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So trotzt die Münchner Bücherschau dem Kultur-Lockdown | BR24

© Audio: BR/ Bild: Münchner Bücherschau

Ob das virtuelle Konzept aufgeht? Digitales Neuland betreten heißt es diesmal bei der Münchner Bücherschau. Der Gasteig hat sich dabei in eine Web-Lounge verwandelt.

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So trotzt die Münchner Bücherschau dem Kultur-Lockdown

Das Literaturfest München fällt aus, die Münchner Bücherschau findet statt: Im Teil-Lockdown gibt es Lesungen und Debatten zwar nur digital. Dafür könne man viel einfacher teilnehmen, betont Mit-Organisator Thomas Kraft im Interview.

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"Gerade jetzt sind Bücher wichtiger denn je!", sagt Münchens Kulturreferent Anton Biebl mit Blick auf die am 12. November beginnende Münchner Bücherschau. Das Literaturfest München, in dessen Rahmen die Bücherschau normalerweise stattfindet, fällt zwar ganz aus. Und auch die Organisatoren der Bücherschau mussten dreimal umdisponieren. Am Ende aber war der Wille stärker, die Fahne der Literatur hochzuhalten in diesen kulturell mageren Zeiten, statt im Lockdown-Light alles abzublasen. Und nicht nur das Münchner Lesepublikum darf froh sein, dass nun wieder rund 14 Tage lang die Literatur im Fokus steht und für Abwechslung sorgt. Durch ihren Umzug ins Netz könnte diese 61. Münchner Bücherschau eine enorme Breitenwirkung entwickeln – vielleicht sogar "viral gehen". Andrea Mühlberger hat mit Thomas Kraft gesprochen, der für das literarische Erwachsenenprogramm verantwortlich ist. Wie immer ist aber auch für Schulklassen sowie Kinder und Jugendliche einiges geboten.

Andrea Mühlberger: Herr Kraft, die Buchbranche hat es nicht leicht in diesem Corona-Jahr: Lesungen, Messen, Festivals – fast alles muss abgesagt werden, und auch für Sie als Programmverantwortlichen der Münchner Bücherschau war es wohl ziemlich anstrengend. Sie mussten einige Male Ihre Planungen über den Haufen schmeißen und an die aktuellen Corona-Bedingungen anpassen, die Münchner Bücherschau sozusagen immer wieder neu erfinden. Was ist denn eigentlich übrig geblieben?

Thomas Kraft: Wir haben unser Programm jetzt quasi halbiert. Aus dem, was wir ursprünglich geplant haben, ist jetzt ein Programm mit zehn Veranstaltungen geworden, das sich circa 14 Tage erstreckt, vom 12. bis 29. November.

Können Sie das Konzept noch ein bisschen beschreiben? Was erwartet einen, wenn man sich auf der Website einloggt und anmeldet. Was passiert, wenn man diese virtuelle Bühne der Münchner Bücherschau betritt?

Es sind ja grundsätzlich immer zwei Säulen, die uns tragen. Zum einen die Ausstellung, die immer im Gasteig präsent war, in den Gängen, auf den Plattformen mit all den Neuerscheinungen der Verlage, die sich dort präsentiert haben. Das ist jetzt sozusagen auch ins Digitale gewandert, indem man die Stände virtuell besucht. Man kann dort in Büchern blättern, Dinge wahrnehmen, die die Verlage zusätzlich ins Netz gestellt haben wie kleine Videos, Trailer, unterschiedliche Sachen. Und dann gibt es eben das Veranstaltungsprogramm, das übrigens kostenlos ist. Da klickt man sich rein, wobei wir nicht immer live sind. Wir gehen auch ins Ausland, schalten zu Autoren wie Ken Follett oder Robert Harris. Und da weiß man ja nicht: kippt plötzlich die Leitung weg? Das wollten wir nicht riskieren. Also werden wir relativ viel aufzeichnen. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem diese Lesung ursprünglich geplant war, wird sie dann auch im Netz abrufbar und über einen gewissen Zeitraum auch im Medien-Archiv zugänglich sein.

Das Literaturfest musste abgesagt werden, das beliebte forum:autoren – abgesagt. Trotzdem haben Sie es geschafft, viele wichtige Autor*innen einzuladen. Was muss man machen, um mit denen ins Gespräch zu kommen?

Es kommen ja nicht alle Autor*innen wirklich nach München. Wir werden hinschalten ins Arbeitszimmer von Ken Follett oder ins Arbeitszimmer von Herrn Jonasson und dort mit ihnen "sprechen", obwohl der Moderator physisch in Deutschland sitzt. Bei Ken Follett schließt sich an die Schalte auch noch eine Lesung aus seinem neuen Roman an. Das heißt, ein Teil der Autoren wird kommen, aber eben nur ein Teil. Der andere Teil wird, sei es über Zoom-Konferenzen oder mit anderen technischen Möglichkeiten, einfach zugeschaltet. Also man muss nichts machen. Man geht auf die Seite der Münchner Bücherschau, kann sich völlig unbeachtet anmelden, bekommt dann einen Link zugeschickt und ist an dem Abend dabei.

Gerade die Münchner Bücherschau war ja bisher auch immer eine Veranstaltung, bei der Nähe zum Publikum und auch zu den Leser*innen groß geschrieben wurde. Da geht's ja schon familiärer zu als jetzt beispielsweise auf der Frankfurter Buchmesse. Ausgerechnet dieses kontaktfreudige Lesefest, das haben ja auch sehr viele bedauert, muss jetzt auf maximale Distanz gehen, ins Digitale ausweichen. Statt Ungezwungenheit eine Art virtuelles Zwangskorsett. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ja, das ist natürlich schade! Wir alle, die wir im Veranstaltungsbereich tätig sind, bedauern natürlich, dass wir den direkten Kontakt zum Publikum im Moment nicht haben können. Aber ich finde, es ist immer noch eine Chance, die Autoren und ihre neuen Bücher irgendwie präsent zu halten, im Gespräch zu bleiben, den Kontakt zum Publikum nicht wirklich zu verlieren. Und ich kann mir auch vorstellen, dass – wie in jeder Krise – auch eine kleine Chance drinsteckt. Einerseits können Leute, die vielleicht ungern das Haus verlassen oder auch nicht verlassen können, die ungern die Hemmschwelle zu einer Lesung überwinden wollen, das jetzt von Zuhause aus ganz anonym wahrnehmen. Man kann also auch neue Zielgruppen erschließen. Man kann neue Formate ausprobieren. Und ich könnte mir schon vorstellen, dass, wenn Corona eines Tages vorbei sein sollte, uns dieser virtuelle Raum in gewisser Hinsicht bleiben wird. Sie können jetzt eben auch in Kanada oder Südafrika sitzen und Gast bei der Münchner Bücherschau sein.

Ganz genau, und so die Reichweite erhöhen! Viele junge Leser*innen machen im Rahmen der Münchner Bücherschau ja auch ihre ersten Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb. Mit der Schulklasse und Deutschlehrerin geht's da zur ersten Lesung. Danach gibt's dann vielleicht ein Autogramm von Cornelia Funke oder Paul Maar. Das sind tolle Erinnerungen. Meine Kinder haben mir auch davon erzählt. Wie wird es denn diesmal für das junge Publikum?

Das wandert eben alles komplett ins Netz, auch das Schulklassenprogramm findet im Netz statt. Dort melden sich wie bisher Klassen an und nehmen dann indirekt Kontakt zu Autor*innen auf. Man kann Fragen weitergeben, man kann Autogrammwünsche, Bücherwünsche, Signierwünsche äußern. Und das wird dann auch logistisch organisiert. Da ändert sich jetzt tatsächlich nur, dass man diese Atmosphäre nicht hat, wenn man sonst mit glühenden Ohren und rotem Kopf gebannt dem Verfasser der Sams-Geschichten oder Frau Funke zuhört. Das wird natürlich jetzt so in dem Sinne nicht ganz möglich sein, aber immerhin gibt es diesen Kontakt...

...und am Ende werde ich selbst mit meinen Kindern daheim vor dem Computerbildschirm sitzen, mit Kakao und Kuchen, und Cornelia Funke zuhören.

Ja, ist doch eine schöne Vorstellung!

Die Verlage stehen ebenfalls vor neuen Herausforderungen: Statt Leseecke und Büchertisch können sie sich diesmal auf virtuellen Ständen präsentieren. Wie nehmen die Verlage dieses Angebot an?

Soweit ich das wahrnehme, ist das Angebot reichhaltig, nach wie vor. Es sind viele Verlage da, die natürlich auch ein Interesse daran haben, ihr Publikum nicht zu verlieren und diese Plattform gerne nutzen. Es sind vielleicht nicht mehr ganz so viele wie in den Jahren zuvor, aber doch eine erkleckliches Maß. Und ich persönlich halte es eigentlich für eine ziemlich coole Geschichte, dass man sich von zuhause aus ganz in Ruhe durch das Angebot klicken kann. Es hat ja auch ein bisschen was von der Situation eines Lesers, die ja auch in der Regel etwas einsam ist.

© Catherina Hess

Lieber virtuell im Gespräch bleiben, als gar nicht, sagt der Programmverantwortliche der Münchner Bücherschau Thomas Kraft

Auch die Frankfurter Buchmesse haben wir dieses Jahr virtuell erlebt, auch sie fand überwiegend online statt. Ein Kraftakt und dann trotzdem eine recht nüchterne Bilanz: Am Ende war die Rede von einer "digitalen Wundertüte ohne Emotionen". Wie können Sie da gegensteuern?

Gemeine Frage. Weil wir tun natürlich unser Bestes. Und das haben die Kollegen in Frankfurt natürlich auch getan. Trotzdem sammeln wir alle Erfahrungen. Wir wissen auch nicht, wie unser Publikum reagieren wird. Wie wird das Angebot angenommen? Man muss sich ja ein bisschen überlegen, wie man die Aufmerksamkeit hochhält. Wie müssen Lesungen- und Gesprächsanteile verteilt sein? Was kann man zusätzlich vielleicht noch anbieten? Also all dieses haben wir bedacht, hoffen wir zumindest. Aber: You never know! Wir werden sehen, was passiert.

Und dann gibt's auch noch den Faktor Mensch. Wie fühlen sich denn eigentlich die Autor*innen bei diesem ganzen virtuellen "Schnickschnack"? Haben die eigentlich noch Lust auf solche Auftritte?

Ich glaube schon, denke aber, es ist ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits ist es auch für die eine ziemliche Herausforderung, sich auf all das einzulassen. Sie müssen jetzt vielleicht sogar irgendwelche Trailer herstellen, irgendwelche Video-Grüße machen. Sie müssen Dinge tun, mit denen Sie vorher nicht so beschäftigt waren. Sie müssen sich auch überlegen: Wie präsentiere ich mich im Netz? Das ist ja doch ein bisschen anders, als wenn da vor mir ein leibhaftiges Publikum sitzt. Dass ich dann trotzdem die Euphorie irgendwie hochhalten kann. Das ist nicht so einfach. Andererseits, das wissen Sie ja auch, seit März finden kaum mehr Veranstaltungen statt. Und das bedeutet natürlich auch für die Autorinnen und Autoren erhebliche Einkommensverluste. Und von daher sind die natürlich sehr froh, wenn sie überhaupt zu irgendwelchen Lesungen eingeladen werden.

Der Kulturbetrieb leidet besonders in der Krise. Ein Literaturfest wie die Bücherschau, auch wenn sie jetzt nur im Corona-Krisenmodus stattfinden kann: Wie wichtig ist das jetzt für den Literaturbetrieb? Kann es unsere momentane Sehnsucht nach Kultur stillen?

Ich glaube schon. Da wir jetzt in diesen Zeiten eines der wenigen Fähnchen sind, die hochgehalten werden, kommt dem Ganzen schon eine gewisse Bedeutung zu. Und ich finde es auch toll vom Börsenverein, dass die gesagt haben: Okay, sieht alles nicht gut aus und es wird schwierig und ihr plant jetzt zum dritten Mal. Aber wir machen es, wir ziehen es durch, wir gehen neue Wege. Das ist schon ein großer Kraftaufwand gewesen, auch für ein verhältnismäßig kleines Team. Und ich denke, es ist für alle wichtig, die in irgendeiner Form an diesem ganzen Prozess vom Autor bis zum Leser beteiligt sind. Ganz banal betrachtet: Es gibt Arbeit, es gibt für alle etwas zu tun. Und zum anderen ist es wichtig für das, was wir wollen: das Vermitteln von Literatur, Lesungen zu fördern, das Interesse an Literatur hochzuhalten. Das funktioniert hoffentlich auch in diesem Rahmen. Alle Sehnsüchte wird man damit nicht befriedigen können. Aber ich glaube schon, dass das gut angenommen wird und die Bücherschau so eine kleine Vorreiterrolle einnimmt hier im süddeutschen Raum.

Zum Schluss, Herr Kraft, welche Veranstaltungen empfehlen Sie uns denn besonders? Wo sollen wir hingehen? Wobei das trifft es ja nicht ganz richtig – wo sollen wir uns hinklicken?

Da ist eigentlich für jeden etwas dabei. Wir starten mit Wolfgang Benz, seinem Opus Magnum und einer Diskussion mit Münchner Jugendlichen darüber. Das sollte man nicht verpassen. Und wir enden mit Paul Maar. Dazwischen haben wir sehr, sehr interessante Leute: Bas Kast, Alice Schwarzer, Ken Follett, Robert Harris, Charlotte Link, Jonas Jonasson, Johannes Willms und Anne-Sophie Monrad. Also ich glaube, da kann jeder was für sich finden. Und einmal mindestens sollte man dabei sein. Gerne öfter!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kraft. Ich wünsche Ihnen ganz viel Interesse an dieser wunderbaren Veranstaltung.

Ich danke Ihnen sehr.

Die Münchner Bücherschau findet vom 12. bis 29. November überwiegend im Netz statt, alle Veranstaltungen unter ww.muenchner-buecherschau.de.

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