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Wie Maurin Dietrich den Münchner Kunstverein prägen will | BR24

© Kunstverein München

Maurin Dietrich

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Wie Maurin Dietrich den Münchner Kunstverein prägen will

Bald wird der Münchner Kunstverein runde 200 Jahre alt. Gestalten wird das Jubiläum die neue Direktorin Maurin Dietrich. Wer ist die Kuratorin, die zuvor in Berlin arbeitete – und welche Pläne hat sie für den Kunstverein?

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Auch Maurin Dietrich benutzt ihn, den derzeit modischen Ausdruck „Narrativ“ – als Hauptwort natürlich. Es geht ihr um die „verschiedenen Praktiken von Narration“, wie sie es ausdrückt. Also, was für Geschichten erzählt wer, wann, warum, und in welchem Zusammenhang? Das Medium ist zweitrangig. Malerei, Skulptur, Fotografie oder Video – es geht immer um die Erzählung.

Dieser „narrative Ansatz“ ist nicht nur in der zeitgenössischen Kunst gerade ziemlich angesagt. Auch alle Politiker, Werber und Philosophen bedienen sich. Doch Maurin Dietrich nimmt man ihre Leidenschaft für Geschichten ab: "Ich bin sehr spät zur Kunst gekommen, bin aus einer Familie, die sich überhaupt nicht – das kann man schon so sagen – für Kunst interessiert hat. Anders als vielleicht bei vielen, die den Beruf ergreifen, kam das bei mir über eine ganz frühe Auseinandersetzung mit ‚Geschichten erzählen’. Und das kam ganz banal über meinen ersten Mitgliederausweis in der Jugendbibliothek, wo ich mich dann relativ schnell durch die Jugendabteilung durchgelesen hatte und dann mussten meine Eltern kommen und mir den Erwachsenen-Ausweis unterschreiben."

Von der Stadtbücherei in Freiburg zur Narration

Damals ist Maurin Dietrich dreizehn, lebt mit ihrer Familie im Schwarzwald. Die große Welt weit entfernt, und doch ganz nah: In der Stadtbücherei in Freiburg findet sie eine Idee von Welt – in Form von Büchern. Mit ihnen verbringt sie viel Zeit, liest – wie sie sagt – alles, was ihr in die Hände kommt. Historische Romane, Schundromane, Dostojewski und die Bücher von J.D. Salinger zum Beispiel.

Vieles habe sie damals nicht annähernd verstanden. Und doch wurde ihr kleiner Kosmos mit Hilfe all der unterschiedlichen Geschichten, Stimmungen und Töne immer größer: "Darüber habe ich dann die Kunst erfahren, also eigentlich über Fragen der Fiktion, über Fragen, was ist eigentlich die eigene Geschichte und was ist darin nicht enthalten. Was will man dem hinzufügen, was übersteigt irgendwie alles, was man sich vorstellen kann."

© Lisa Holzer/ Kunstverein München

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Was bedeutet ein Jubiläum?

Heute ist Maurin Dietrich 29, sitzt im knatschgrünen Strickkleid mit Blazer und Turnschuhen auf einer Bank im Hofgarten. Gegenüber liegt der Kunstverein München, den Maurin Dietrich seit ein paar Wochen als Direktorin leitet. Als sie vom Weggang ihres Vorgängers Chris Fitzpatrick erfuhr, habe sie sich sofort beworben. Denn abgesehen von seiner spektakulären Lage war der Kunstverein München schon lange ein Fixpunkt für die Kuratorin. Ein Ort, von dem schon oft wichtige Impulse im Kontext zeitgenössischer Kunst ausgingen.

Jetzt ist sie hier plötzlich selber am Ruder und hat gleich eine ziemlich große Aufgabe vor sich: Das Jubiläum in vier Jahren, wenn der Kunstverein 200 Jahre alt wird. Natürlich hat Dietrich Ideen, aber in das umfangreiche Archiv arbeitet sie sich gerade erst ein. Ihr Wunsch: Das Archiv möglichst vielen Menschen zugänglich machen zu können – und zwar schon im Vorfeld des Jubiläums: "Ich frage mich da auch, was so ein Jubiläum eigentlich bedeutet? 200 Jahre Ausstellungsgeschichte sozusagen - wie entwirft man das und was heißt das auch für die Positionierung in der Stadt München?"

© Shezad Dawood/Kunstverein München

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Erste Ausstellung gilt einer schwarzen Künstlerin

Unabhängig von dem Jubiläum möchte Maurin Dietrich neue, unbekannte Künstlerinnen und Künstler zeigen – auch mit dem Fokus darauf, was im Kunstverein bisher verpasst wurde. Es ist also kein Zufall, dass sie ihre erste Ausstellung Ende September einer schwarzen Frau widmet. Diamond Stingily, Jahrgang 1990 – eine Künstlerin, die in den USA schon länger als „emerging“, also als junger aufstrebender Shootingstar gehandelt wird. In Europa hatte sie bisher erst eine Soloshow in Paris. In ihren Arbeiten geht es um Fragen der Identität, um Hautfarbe, Geschlecht – und um die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse.

Ein Thema, das auch Maurin Dietrich sehr beschäftigt, so sehr, dass sie es gerne in einer weiteren Ausstellung im kommenden Jahr verhandeln würde, auf Basis eines Textes des britischen Schriftstellers und Theoretikers Mark Fisher: "Einer seiner letzten Texte heißt 'Exiting the Vampire Castle', wo es darum geht, dass die Linke sich in den letzten Jahren in der Kulturdebatte vermehrt sozusagen auf Fragen des Geschlechts und der nationalen Herkunft beschränkt hat und Fragen von sozialer Klasse ganz außen vorgelassen hat, was mich auch in Bezug auf München extrem interessiert, wo die Grenzen zwischen oben und unten sehr klar verlaufen."

Noch ohne Wohnung in München

Maurin Dietrich weiß, wovon sie spricht. Zum Glück hat sie Freunde, die sie beherbergen. Denn die neue Direktorin des Münchner Kunstvereins hat immer noch keine Wohnung in München gefunden. Eine Tatsache, die sie fassungslos macht.

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