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So war "Die Verlorenen" am Münchner Residenztheater | BR24

© Bayern 2

Verrohung von Sprache, Verrohung von Menschen, Verlust von Sinnhaftigkeit: Nora Schlocker inszeniert am Residenztheater in München mit "Die Verlorenen" von Ewald Palmetshofer ein Stück, das unsere Zeit einfängt – getragen von einem starken Ensemble.

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So war "Die Verlorenen" am Münchner Residenztheater

Verrohung von Sprache, Verrohung von Menschen, Verlust von Sinnhaftigkeit: Nora Schlocker inszeniert am Residenztheater in München mit "Die Verlorenen" von Ewald Palmetshofer ein Stück, das unsere Zeit einfängt – getragen von einem starken Ensemble.

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Am Anfang, wenn der Chor spricht und 'Hallo' ruft in den Zuschauerraum und 'Hört uns jemand?', so als suche er verzweifelt nach einer Resonanz, am Anfang hängt da im klinisch weißen leeren Bühnenraum hinter diesem Chor zumindest noch ein Kreuz. Ein hölzernes Kreuz am hölzernen Bolzen, wie eine Reminiszenz, dass da mal etwas war, etwas Übergeordnetes, das Sinn gab, wo jetzt nur noch Leere herrscht.

Verlorene der Gesellschaft

Am Schluss, wenn das Kreuz längst abgenommen ist, weil es für nichts mehr steht, am Schluss wird am hölzernen Bolzen ein Mensch hängen, aufgespießt, tot. Und der Chor wird wieder dort stehen, wo er zu Beginn schon stand und wird nun wissen, dass ihm nichts und niemand antworten wird. In der Zeit dazwischen wird sich dieser Chor in das Personal von Ewald Palmetshofers "Die Verlorenen" verwandeln und damit in ein Kaleidoskop von Figuren, die als Verlierer und Verlorene ihren Platz in der Gesellschaft nie gefunden haben. Dabei haben sich die Verletzungen, die sie erlitten, zum Teil auch in ihre Körper eingeschrieben, sodass sie Namen tragen, wie "Die Frau mit dem krummen Rücken", "Der Mann mit der Trichterbrust" oder "Der alte Wolf".

Sie bevölkern jene Tanke mit Versorgungsmöglichkeiten irgendwo in der Pampa, die immer mal wieder zum Schauplatz der Geschichte wird. Und die erzählt von Clara, die aus ihrer Gegenwart mit ungeliebter Arbeit, problematischem Sohn und Ex-Ehemann mit neuer Frau in das Haus ihrer verstorbenen Großmutter flieht, ohne allerdings ihrem Leben entrinnen zu können. Auch sie gehört zu diesen Verlorenen ebenso wie der junge Kevin, den sie zunächst aus dem verlassenen Haus scheucht, um dann doch mit ihm eine Nacht zu verbringen. Wie alle Figuren dieses Stückes, so spricht auch er in einem fast lyrischen Duktus und weist sprachmächtig weit über den Horizont hinaus, den man ihm gemeinhin eigentlich zubilligen würde.

© Birgit Hupfeld

Am Anfang hängt da noch ein Kreuz: "Die Verlorenen" am Münchner Residenztheater

Verrohung der Sprache, Verrohung der Menschen

Es ist, als habe Ewald Palmetshofer die Quintessenz seines neuen Stückes diesem Kevin in den Mund gelegt. In der Verrohung der Sprache in Politik und modernen Kommunikationsforen macht er die Ursache für die Entmenschlichung der Welt aus, die mit der permanenten Herabwürdigung des Mitmenschen erst den Verlorenen aus diesem macht. Dabei ist diese Verrohung durchaus auch schon in einige von Palmetshofers Figuren selbst eingefahren, die eifersüchtig die verkorksten Leben der jeweils anderen beäugen und sie zu gegenseitiger Schadenfreude missbrauchen. "Ich hasse schwach" ist dabei wohl der brutalste Satz, den Palmetshofer ausgerechnet dem 12jährigen Sohn der Hauptprotagonistin in den Mund legt, der wegen eines Videos über die Misshandlung eines Mitschülers vom Unterricht suspendiert wird. Von da an eskaliert die Handlung und nimmt ihr furchtbares Ende.

Im Münchner Residenztheater hat nun Regisseurin Nora Schlocker diese "Verlorenen" als Uraufführung in Szene gesetzt. Dabei wirft sie Palmetshofers Figurenpanoptikum geschickt in jenen weißen leeren Bühnenraum, der nur in seiner schwarzen Umrandung schmale Streifen für Auf- und Abtritte ermöglicht. Ansonsten aber dient er als rein abstrakte Spielfläche, die schnelle Orts- und Figurenwechsel und so einen zügigen Handlungsfluss ermöglicht. Gleichzeitig wagt sie es immer mal wieder ganz statisch zu arbeiten: die Figuren einfach im Raum stehen zu lassen, was die Konzentration auf das Gesagte stark erhöht. Und auch den fein im Text versteckten Humor des Autors vermag ihr Ensemble herauszuarbeiten. Und so machen dieses starke Stück und ein Ensemble, in dem es für München einige Gesichter und Persönlichkeiten neu zu entdecken gilt, viel Lust auf mehr.

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