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Das Leben der Bohème in Paris 1968
© Nik Schölzel/Mainfrankentheater Würzburg

Autoren

Peter Jungblut
© Nik Schölzel/Mainfrankentheater Würzburg

Das Leben der Bohème in Paris 1968

Geben wir´s ruhig zu: Die vielen Rückblicke auf 1968 haben uns auf die Dauer ziemlich genervt. Fünfzig Jahre danach gab es ja massenhaft Lebenserinnerungen alt gewordener Kommunarden und jede Menge linke Folklore-Bücher, lauter Heldengeschichten von freier Liebe und Vietnam-Demo, von Nazi-Aufarbeitung, Terrorismus und dem Marsch durch die Institutionen. Und dann kommt die Starnbergerin Martina Veh daher, Jahrgang 1971, und inszeniert am Mainfrankentheater Würzburg Puccinis sentimentale Weihnachtsgeschichte "La Bohème" ausgerechnet als Rückblick auf die "68er"!

Musetta und Marcello in der Senioren-Residenz

Musetta und Marcello in der Senioren-Residenz

Gelebte Leben, verblichene Mythen

Na klar, es geht mit freier Liebe in der Mansardenwohnung los, mit einem knallroten Pullover und Demo-Transparenten: "Jeder ist ein Künstler" oder auch "Wir sind Realisten und verlangen das Unmögliche"! Das hätte alles furchtbar öde und vorhersehbar werden können, doch dank der klugen und fantasievollen Regie, der Ausstattung von Émelie Delanne, den Kostümen von Magali Gerberon und den Maskenbildnern um Wolfgang Weber wurde daraus ein herzergreifender Abend über gelebte Leben, verblichene Mythen, müde und alt gewordene Menschen. Über fünfzig Jahre zieht sich die Handlung hin, statt wie bei Puccini nur über wenige Monate.

Einziger Zeitvertreib: Platten putzen

Dem Aufbruch von 1968, für den auch eine Langspielplatte von John Lennon steht, folgen die konsumgeilen achtziger Jahre mit Moonboots, Aerobic, Schulterpolstern, Rubiks Zauberwürfeln, Lockenköpfen und Punkern. Und weil das Ganze in Paris spielt darf der damalige Untergangs-Philosoph André Glucksmann stumm durchs Bild laufen, oder jedenfalls einer, der ihm sehr ähnlich sieht. Nach der Pause haben sich die ehemals putzmunteren Künstler der Bohème in der Düsternis der Jahrtausendwende verlaufen, sind Plakatmaler, Zuhälter oder Projektentwickler geworden, haben längst keine Ideale mehr. Und dann, fünfzig Jahre nach 1968 finden sie sich alle im Altenheim wieder, gebrechlich, krank, mit zittrigen Händen. Einziger Zeitvertreib: Alte Platten putzen und Kreuzworträtsel lösen.

Rodolfo und Mimi im Straßencafé

Rodolfo und Mimi im Straßencafé

Ein Leben für die Pril-Blumen

Als die lungenkranke Mimi stirbt, geht ein Riss durch die Wand, Licht dringt herein, das Ende einer Generation. Klar, Puccinis Musik ist gefährlich seicht, die Geschichte trieft vor Kitsch, aber das alles ist vergessen, wenn sie so ehrlich, leidenschaftlich, ernsthaft erzählt wird wie hier. Es wird mitunter gelacht, es gibt witzige Einfälle, etwa, dass Mimi ihr gesamtes Leben den "Pril-Blumen" widmet, erst als Christbaumschmuck, später als Strickkleid und Heizdecke, aber es fehlt die Ironie, gut so, denn was ist heutzutage leichter und öder, als sich über die 68er lustig zu machen? Stattdessen kommen Trauer auf und Respekt für diese Bohème, die selbst am Besten weiß, dass sie an vielen hochfliegenden Plänen gescheitert ist. Sollen es andere erst mal besser machen - nicht sehr wahrscheinlich beim Blick auf die eher bedrohliche Gegenkultur von heute.

Mimi und Marcello - ungefähr dreißig Jahre nach 1968

Mimi und Marcello - ungefähr dreißig Jahre nach 1968

Fünfzig Jahre älter in zweieinhalb Stunden

Generalmusikdirektor Enrico Calesso ist ein echtes Theatertier, er hängt an den Lippen der Sänger statt an der Partitur, das kann sich nur ein Dirigent leisten, der sein Orchester so gut kennt wie er. Als Italiener kostet er Puccini voll aus, gern auch mit geschlossenen Augen. Wunderbar! Die Solisten, die in zweieinhalb Stunden dank der flinken Maskenbildner fünfzig Jahre alterten, waren allesamt absolut glaubwürdig. Stimmlich begeisterte vor allem Akiho Tsujii als Musetta und Igor Tsarkov als Philosoph Colline. Silke Evers war eine völlig unkitischige Mimi, die so authentisch alterte wie Meryl Streep. Eine großartige schauspielerische Leistung, was auch für den mexikanischen Tenor Roberto Ortiz als Rodolfo zutrifft, der allerdings anfangs mit den hohen Tönen arg kämpfen musste. Der Würzburger Chor machte seine Sache einmal mehr sehr gut. Herrlich, wie individuell da jeder seinen Part spielte, von der Kuchen schlemmenden Mamsell bis zu den Aerobic-Jüngerinnen. Großer und verdienter Beifall eines begeisterten Publikums.

Wieder am 21., 26. und 28. Oktober 2018, weitere Termine.

Freie Liebe in Paris

Freie Liebe in Paris

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Autoren

Peter Jungblut

Sendung

kulturWelt vom 14.10.2018 - 12:30 Uhr