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So unerschrocken spiegelt Goya seine Zeitgenossen | BR24

© Audio: BR/ Bild Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg i. Br./ Fotos (Los Caprichos, Los Disparates): Bernhard Strauss

Museum Lothar Fischer in Neumarkt: Goyas-Radierungen – nichts für schwache Nerven!

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So unerschrocken spiegelt Goya seine Zeitgenossen

Krieg, Capriccios, Stierkampf, Torheit: Werke der berühmten vier Radierungsmappen von Francisco de Goya sind jetzt im Lothar Fischer Museum in Neumarkt zu sehen. Drucke von höchster Qualität, aber nichts für schwache Nerven.

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Beim Betrachten der Blätter dieses Genies namens Francisco de Goya stellt man sich unweigerlich die Frage, wie dieser Künstler eigentlich sich selbst ausgehalten hat, den eigenen Blick auf eine Welt und eine Zeit, die in seinen Augen wohl unrettbar verloren war. Seinen Blick auf Menschen, diese Bestie Mensch zwischen Bösartigkeit, Dummheit und Brutalität.

Die Vernunft, eine ohnmächtige Vision

Gleich in der Eingangssituation präsentiert die Neumarkter Ausstellung ein überlebensgroßes Selbstporträt Goyas, allerdings in stark vergrößerter Kopie. Der Maler steht an der Staffelei, beschäftigt mit einer Arbeit, deren Sujet dem Betrachter allerdings verborgen bleibt. Der Künstler aber blickt den Betrachter an, beziehungsweise seine Zeitgenossen, was nichts anderes bedeuten kann, als: Dies hier in meinen Bildern seid Ihr, ich porträtiere Euch! Meine Bilder sind nur Spiegel. Es ist wahrlich eine schonungslose Gesellschafts- und Zeitkritik, die Goya formuliert, ein Weltbild, in dem Hoffnung keinen Raum hat und die Vernunft, die doch gerade durch die Aufklärung Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts auch nach Spanien gespült worden war, nur als ohnmächtige Vision erhalten bleibt.

Das Museum Lothar Fischer in Neumarkt zeigt die vier Mappenwerke von Francisco de Goya: die "Capriccios", die Launen oder Einfälle, dann die "Stierkampfmappe", die Serie "Die Schrecken des Krieges", und aus der letzten Mappe "Torheiten" ein einzelnes Blatt "als Ausklang der Ausstellung", wie Pia Dornacher, die Leiterin des Museums sagt. Alles Produkte, die Goya "erstmals als ein relativ freier Künstler tut. Er war ja Hofmaler und dadurch auch an Aufträge gebunden, aber die Verbreitung seiner Mappenwerke hat er selbst in den Zeitungen angekündigt, in den Madrider Zeitungen und zum Kauf für jedermann, der es sich eben leisten konnte angeboten hat."

© Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg i. Br./ Fotos (Los Caprichos, Los Disparates): Bernhard Strauss

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: Aus der Serie "Los Caprichos"

© Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg i. Br./ Fotos (Los Caprichos, Los Disparates): Bernhard Strauss

Aus der Serie "Los Capricos"

© Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg i. Br./ Fotos (Los Caprichos, Los Disparates): Bernhard Strauss

Selbstporträt aus der Serie "Los Caprichos"

© Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg i. Br./ Fotos (Los Caprichos, Los Disparates): Bernhard Strauss

Aus der Serie Los Caprichos

Krieg, Kindesmissbrauch und Tierquälerei

Die vier berühmten Radierfolgen sind jetzt in Neumarkt dank einer Leihgabe des Freiburger Morat-Instituts zu sehen, besonders kostbar, weil es sich bei ihnen um Drucke aus den ersten Auflagen überhaupt handelt, Drucke von höchster Qualität. Nicht nur Goyas Blätter zur Inquisition sind dabei erschütternd.

Da hockt ein willkürlich Verurteilter mit spitzem Hut und Büßerhemd zusammengesunken auf einem Podium, den Blicken der glotzenden Menge ohnmächtig ausgeliefert. Da thematisiert Goya den sexuellen Kindesmissbrauch, bei dem ein Mann einen Kinderkörper als Blasebalg benutzt. Er zeigt, wie der Pöbel beim Stierkampf das starke stolze Tier vor dem Kampf heimtückisch schwächt mit Sicheln und Lanzen. Zeigt in den Kriegsszenen den Widerstand der spanischen Bevölkerung gegen die Okkupation Napoleons, Augenblicke von schier unvorstellbarer Gewalt, und ergreift doch niemals Partei, nicht für Spanien, nicht für Frankreich. Auch nicht für die Frauen, die gleichfalls hinter den Kanonen stehen und fähig sind zu Folter. Es ist, als würden die Szenen vor dem inneren Auge des aufgrund eines Schlaganfalls taub gewordenen Malers einfach vorüberziehen.

Lange vor dem Dichter Georg Büchner weiß Goya, dass der Mensch ein Abgrund ist oder zumindest jederzeit dazu werden kann. Jeder und jede kann Opfer und Täter zugleich sein, so seine unerhört frühe Erkenntnis. Goya – der Vorläufer von Surrealismus und fantastischem Expressionismus.

Dämonen-Dämmerung

"Ja, es sind natürlich auch diese fantastischen Figuren. Er zeigt Dämonen, er zeigt auch die Traumvisionen, natürlich ganz berühmt das Blatt 'Der Schlaf der Vernunft' oder auch der 'Traum der Vernunft' ist vielleicht in der heutigen Pandemiezeit auch ein ganz interessantes Blatt, was aufzeigt, wenn man die Vernunft ausschaltet, herrschen die Dämonen, die Geister, das Grausame, die Gefahr", so Pia Dornacher.

Bei manchen Kriegsszenen fragt man sich zugleich auch, wo sich der Künstler eigentlich hat unbeschadet aufhalten können, um solche Gräuel vermutlich zunächst in Skizzen festzuhalten, so nah, so körperlich gefährdet. Die Ausstellung in Neumarkt mit einer überwältigenden Anzahl kleiner Blätter, umrahmt von großen Passepartouts, bespielt diesmal das ganze Haus. Vor allem für das obere Stockwerk mit den 82 Szenen aus "Los Desastres de la Guerra", die "Schrecken des Krieges", die Goya 1820 abschloss, braucht man gute Nerven. Die aber sollte man unbedingt haben, um die kluge, kühne, unerschrockene Weltsicht des letzten europäischen Hofmalers zu begreifen, der in seiner Radikalität bereits Picasso berührt und weit hineinreicht in die Moderne.

Die Sonderausstellung "FRANCISCO DE GOYA – Radierungen aus der Sammlung des Morat-Instituts", läuft bis 24. Februar 2021 im Museum Lothar Fischer in Neumarkt.

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