitig und keiner ist so richtig greifbar."

Beim Dopamin-Fasten sollte man es nicht übertreiben

Für Steininger ist das Dopamin-Fasten ein positives Erlebnis. Übertreiben sollte man es aber nicht, sagt der Psychiater Jens Benninghof: "Prinzipiell eine Reizverarmung halte ich nicht für gut. Ich glaube, sich über einen längeren Zeitraum nur mit sich selbst zu beschäftigen – der Mensch ist ein soziales Wesen – und in sozialen Austausch zu treten ist für das Gehirn etwas Gutes."

Benninghof empfiehlt: Feste Off-Line-Zeiten in den Tag einplanen, in denen das Handy ausbleibt oder keine Mails gelesen werden. Also kein Dauerverzicht, sondern in eine zeitlich abgegrenzte Klausur gehen, wie bei den Mönchen. Und damit sind wir beim eigentlichen Kern des sogenannten "Dopamin-Fastens": Dieser Trend ist sicherlich nicht neu. Das sagt der Münchner Pfarrer David Theil, der 16 Jahre lang Benediktiner Mönch war: "Das alte Mönchtum hatte genau diese Idee, dass ich mich konzentriere, indem ich mich möglichst frei mache von äußerer Ablenkung."

Die Leistungsgesellschaft hinter sich lassen

Es gehe darum, Stille als etwas Wertvolles zu erleben, so Theil: "Dass ich mich auf das Wesentliche konzentriere und so immer mehr auf die innere Stimme in mir hören kann. Die Regel des heiligen Benedikt beginnt mit dem Satz "Höre". Von daher freue ich mich, wenn man das im Silicon Valley entdeckt – und wir haben es als Kirche zu bieten. Nicht ein Verzicht, weil wir uns kasteien und weh tun, sondern weil uns die Überfülle nicht bekommt."

So sieht es auch Michael Steininger. Ihm gehe es nicht um Selbstoptimierung und Leistungssteigerung, wie es den Anhängern des Dopamin-Fastens teils vorgeworfen wird, sondern darum, die Leistungsgesellschaft hinter sich zu lassen und einfach mal wieder nichts zu tun: "Den Tag danach habe ich sehr genossen. Ich hab mich über kleine Dinge gefreut, über Gerüche, den Einfall des Sonnenlichts durch die Blätter. Kleine Dinge, die ich sonst nicht so stark erlebt hätte, dafür war ich wieder sensibler, die haben Freude ausgelöst – dieses schöne Gefühl, das ich sonst gesucht habe durch Musik oder ein Video. Das fand ich schön, dass ich mich darüber wieder freuen konnte."