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Plattenbau-Wohnblock im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf
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Autoren

Kirsten Dietrich
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Plattenbau-Wohnblock im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf

Die Nonnen Angelika Kollacks und Michaela Banks gehören dem katholischen Orden der Missionsärztlichen Schwestern an. 1992 kamen sie kurz nach der Wende mit drei weiteren Ordensschwestern in den Nordosten von Berlin, wo sich weniger als zehn Prozent der Menschen als irgendwie christlich verstehen.

"Wir wussten, dass es für die Menschen im Ostteil des Landes eine sehr schwere Phase ist, also wollten wir dort hin." Schwester Michaela Banks

Ein Schwerpunkt der Schwestern: die Lebensberatungsstelle

Am Anfang habe es viele Nachwendekrisen gegeben, sagt Angelika Kollacks, "das Thema DDR war sehr stark". Dies sei mittlerweile schwächer geworden, aber die Problematik, "wie komm ich aus mit dem Wenigen, das ich habe", die habe sich verstärkt.

Ein Schwerpunkt der Arbeit der Schwestern liegt in der Lebensberatung, vor allem für Frauen. Ihre Lebensberatungsstelle liegt zwischen Einkaufszentrum und Agentur für Arbeit, in einem Nachwende-Hochhaus.

Auf christliche Sprache wird verzichtet

Lebensenergie, Kraft, Heilung: das waren schon immer die Themen der Missionsärztlichen Schwestern, seit ihrer Gründung in den 1920er Jahren: Heil und Heilung auf sehr praktische Art. Angelika Kollacks zum Beispiel ist Musiktherapeutin und setzt bei ihrer Arbeit gern Trommeln ein. Auf christlich geprägte Sprache verzichten die Schwestern im Umgang mit ihren Klienten weitgehend.

"Das ist für die Leute hier eine Fremdsprache. Auch was eine Ordensfrau ist." Michaela Banks

Das Leben in einer geistlichen Gemeinschaft, die sich bestimmten Regeln unterwirft, spreche die meisten Leute in der Berliner Plattenbausiedlung nicht an, sagt Michaela Banks, wohl aber das Gelübde der Armut: "Dass wir alles, was wir haben, miteinander teilen, und das, was wir darüber hinaus haben, den Armen geben." Das habe Marx ja auch gewollt, bekomme sie dann oft zu hören.

Die Idee stammt von Jesus, nicht Marx

Wenn Schwester Michaela dann allerdings erzählt, dass es vor Marx schon einmal jemand gegeben hätte, der diese Idee hatte, und der sich Jesus nannte, dann breche das Gespräch meistens ab. Die Schwestern suchen deshalb neue Worte - und setzen auf die Sprache der Musik.

"Wenn die Leute den Eindruck gewinnen, dass es fromm wird, dann setzen sie meist einen Schlusspunkt." Michaela Banks

Orden suchen neue Formen kirchlichen Lebens

Es waren schon immer in der Kirchengeschichte die Orden, die neue Wege gingen, deswegen ist es kaum erstaunlich, dass es auch heute vor allem Ordensleute sind, die nach neuen Formen kirchlichen Lebens in einer nachchristlichen Welt suchen.

Konfliktfrei laufe das nicht immer, erzählt Michaela Banks. Auch aus innerkirchlichen Kreisen werde sie gefragt, ob ihre Arbeit nicht Zeitverschwendung sei, ob sie nicht besser in den Gemeinden für die noch in der Kirche verbleibenden Christen da sein sollte?

Erfolg nicht über steigende Mitgliedszahlen definieren

Denn Erfolge, die für die kirchliche Statistik zählen, haben die Schwestern in Marzahn nicht vorzuweisen: keine Erweckung, keine Wiedereintritte. Vielleicht ist das ihre wichtigste Botschaft, zumindest in die Kirche hinein: eine neue Idee davon zu vermitteln, was das heute heißen kann, als Christinnen und Christen selbstlos für andere da zu sein. Und Erfolg ganz neu zu definieren: nicht als Steigerung der Mitgliederzahlen, sondern als "heilende Gegenwart", so verstehen die Schwestern ihre Arbeit.