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So tanzen die Teutonen: "Der Prinz von Homburg" in Stuttgart | BR24

© Wolf Silveri/Staatsoper Stuttgart

Auf in die Schlacht!

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    So tanzen die Teutonen: "Der Prinz von Homburg" in Stuttgart

    Stephan Kimmig zeigt Hans Werner Henzes selten gespielte Oper nach Heinrich von Kleist als so beeindruckendes wie nachdenkliches Staatsballett: Zu schrillen Fanfaren bemühen sich alle Beteiligten um eine bessere Welt. Aber wer glaubt noch daran?

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    Angeblich können auch Elementarteilchen "träumen", haben sie schon vor einigen Jahrzehnten am Kernforschungszentrum CERN bei Genf herausgefunden. Jedenfalls verhalten sich manche Protonen äußerst merkwürdig und rasen, wie es aus der Wissenschaft heißt, ohne ersichtlichen Grund mit "hohem Impuls" durch den Atomkern. Eine Zumutung für die Naturgesetze, und deshalb interessant für den Regisseur Stephan Kimmig, wie er im Programmheft der Stuttgarter Staatsoper mitteilt, denn auch der Prinz von Homburg ist so ein Elementarteilchen, das sich selbständig macht und damit die Gesetze herausfordert.

    Traumtänzer auf der Leiter

    Wer weiß, wozu es gut ist! Eine Frage, die in Stuttgart ausgesprochen spannend abgehandelt und beantwortet wird, und zwar auch mit Sinn für Humor. Der Handschuh der Geliebten, der den Prinzen so durcheinander bringt, hier ist er ein Boxhandschuh, der ihn umwirft, und aus dem Himmel regnet es gelbe Putz-Handschuhe, die ja nicht gerade für besondere Poesie bekannt sind. Der Prinz steht anfangs auf einer Leiter zwischen Himmel und Erde, im wahrsten Sinne des Wortes ein "Traumtänzer", einer, der sich mal elegant, mal unkontrolliert durch einen neonhellen Ballettsaal bewegt, der auch ein Schlachthaus sein könnte. Jedenfalls hatte Ausstatterin Katja Haß weiß gekachelte Wände entworfen, auf denen rostige Löcher verrieten, dass da mal irgendwas hing.

    © Wolf Silveri/Staatsoper Stuttgart

    Traumtänzer auf der Leiter

    Ist die Welt noch reformwillig?

    Eimer voller Blut stehen bereit, schließlich geht es um eine Schlacht, die der Prinz für den Kurfürsten nur deshalb gewinnt, weil er ungehorsam ist. Ein Spinner, der zufällig mal Glück hatte, und deshalb gefährlich ist für den Staat, denn der kann sich Zufälle nicht leisten, schon gar nicht der preußische, in dem ja alles genauestens geregelt ist. Stephan Kimmig zeigt das alles als zweistündiges Denkspiel über die Frage, ob die Welt von heute noch reformfähig und reformwillig ist, ob sie also Traumtänzer nicht nur aushält, sondern womöglich sogar von ihnen lernt, sich mitreißen lässt ins Reich der Fantasie. Zwar halten am Ende alle Beteiligten jeweils einen Fan-Schal in die Höhe, auf denen so nützliche Dinge stehen wie Empathie, Zuneigung, Berührung, Toleranz und Freiheit, aber die Musik von Hans-Werner Henze klingt nicht danach, als ob er beim Komponieren 1958 an diese Art Weltverbesserung ernsthaft glaubte.

    © Wolf Silveri/Staatsoper Stuttgart

    Der Prinz von Homburg - steht neben sich

    Hämische Abrechnung mit Deutschland

    Da dröhnen die Kontrabässe unwirsch, da kreischen die Blechbläser immer wieder ihre Fanfaren heraus, da rasselt die Rührtrommel bedrohlich, da donnert die Pauke. Martialisch geht´s zu und regelrecht teutonisch bei diesem strengen Staatsballett, auch deshalb, weil Dirigent Cornelius Meister ordentlich Dampf macht, ja geradezu zackig ans Werk geht, ohne freilich die Sänger zu übertönen. Davon, dass Hans-Werner Henze beim Komponieren in Italien lebte, war jedenfalls nichts zu hören, eher klang es wie eine hämische Abrechnung mit dem Land, dass er hinter sich gelassen hatte: Deutschland war ihm zu muffig, spießig, fantasielos und seine eigene kurze Militärzeit unter den Nazis gehörte zu seinen schlimmsten Erlebnissen überhaupt. Doch warum vertonte er dann ausgerechnet ein Stück von Kleist, den "Prinz von Homburg", der auch in der Fassung von Ingeborg Bachmann immer noch arg preußisch daher kommt?

    © Wolf Silveri/Staatsoper Stuttgart

    Freiheit für den Kurfürsten?

    Schwermut und Fatalismus

    Kein Geringerer als der berühmte Filmregisseur Luchino Visconti hatte Henze darauf gebracht - ein Mann, der ja wie viele Italiener fasziniert war von den ganz dunklen Seiten der deutschen Geschichte ("Die Verdammten", 1969) und auch von der Verführungskraft des Faschismus. Insofern schillert diese Oper in vielen Farben, wie es bei jedem einigermaßen interessanten Werk sein muss. Dennoch ist der "Prinz von Homburg" in dieser Fassung sehr selten zu sehen, schade drum, weil Stephan Kimmig in Stuttgart gezeigt hat, das da viel drin steckt an typisch deutscher Melancholie, auch an Fatalismus. So ist "die Luft der Freiheit" nach Ingeborg Bachmann "noch nie in einem Staatswesen geatmet worden" - der durchaus umstrittene Schlusssatz dieser Inszenierung. Unter den durchweg sehr engagierten, sorgfältig geprobten und stimmlich überzeugenden Mitwirkenden ragten Robin Adams in der Titelrolle, Stefan Margita als Kurfürst und Vera-Lotte Böcker als Prinzessin Natalie besonders heraus. Gar nicht so einfach, den teutonischen Furor über zwei Stunden derart lautstark und doch gesanglich berührend durchzuhalten. Sehr freundlicher Beifall ohne jegliche Proteste gegen das Regie-Team - ungewöhnlich für ein Werk des 20. Jahrhunderts.

    Wieder am 20., 22. und 29. März, weitere Termine.

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