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So startete das Wettlesen um den Bachmannpreis in Corona-Zeiten | BR24

© Audio: BR/ Bild: picture alliance/APA/picturedesk.com

Sharon Dodua Otoo eröffnete gestern mit einer engagierten Rede die Tage der deutschsprachigen Literatur, die in diesem Jahr digital stattfinden. Und noch etwas ist beim 44. Wettlesen neu: Die Altersspanne der Autor*innen liegt zwischen 30 und 80.

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So startete das Wettlesen um den Bachmannpreis in Corona-Zeiten

Sharon Dodua Otoo eröffnete gestern mit einer engagierten Rede die Tage der deutschsprachigen Literatur, die in diesem Jahr digital stattfinden. Und noch etwas ist beim 44. Wettlesen neu: Die Altersspanne der Autor*innen liegt zwischen 30 und 80.

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Lange lange dauerte es bis zum ersten Liveact, Musik zur Moderation, 30 Minuten nur Konserven: Klagenfurter Fremdenverkehrsbilder, konservierte Grußworte, ein doppeltes Defilée von Sponsoren, Honoratioren, Initiatoren, die sich selbst feierten. Lange bis die Juroren aus Graz, Berlin, Bamberg, Wien, Zürich von Bildschirmen im Poster-Format grüßen durften und der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels ein paar Worte sagte zu Schrift als Distanz.

Dürfen Schwarze Blumen malen?

Sehr bequem, sich inzwischen ein Glas Wein einzuschenken, bis endlich Sharon Dodua Otoo mit ihrer Klagenfurter Rede begann und die Zuhörer sofort packte. "Dürfen Schwarze Blumen malen", fragte sie und destillierte Feinheiten von Sprache und Orthographie, Schwarz und Taub groß geschrieben als widerständige Begriffe einer Community, die Erfahrungen und Überlebensstrategien teilt, als Ausdruck einer positiven Selbstbezeichnung.

"Wenn Sie nicht verwechselt werden wollen mit einer Person, die Selbstbestimmung für überflüssig hält, oder gar mit einer Person, die eine alleinige Deutungshoheit für sich beansprucht, plädiere ich doch dafür, Sprache als eine Post-it-Note zu begreifen: als ständige Erinnerung daran, dass Diskriminierung existiert und dass unsere eigene Haltung dazu in der Wortwahl oder der Schreibweise deutlich werden kann", sagte die Bachmann-Preisträgerin 2016.

Darf ein schwarzer deutscher Komiker einen rassistischen Begriff reproduzieren und damit seines schmerzhaften Potentials berauben? Und wie könnten jüdische und schwarze Communities kooperieren? Wie würden sich gesellschaftliche Debatten verändern mit den Positionen von Schwarzen, jüdischen und muslimischen Menschen, Sintezza und Romnja? Und was kann Literatur zum Austausch beitragen? fragte Sharon Dodua Otoo. "Ich begreife meine Arbeit als Teil eines solchen Austausches. Erst durch die Rezeption wird das, was ich schreibe, zu Literatur. Vorher ist es bestenfalls ein Monolog. Und ich möchte mit meinem Schreiben auf gesellschaftliche Missstände hinweisen. Dafür brauche ich Verbündete."

In den Fußstapfen von Toni Morrison

Sie schreibe in den großen Fußstapfen einer Toni Morrison, im warmen Schatten des Nigerianers Chinua Achebe, in der Tradition eines Charles Dickens und Heinrich Böll, sagte Sharon Dodua Otoo. Sie stellte in ihrer klugen, analytischen Rede viele Fragen, um die Eingangsfrage am Ende so zu beantworten: "Verehrtes Publikum: "Dürfen Schwarze Blumen Malen?" Ja. Je mehr, desto besser."

Sharon Dodua Otoos Charisma im holzgetäfelten Literarischen Colloquium Berlin zeigte, selbst eine Aufzeichnung kann zünden. Das lässt hoffen für die drei Tage des Bachmann-Wettbewerbs, wenn sich sieben Juror*innen aus allen Himmelsrichtungen deutschsprachigen Dreiländerecks live melden, vor dem Kamin, in neutralem Weiß oder – sehr beliebt – vor einem Bücherregal, Bild und Ton verzögert, aber attraktiver als die Skype-Ästhetik dieser Tage. Philipp Tingler aus Zürich etwa, medienerprobt und neu in der Runde, sucht den Dialog und mahnt: "Nie das Publikum vergessen! Veranstaltungen wie Klagenfurt müssen bedeutungsvoll und unterhaltsam sein und ein gewisses Tempo haben und spontane Reaktionen ermöglichen."

Die Auswahl der Juror*innen

Für Touristen ist Österreich geöffnet, Kärnten fast coronafrei, aber zwei Juror*innen scheuten das Risiko, also bleibt alles antiviral digital. Versprochen ist eine bunte Text-Palette: Dichter wie Levin Westermann und poetische Software von Jörg Piringer, die Performerin Carolina Schutti und Meral Kureyshi, die Schweizerin aus dem Kosovo, fünf Autoren, neun Kandidatinnen, drei sogar aus der Schweiz, oft das Waisenkind bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur. Insa Wilke hat die Journalistin Hanna Herbst eingeladen. "Ich glaube, es ist die Kombination aus dem Bewusstsein dafür, wie Texte gearbeitet sind, die mich bei Hanna Herbst beeindruckt hat, aber auch eine bestimmte Dringlichkeit," sagt Wilke über ihre Wahl.

Klaus Kastbergers vermutet, dass es heuer in der Auswahl der Preisträger eher zu Richtungsentscheidungen kommen werde, "das heißt, welche Art von Literatur schätzt man, welche Art von Literatur hält man für wert, dass sie beim Bachmann-Preis ausgezeichnet wird." Klaus Kastbergers erste Kandidatin Lisa Krusche ist heute Startnummer 2, Platz 1 Jasmin Ramadan, die mit ihrem Roman zu Fatih Akins Film "Soul Kitchen" bekannt wurde. Helga Schubert, mit bewegter Vergangenheit: als Ehe- und Sexualberaterin in Berlin-Mitte, dann DDR-Schriftstellerin mit West-Büchern, liegt etwas über dem Altersdurchschnitt von Mitte 30. Vor 40 Jahren war sie schon mal geladen, von Günter Kunert, da verweigerte ihr die DDR die Ausreise zum Wettbewerb "deutscher Literatur" mit dem Antikommunisten Reich-Ranicki als Chef-Juror. Vor 30 Jahren war sie selbst Jurorin, nun, mit 80, ist sie die Grande Dame: "Ich hab mir gedacht, wenn jetzt zum Beispiel Anton Cechov hier wäre, würde man denken, Mensch, Sie sind ja schon 1860 geboren, ja (lacht) und wollen immer noch gelesen werden! Ich will auch gelesen werden und will meinen Beitrag, was ich so vom Leben weiß, wie ich es in der Literatur darstellen kann, das möchte ich eigentlich öffentlich machen. Ich bin eine Künstlerin, ich bin eine Schriftstellerin!", sagt Helga Schubert.

Die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur finden vom 17. bis 21. Juni statt.

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