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So viel Antisemitismus steckt in deutschen Schulbüchern | BR24

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Nach dem Angriff von Halle fragen sich Menschen, wieso gerade Juden häufig Ziel von Extremisten sind. Antisemitische Klischees in Schulbüchern seien ein Teil des Problems, kritisieren Wissenschaftler und der Präsident des Zentralrats der Juden.

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So viel Antisemitismus steckt in deutschen Schulbüchern

Nach dem Angriff von Halle fragen sich Menschen, wieso gerade Juden häufig Ziel von Extremisten sind. Antisemitische Klischees in Schulbüchern seien ein Teil des Problems, kritisieren Wissenschaftler und der Präsident des Zentralrats der Juden.

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Nach dem Angriff auf eine Synagoge in Halle fragen sich viele Menschen, wie es zu einer solchen Tat kommen konnte. Warum geraten gerade Juden immer wieder ins Visier von extremistischen Attentätern? Ein Grund könnte das Bild sein, das Schülern teilweise immer noch in deutschen Schulbüchern vermittelt wird, meint der Berliner Antisemitismusforscher Samuel Salzborn. Der Wissenschaftler, der an der Technischen Universität in Berlin lehrt, fordert deshalb eine Überarbeitung der Lehrpläne und Schulbücher.

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat in der Vergangenheit die Darstellung des Judentums in deutschen Schulbüchern scharf kritisiert. In einem Interview mit der Deutschen Presseagentur sagte er:

"Es gibt dort zuweilen Bilder, die von antisemitischen Stereotypen geprägt sind und damit eher an den 'Stürmer' erinnern, als dass sie eine sachliche Darstellung bieten würden." Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden

Jüdische Verschwörungstheorien in Schulbüchern?

Die jüdische Weltverschwörung durch jüdische Bankiers - die Nazis propagierten sie. Aber auch in deutschen Schulbüchern war dieses antisemitische Stereotyp zu finden - sogar noch 2017 in einem Buch zum Fach Gesellschaftskunde. Darin war ein gelber Kugelkopf zu sehen - wie im Computerspiel Pacman, der Europa verschlingt. Auf seinem Schweif steht mehrfach "Rothschildbank". Der Verlag, von dem das Buch stammt, hat die Auslieferung gestoppt. In Bayern ist dieses Buch erst gar nicht erschienen.

Ein solcher Fall von virulentem Antisemitismus ist zwar beispiellos in deutschen Schulbüchern - nicht jedoch Bilder oder Auslassungen, die antisemitische Stereotype befördern, so der Politologe Martin Liepach. Zusammen mit Dirk Sadowski veröffentlichte er eine Studie zu jüdischer Geschichte in deutschen Schulbüchern. "Schulbücher in Deutschland sind per se nicht antisemitisch - aber sie enthalten antisemitische Quellen. Problematisch wird es, wenn Bilder nicht hinreichend eingeordnet werden."

Illustrationen für Antisemitismus müssen eingeordnet werden

Wenn also zum Beispiel ein Bild aus dem judenfeindlichen Propagandablatt "Der Stürmer" allein als Illustration für Antisemitismus verwendet wird, es dazu aber keine Aufgabenbeschreibung gebe. Dies finde man auch in bayerischen Schulbüchern.

Jüdische Geschichte würde außerdem sehr reduktiv dargestellt: Geldverleiher, gelber Fleck, Ghettos – das sei jüdische Geschichte im Mittelalter. Der Widerstand jüdischer Menschen während des Nationalsozialismus bliebe unerwähnt. Israelis würden nur als Besatzer, Soldaten oder Ultra-Orthodoxe dargestellt. Und auch die deutsch-jüdische Geschichte nach 1945 fehlt in vielen deutschen Schulbüchern. "Es gibt eine Perspektive jüdischer Geschichte in den Schulbüchern, die doch sehr stark Verfolgungsgeschichte ist und weniger über jüdische Geschichte, jüdische Kultur vermittelt", sagt Martin Liepach.

Kein Platz für jüdische Geschichte?

Oren Osterer ist jüdischer Politologe und Historiker. Er beschäftigt sich schon lange mit Antisemitismus und ärgert sich besonders darüber, wie eindimensional jüdische Geschichte dargestellt wird. Er fragt sich, warum der Beitrag von Juden zur europäischen Zivilisation so wenig Platz findet.

"Bis 1933 waren knapp ein Drittel der deutschen Nobelpreisträger Juden", sagt Osterer, "Juden haben mit dafür gesorgt, dass Deutschland die Industriemacht Nr.1 in der Welt wurde. Das fällt alles hinten runter." Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo sagt, das Thema jüdische Geschichte werde sehr ernst genommen und viel dafür getan, um antisemitische Darstellungen zu vermeiden. Eine Verbesserung in Bayern: Ab 2022 wird in den neuen bayerischen Lehrplänen zum ersten Mal jüdische Geschichte ab 1945 vorkommen.

Sensibilität gegenüber Antisemitismus: Auf die Lehrkraft kommt es an

Schulbücher allein sorgen jedoch noch für keinen guten Unterricht. Anna Staroselski ist Vizepräsidentin der jüdischen Studierendenunion in Deutschland. "Die Lehrkräfte sind verantwortlich dafür, welches Bild vom Judentum die Schüler mit nach Hause nehmen. Ordnet der Lehrer jüdische Geschichte ein oder macht er Juden zu den ewig Anderen?" Für Staroselski macht es einen großen Unterschied, wie sensibel der Lehrer oder die Lehrerin gegenüber dem Thema Antisemitismus ist.

"Ich erinnere mich, wie wir in der Schule das Thema Holocaust behandelt haben und die Lehrerin mir angeboten hat, das Klassenzimmer zu verlassen. Und ich finde, das ist genau die falsche Herangehensweise. Der Fokus wird sofort auf mich gelenkt, alle Schülerinnen und Schüler haben mich angeschaut." Anna Staroselski, Vizepräsidentin der jüdischen Studierendenunion in Deutschland

Staroselksi fordert, den richtigen Umgang mit Antisemitismus in das Lehramtsstudium zu integrieren. Denn nur wenn Lehrerinnen und Lehrer antisemitische Klischees erkennen, können sie Antisemitismus etwas entgegensetzen.

Sendung

Religion und Orientierung

Von
  • Nabila Abdel Aziz
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