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So reisten und malten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky | BR24

© Gabriele Münter Stiftung Audio: BR

Lange bevor der Blaue Reiter erfunden wurde, waren Wassily Kandinsky und Gabriele Münter gemeinsam unterwegs – immer dabei: Staffelei, Kamera und Skizzenbuch. Ihre künstlerischen Dokumente zu den Reisen zeigt jetzt das Münchner Lenbachhaus.

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So reisten und malten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky

Sie reisten zusammen, wurden ein Paar: Gabriele Münter und Wassily Kandinski waren viel unterwegs in Bayern und halb Europa. Die Ausstellung "Unter freiem Himmel" im Lenbachhaus in München zeigt, wie sich diese Reisen in beider Kunst niederschlug.

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Wir sollten sie uns Fahrrad fahrend vorstellen: Vorneweg Wassily Kandinsky kerzengrade auf dem Vehikel und mit weißer Kappe. Dahinter auf dem Damenrad und sturmerprobt Gabriele Münter. Rund um Kochel in Oberbayern. In Kallmünz bei Regensburg. Dann in Paris, Amsterdam, Rapallo an der italienischen Riviera – und vielleicht sogar auf Drahteseln auf der anderen Seite des Mittelmeers in Tunis.

Unterwegs mit leichtem Gepäck

Verbürgt ist auf jeden Fall eine Bahnfahrt nach Marseille und eine Meeresüberquerung per Schiff. Und das immer mit leichtem Gepäck, meint Matthias Mühling vom Lenbachhaus München: "Alles im Rucksack, auf dem Fahrrad unterwegs, sei das in Oberbayern oder in Genua!" Sie hätten auch immer eine zusammenklappbare Staffelei dabeigehabt, wenn sie sich gut ausrüsten wollten, ergänzt die Kuratorin Sarah Louise Henn: "Ansonsten einen kleinen Malkasten, Malpappen. Und dann gar nicht unbedingt einen Pinsel, sondern Palettenmesser, Spachtel, die kleine Kodak-Kamera, die Münter geschenkt bekommen hatte." Was auch interessant sei: An den kleinen, gespachtelten Ölstudien lasse sich anhand von Abdrücken erkennen, dass beide ganz schnell vor den Motiven malten oder spachtelten. Und sie die Studien dann auch sofort wieder einpackten, obwohl diese noch gar nicht getrocknet waren.

© Gabriele Münter Stiftung VG Bild-Kunst Bonn 2020

Reisen kann ja so beschaulich sein! Wassily Kandinsky beim Zeichnen einer Landschaft über Kallmünz (Sommer 1903)

Gabriele Münter hatte ihren wunderbaren Fotografinnen-Blick schon auf einer Amerikareise eingesetzt, bevor sie ihren Mal-Lehrer Wassilly Kandinsky erst kennen – und dann lieben gelernt hatte. Ihre Kodak-Kamera ist erstaunlich handlich für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und konnte deshalb immer mit. Auch sie ist in der Ausstellung zu sehen. Dazu winzig kleine Zeichenblöcke, die wirklich in jede Reverstasche passten.

All das kann das Lenbachhaus aus der Gabriele Münter-Johannes Eichner-Stiftung aus dem Depot des Hauses schöpfen und zeigen. Dazu Postkarten, die die beiden an Verwandte und Freunde geschrieben haben und die später zurück in den Nachlass gewandert sind. So konnte jetzt Kuratorin Sarah Louise Henn alle Reiserouten der beiden bis 1908 rekonstruieren. In den Werken gibt es entsprechend nur wenige thematische Überraschungen, etwa Kandinskys kleines Ölbild eines unter Wasser lauernden französischen U-Bootes vor der italienischen Küste.

Baedeker und pastoser Spätimpressionismus

Stilistisch hängen beide Künstler noch in einem pastos gepinselten Spätimpressionismus fest. Man sieht das Potenzial, aber noch keinen Expressionismus, noch keine Abstraktion. In Tunis trauen sich die beiden wohl auch mal in den exotischen arabischen Teil der Stadt. Man wohnt aber im sicheren französischen Viertel, weiß Matthias Mühling: "Nach Tunis reisen ist etwas Schönes. Aber es ist auch Kolonialismus und der beinhaltet auch Unterdrückung."

Anhand der Briefwechsel der beiden lasse sich aber nachvollziehen, dass sie entlang der ganz etablierten touristischen Routen reisten, erklärt Sarah Louise Henn. Dabei hätten sie immer den Baedeker in der Hand gehabt, nicht nur in Tunesien, sondern auch in Holland, auch an der italienischen Riviera. Und auf den Postkarten könne man lesen, dass sie auch im Museum waren, in Ausstellungen, zum Beispiel in Amsterdam. "Dann sind sie aber mit dem Malkasten ans Meer gegangen, um da wieder so eine schöne Ölstudie anzufertigen oder Fotografien."

© Städtische Galerie Lenbachhaus

Eine der Reisen führte das Künstlerpaar an die italienische Riviera: Meereslandschaft mit Dampfer bei Rapallo (1906)

Es war aber ein ganz anderes Reisen als heute: Der Aufenthalt von Kandinsky und Münter in Paris dauerte Monate. Die beiden erkundeten die Stadt, hatten eine feste Adresse, konnten also Post aus der Heimat empfangen. Eine entschleunigte Form der Ortsveränderung – ein Aufgehen in der fremden Umgebung. Immer auf der Suche nach neuen Motiven für die eigene Kunst. In den Farben immerhin schon ganz nah an den künftigen Sensationen. Ganz modern für die Zeit lebten hier zwei Unverheiratete zusammen – und wurden von Hoteliers und Einheimischen so akzeptiert.

Mit Kamera und Malpappe auf Suche nach dem eigenem Stil

Und künstlerisch? Zwei Große der klassischen Moderne sieht man hier auf gemeinsamen Reisen völlig frei experimentieren mit Fotoapparat, Zeichenstift und kleiner Malpappe. Kandinsky noch auf der Suche nach dem eigenen Stil. Und Münter mit einem unverwechselbaren Gespür für den richtigen Bildausschnitt. Matthias Mühling sieht sie so: "Das Interessante an Münter ist ja, dass sie, obwohl sie Zeichenschulen und Malschulen besucht hat, eigentlich eine Autodidaktin ist. Insbesondere in der Fotografie. Die hat maximal die kleinen Anleitungen dieser Kameras gelesen. Und das ist ja auch das, was Kandinsky und später andere Künstlerinnen des Blauen Reiters an Münter so fasziniert, dass sie der Prototyp einer unverbildeten antiakademischen Künstlerin ist."

Die Ausstellung "Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter" im Münchner Lenbachhaus, zu sehen bis Anfang Juni 2012.

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