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So nahe kommen die Druckgrafiken von Kiki Smith dem Körper | BR24

© BR / © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

800 Druckgrafiken hat Kiki Smith der Staatlichen Graphischen Sammlung in München geschenkt. Die Ausstellung "Touch. Prints by Kiki Smith" zeigt das weite thematische und künstlerische Spektrum einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.

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So nahe kommen die Druckgrafiken von Kiki Smith dem Körper

800 Druckgrafiken hat Kiki Smith der Staatlichen Graphischen Sammlung in München geschenkt. Die Ausstellung "Touch. Prints by Kiki Smith" zeigt das weite thematische und künstlerische Spektrum einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.

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Egal ob Pflanzen, Tiere oder der Mensch – Kiki Smith bildet die Welt ab und zeigt sie uns neu. Da ist die Katze, die sich am Boden rekelt, da ist der springende Frosch. Und doch scheinen diese feinen Abbildungen, allesamt Druckgrafiken, etwas Untergründiges zu haben. Da ist der scheue Blick der Tiere, die Vergänglichkeit welkender Pflanzen. Kein Zweifel: Bei Kiki Smith geht es um die großen Themen, um das Werden und Vergehen. Vor allem aber auch um die menschliche Existenz. Deutlich spürbar wird das in den Körperbildern, fotografischen Arbeiten, auf denen sich die Künstlerin selbst ablichtet, nackt, verletzlich, aber auch aggressiv fauchend wie eine Katze. Und dann sind da noch die Bilder, die Kiki Smith berühmt gemacht haben. Anatomisch genaue Drucke, ein sich schlängelnder Darm, allerlei menschliche Organe.

Menschliche Organe – veredelt und leicht

Michael Hering, der Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München, steht vor einem kleinen Blatt. Im Strich ganz zart, beinahe behutsam hat Kiki Smith hier ein paar menschliche Nieren abgebildet. Kostbar glänzend auf Büttenpapier wie mittelalterliche Buchmalerei: "Was mich fasziniert an den "Kidneys" ist die Leichtigkeit! Die Künstlerin hat eine ganz einfache Technik verwendet, sie benutzt den Kartoffeldruck, das was Kinder schon tun, und schafft etwas Flüchtiges. Sie erzählt eigentlich etwas von einem Körperorgan, aber dieses Körperorgan, diese Nieren, sind hier zu etwas unglaublich Edlem geworden. Da sind die Farben, das ist natürlich die Nobilität des Goldes: Zu sagen, dass der Mensch, die Niere jenseits der medizinischen Funktion etwas ganz Edles ist, dass der Mensch am Ende auch etwas ganz Edles ist. Und das mit dieser Leichtigkeit mit diesem wunderbaren flüchtigen Papier, fast schon vergänglich dahin geworfen, das ist großartig; das ist die frühe Kiki Smith, die nicht besser sein kann als in diesem Blatt."

© © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Kiki Smith, Kiki Smith 1993, 1993

Obsession für den Körper

Das Werk von Kiki Smith lässt sich schwer eingrenzen. Über Jahrzehnte hat sich die Künstlerin einen eigenen Themenkosmos geschaffen. So befinden sich in einem hellen Raum Motive wie aus Träumen, Tierdarstellungen manchmal kindlich verspielt, beinahe märchenhaft. Aber egal, was Kiki Smith abbildet: Im Zentrum steht für sie ihre ganz eigene Sicht, die Welt zu sehen. Ihr Empfinden und ihr Erfahrungshorizont. Am drastischsten in den Bildern, mit denen sie ihren eigenen Körper scannt. Kiki Smith erklärt, woher diese Präferenz, diese Obsession für den menschlichen Körper kommt: "Als ich jung war, fühlte ich mich sehr unwohl in meinem Körper. Und manchmal fühle ich mich heute immer noch unwohl. Und dann entdeckte ich das Lehrbuch "Gray's Anatomy". Und da war diese Bildsprache der Anatomie, mit der ich arbeiten konnte. In der ich mich ausdrücken konnte. Dort konnte ich meine persönlichen Ängste, meine Dilemmata verarbeiten. darüber hinaus konnte ich den Körper auch in seiner sozialen Funktion betrachten. Selbst in politischer Hinsicht. So ist es ein endlos sich verzweigendes Thema."

Druckgrafik als Experimentierfeld und Ausdruck für ein Künstlerleben

800 Arbeiten: Radierungen, Fotoeditionen, Lithografien – die Fülle und Bandbreite der Werke, die Kiki Smith der Graphischen Sammlung geschenkt hat, begeistert. Es ist schließlich eine Zeitreise durch verschiedene Schaffensperioden. An deren Anfang gar nicht die Druckgrafik auf Papier stand, wie die Künstlerin erzählt: "Mit Druckgrafik habe ich in den 1980er Jahren angefangen. Zunächst druckte ich Motive auf T-Shirts. Damals hatten wir eigene Künstlershops gegründet. Und für die machte ich T-Shirts und Schals. Ich arbeitete in einer Bar und verkaufte meine Sachen. Und irgendwann fragte mich jemand, ob ich nicht einmal auf Papier drucken wollte. Ich hatte darüber noch gar nicht nachgedacht. Ich hatte das Drucken nicht gelernt. Und so lernte ich es, indem ich anfing zu drucken. Druckgrafiken zu machen, ist eine Angelegenheit für echte Nerds, weil es sich so auf kleinste Materialfragen konzentriert. Druckgrafik ist ein weites Feld. Man hat mir gesagt, ich hätte dem Haus hier 800 Druckgrafiken geschenkt. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich wüsste noch überhaupt nichts über Druckgrafik!" Drucke auf Bütten, auf Fotopapier und auf Stoff. Experimente mit unterschiedlichsten Farben, mal zart, dann wieder drastisch und kontrastreich wie in den Holzschnitten. Es scheint kaum etwas zu geben, was die experimentierfreudige Künstlerin nicht ausprobiert hat. Immer wieder hat sie sich in ihrem druckgrafischen Werk neu erfunden. Es erzählt schließlich von einem ganzen Künstlerleben.

Noch bis 26.05.2018: Touch. Prints by Kiki Smith. Staatliche Graphische Sammlung München. Pinakothek der Moderne. Hier finden Sie weitere Informationen.

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Von
  • Tilman Urbach
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