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Ein Weltbürger und einer der großen Erzähler unserer Zeit: Michael Ondaatje

„Kriegslicht“ ist von magisch-suggestiver Kraft, fast schwebend, leise. Ein Licht- und Schattenspiel im Dazwischen, zwischen Krieg und Frieden, Stadt und Land, Kindheit und Erwachsensein. Familien- und Nachkriegsdrama, Adoleszenz-Geschichte und Spionage-Story in einem. Von Nathaniel und Rachel, zwei verlassenen Kindern im vom Bomben-„Blitz“ zertrümmerten London 1945, umgeben von schrägen Gestalten: ihrem Betreuer, dem Falter, Spionen, Fälschern, Künstlern, dem Boxer, der Windhunde schmuggelt, ihre Stammbäume fälscht, sie als Fremdlinge, wie scheue Gäste auf der Themse zum nächsten Rennen transportiert.

Ein kindlicher Blick

Er versetze sich, wie John Berger empfahl, gern in den Zustand eines Kindes, anstatt wieder aus erwachsener männlicher Perspektive zu schreiben, sagte Michael Ondaatje dieser Tage im Literaturhaus München. Der 14jährige Nathaniel ist sein Erzähler, mit dem offenen Blick des Kindes, aber der Erfahrung und Sprache des Erwachsenen. Erst später, als Mitarbeiter eines Archivs, erfährt er, daß die Mutter als Spionin in aller Welt unterwegs und in Gefahr war, daß viele der irrlichternden Figuren, in deren Obhut sie ihre Kinder ließ, im Dienst des britischen Geheimdienstes standen. Rachel verliert Ondaatje bald aus den Augen, er habe, sagt er, alle Zeit für Nathaniel gebraucht.

Straßenszene in London nach dem Zweiten Weltkrieg. Michael Ondaatjes Roman spielt in der englischen Metropole.

Straßenszene in London nach dem Zweiten Weltkrieg. Michael Ondaatjes Roman spielt in der englischen Metropole.

Der archäologische Blick

Michael Ondaatje erzählt, dass er eine Geschichte beim Schreiben entdecke. Wie ein Archäologe öffne er eine Schachtel und schaue, was geschieht, wie geht die Geschichte weiter, Schritt für Schritt.

Genauso nimmt er die Leser seines neuen Romans "Kriegslicht" mit. Seltsam, daß der Junge das Verlassen-Sein im kriegswunden London, das Elternhaus ohne Eltern, ein Zuhause voller Fremder, selbst das Kidnapping durch dubiose Gestalten nicht als Trauma erlebt. Sondern als Kette von Abenteuern, von Agnes, der ersten Liebe, bis zur Schmuggelfahrt mit dem Boxer, eine der schönsten Passagen des Romans.

Zeitdiagnose in Bildern

„Kriegslicht“ ist eine persönliche Geschichte vor historischem Hintergrund, eine Zeitdiagnose in Bildern. Bezaubernd mit einer Fülle hinreißender Porträts, auch starker Frauen, durch sein Spiel mit Wahrheit und Täuschung, vor allem aber durch seine poetische, musikalische Erzählweise. Michael Ondaatje scheint fast aus der Zeit gefallen, wenn er minutiös Details beschreibt und das Erzählen fließt wie ein steter Strom; wenn Nathaniel sich auf dem Land, in Suffolk, im Elternhaus der Mutter erinnert; wenn er Fäden fallen läßt und Motive wiederaufnimmt, ein feines Muster entstehen läßt wie eine Stickerei.

Stitch - auf Deutsch: Stich - ist Nathaniels Kosename. Bildstark, sinnlich, körperlich ist dieser 300-Seiten-Roman, eher lyrisch als politisch, aber zwischen den Zeilen liest man eine Utopie, die ins Heute reicht: von einem „Tisch mit lauter Fremden“. Da wird Ondaatjes Erfahrung als Kanadier tamilisch-niederländischer Herkunft mit englischer Kindheit sichtbar.

"Kriegslicht" von Michael Ondaatje ist - in der Übersetzung von Anna Leube - bei Hanser erschienen.