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So protestieren die Anwohner gegen das Hochwasser in Venedig | BR24

© Bayern 2

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist ein Kenner der Lagunenstadt und gut vertraut mit dem alljährlichen Acqua alta. Doch die gegenwärtige Überflutung der Stadt sei "fundamental anders". Knut Cordsen im Gespräch mit dem Schriftsteller.

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So protestieren die Anwohner gegen das Hochwasser in Venedig

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist ein Kenner der Lagunenstadt und gut vertraut mit dem alljährlichen Acqua alta in Venedig. Doch das aktuelle Hochwasser sei "fundamental anders". Die Anwohner protestieren und fordern konkrete Maßnahmen.

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"Venedig - Eine Verführung", heißt das enthusiastische Reisebuch von Hanns-Josef Ortheil über die Serenissima. Erst kürzlich hat der Schriftsteller Venedig zum Schauplatz eines Romans gemacht: "Der von den Löwen träumte" – erschienen bei Luchterhand – handelt von Ernest Hemingways Zeit in der Lagunenstadt im Jahr 1948. Knut Cordsen hat mit Hanns-Josef Ortheil über Venedig gesprochen, das in diesen Tagen wirklich droht, in den Fluten zu versinken.

Große Demo in Venedig am 30. November

Das Ausmaß der gegenwärtigen Überflutung Venedigs beunruhigt den Schriftsteller und auch seine venezianischen Freunde außerordentlich. "Die Venezianer selbst sind jetzt doch sehr kritisch geworden und auch sehr erbost über das, was die Politiker in den letzten Jahren ihnen in der Stadt zugemutet und angetan haben. Es haben sich gerade viele Initiativen gebildet. Am 30. November wird es eine große Demonstration in Venedig geben, die gerade vorbereitet wird, und zwar nicht von oben, sondern von vielen kleinen Komitees, die sich für die Geschäfte und die Geschichte der Stadt interessieren und dafür einsetzen. Es geht hauptsächlich darum, dass man die Bürger wieder vertröstet und das Hochwasser abziehen lässt und zwei, drei Monate später ist es schon wieder vergessen und viele wollen dann das Geld einheimsen, das vom Staat und anderen Institutionen bezahlt wird. Da gibt es einen großen Ärger jetzt und ich glaube, das wird sehr laut werden und da werden sich Stimmen versammeln, die gegen diese Beschwichtigungen sind, die im Augenblick wieder ausgeteilt werden."

© dpa/ picture-alliance

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil

Problemquellen: Übertourismus, Kreuzfahrtschiffe, Öltanker

Ortheil macht einen klaren Unterschied zwischen dem Hochwasser, das es in den letzten Jahrzehnten immer wieder in Venedig gegeben habe, das nach ein oder zwei Tagen wieder vorbei war, und dem gegenwärtigen dramatischen Zustand, der nur mit dem von 1966 vergleichbar ist: "Was man jetzt sieht, das ist fundamental anders. Das ist kein Hochwasser mehr, das ist eine Riesen-Wasserkatastrophe, die die ganze Stadt schwer in Mitleidenschaft zieht." Unser Bild von Venedig wird wohl durch die Hochwasserkatastrophe nicht entscheidend verändert werden, meint Ortheil und erinnert an die populären Venedig-Klischees, die unendlich viele Touristen dazu bringen – manchmal nur für einen halben Tag und dutzende Selfies – die Stadt "überfallartig" zu besuchen.

© picture alliance/Pierre Teyssot/MAXPPP/dpa

Bekanntes Problem: Der Über- und Kurzzeittourismus

Es gebe aber eine starke, immer lauter werdende Gegenbewegung in der Stadt, von den Bürgern ausgehend, gegen diesen Übertourismus, diesen Kurzzeittourismus, der sich gar nicht weiter um die Stadt kümmern wolle. An Graffitis an großen Häusern sei zu lesen: "Aufhören mit diesem Übertourismus, zurück zu einer ruhigeren Stadt". Auch wegen der Situation mit den Öltankern und den Kreuzfahrschiffen formiert sich eine "gewaltige Bewegung in der Stadt, die dagegen ist, das fortzusetzen, weil in der Lagune große Gräben gegraben worden sind in den letzten Jahrzehnten, damit diese Schiffe durchfahren können. Die sind zum Teil 50 Meter tief und dadurch sind diese Hochwasser natürlich kanalisiert worden und auf die Stadt gelenkt. Man hat solche Hochwasser wie 1966 und jetzt in früheren Jahrhunderten nicht beobachten können. Man sieht sehr genau, wie das entstanden ist und man könnte gut etwas dagegen tun, indem man diese Kanäle wieder zuschüttet."

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