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Harrowby Hall - Schauplatz einer Gespenster-Geschichte von John Kendrick Bangs. Barbara Yelin hat diese in einem Comic neu erzählt.
© Barbara Yelin / Carlsen-Verlag

Autoren

Niels Beintker
© Barbara Yelin / Carlsen-Verlag

Harrowby Hall - Schauplatz einer Gespenster-Geschichte von John Kendrick Bangs. Barbara Yelin hat diese in einem Comic neu erzählt.

Der Sprung, den der Berliner Zeichner Lukas Jüliger in seinem Comic "Berenice" unternimmt, ist durchaus kühn: Die gleichnamige Geschichte von Edgar Allan Poe - erschienen in den 1830er Jahren - hat den Weg in unsere eigene Welt gefunden, mit Internet-Chats, Mangas, digitaler Obsession und düsteren Stadtlandschaften. Poes Erzählung handelt von einem Paar, das einander nicht finden kann und daran zu Grunde geht. Sie leibhaftig, er psychisch. Lukas Jüliger greift die Obsession, die die beiden miteinander verbindet, in seiner Neuerzählung auf. Berenice ist darin ein Cam-Girl mit einer Vorliebe für die Manga-Kultur. Sie posiert vor dem Computer. Dort wiederum folgt ihr der Protagonist, der im Original-Text Egeus heißt, bei Jüliger aber namenlos bleibt.

"Bei mir ist er ein gesichtsloser, relativ junger Mensch", sagt Lukas Jüliger. "Gesichtslos deshalb, weil man sein Gesicht die ganze Erzählung über nicht sieht. Er lebt vollkommen zurückgezogen und hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen, fristet in seinem Zimmer seinen Alltag und existiert nur im Internet, mehr oder weniger. Ich wollte kein Epochendrama erzählen. Ich wollte meine eigene Geschichte erzählen. Und da lag es auf der Hand, Poes Erzählung in die jetzige Zeit zu transferieren. Mich beschäftigt das sehr: das Internet und die Singularität, die am Horizont auf uns wartet. Das ist etwas, womit ich mich intensiv auseinandersetze."

Ausschnitt vom Cover des Comics "Berenice" von Lukas Jüliger, nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe.

Ausschnitt vom Cover des Comics "Berenice" von Lukas Jüliger, nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe.

Lukas Jüligers aufwändige, vollständig mit der Hand gezeichnete Adaption ist Teil der Comic-Reihe „Die Unheimlichen“, die im Carlsen-Verlag erscheint und von Isabel Kreitz herausgegeben wird. Kleine, kleinformatige Bücher, die große gedankliche Räume entfalten können, gezeichnet jeweils in zwei Farben. Im Fall von "Berenice" sind das das Grau des Bleistifts und ein giftiges Grün, das aus dem Computer-Bildschirm und aus der Manga-Phantasie-Welt zu uns wabert. Mit dem Werk von Edgar Allan Poe hatte sich Jüliger vor diesem Comic-Projekt nicht eingehender beschäftigt, wie er erzählt. Die Lektüre habe ihn dann freilich fasziniert, auch weil der Zeichner in Poes gruseliger Geschichte etliche Motive entdeckt hat, die auch für ihn gut funktionieren. Der Schauer, der in dieser Erzählung über Liebe, Wahn und Gewalt entsteht, ist subtil und gleichzeitig zeitlos.

Und auch wenn „Berenice" in Lukas Jüligers Adaption in einer anderen Welt als der von Edgar Allan Poe spielt: Einiges hat den Zeitsprung überdauert, darunter das zentrale Motiv der Zähne von Berenice, das verhängnisvolle Lächeln, wie es bei Poe heißt. "Bei Poe ist das das einzige, was von seiner Geliebten übrig bleibt. Er verliebt sich seine Cousine, die er dann, wie es damals auch üblich war, zur Frau nimmt. Und die wird von der Schwindsucht oder ähnlich Schrecklichem hingerafft. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Aber ihre Zähne, die strahlen gleißend nach außen. Das für mich ein Element. Meine Adaption ist sehr frei. Aber ich dachte mir, das ist das zentrale Element, das ich beibehalten sollte." Eine tolle Neuerzählung, auch mit Blick auf die zeichnerische Intensität und Qualität. Schöner Schauer ist garantiert.

Szene aus Barbara Yelins "Das Wassergespenst von Harrowby Hall", nach der gleichnamigen Geschichte von John Kendrick Bangs.

Szene aus Barbara Yelins "Das Wassergespenst von Harrowby Hall", nach der gleichnamigen Geschichte von John Kendrick Bangs.

Von der Schauergeschichte zur Gespenster-Parodie

Zu den Zeichnerinnen und Zeichnern der Reihe „Die Unheimlichen“ gehört auch Barbara Yelin aus München. Mit John Kendrick Bangs Geschichte „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ hat sie eine Gespenster-Parodie neu erzählt, in ihrer expressiven Handschrift, mit Bleistift und Aquarell. Ironie und Leichtigkeit sind auch den Bildern anzumerken. Schließlich geht es um ein Gespenst, das niemand ernst nimmt. Und das hat Barbara Yelin hinreißend gezeichnet, schaurig und komisch zugleich, in blauer Farbe. Und ihr Gespenst ist eine Frau. Banks ließ in seiner Erzählung ein junges Mädchen aus Trotz in den Schlossteich von Harrowby Hall springen. Ihr Geist muss zur Strafe alljährlich spuken und ordentlich Wasser verteilen. Und zwar immer am Heiligen Abend.

"Dieses spezielle Wassergespenst mag ich sehr", sagt Barbara Yelin. "Weil sie beständig tropft, sprüht, prasselt und auch alles unter Wasser setzt, wo sie hinkommt. Auch fand ich schön, dass es eine Sie ist. John Kendrick Bangs ist ein Amerikaner, der die Geschichte im letzten Jahrhundert geschrieben hat. Er hat sich damit auch über eine englische Tradition von Schauergeschichten lustig gemacht, über dunkle, kalte Schlösser. Und was ich auch schön fand, dass alle, Schlossherr und Gespenst, in ausgesuchter Höflichkeit miteinander sprechen. Das habe ich auch versucht, in den Comic zu übertragen."

Barbara Yelin hat dunklere Grautöne und ein fröhliches Blau für ihre Bilder verwendet. Bleistiftstriche und Aquarell fließen ineinander. Die Zeichnerin hat die Bilder zu Teilen auf zwei Blättern angefertigt - hier das Grusel-Grau, dort das Wasserbalu - und sie erst dann bei der Erstellung der Druckvorlage miteinander verbunden. Und auch sie hat ihre Adaption - über das Original hinausgehend - in unsere Tage verlegt. Alle glauben, das Wassergespenst sei gebannt. Nun ja.

Für Barbara Yelin war es, wie sie sagt, eine zeichnerische Freude zu überlegen, wie aus dem Wasser eine Figur entstehen könne. "Ich schaue mir immer Vorlagen an, frage mich, was gibt es für Illustrationen zum Thema Gespenster? Und wie sehen Wassergespenster aus? Wie haben das andere gemacht? Da gab es schon große Herausforderungen. Die Augen, wie mache ich das? Wie funktioniert diese Figur? Die Augen sind wie eine Spirale nach Innen. Wie bringe ich zeichnerisch darüber, dass man das glaubt? Es geht darum: Dieses Gespenst muss man glauben."

Noch mehr über die gezeichneten Schauer-Geschichten? Ein Gespräch mit der Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin.

Noch mehr über die gezeichneten Schauer-Geschichten? Ein Gespräch mit der Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin.

Die Comics „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ und „Berenice“ – gezeichnet von Barbara Yelin und Lukas Jüliger – zwei Bände der Comic-Reihe „Die Unheimlichen“, herausgeben von der Hamburger Künstlerin Isabel Kreitz - erscheinen bei Carlsen.

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