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So fulminant seziert David Fincher "Citizen Kane" | BR24

© Audio: Bayerischer Rundfunk / Foto: Verleih

Der Film-Klassiker "Citizen Kane" als Vorlage für Zeitkritik: In "Mank" benutzt Regisseur David Fincher den Drehbuchautor Herman Mankiewicz, um die Gegenwart zu spiegeln.

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So fulminant seziert David Fincher "Citizen Kane"

Regisseur David Fincher gilt als Befindlichkeitsanalytiker unserer Gegenwart. In seinem neuen Werk "Mank" steht der Drehbuchautor von "Citizen Kane" im Mittelpunkt, als Co-Schöpfer eines Meisterwerks der Filmkunst. Was aber hat das mit uns zu tun?

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Von
  • Bettina Dunkel

Gemessen an dem, was heutzutage als erfolgsversprechend gilt, dürfte es einen Film wie "Mank" eigentlich nicht geben. Das neue Werk von David Fincher, dem großen Befindlichkeitsanalytiker unserer Zeit und Regisseur von modernen Klassikern wie "Fight Club" oder "Sieben", widersetzt sich einem Großteil dessen, was das von der Filmindustrie heiß umworbene Massenpublikum anlocken könnte: Tempo, Struktur, Zugänglichkeit – "Mank" erfordert Aufmerksamkeit, viel filmhistorisches Wissen und scheint sich primär nur an Cineasten zu richten. Ermöglicht, weil produziert, hat diese kreative, aber durchaus riskante Freiheit Netflix. Der Streaming-Anbieter kann sich ein solches Prestigeobjekt leisten – denn das Millionenpublikum sitzt ohnehin erwartungsfroh auf dem heimischen Sofa und muss nicht erst mühsam in den Kinosaal gelockt werden. Reinschalten werden die meisten. Wie lang sie am Ball bleiben – egal.

Wider die Erwartungens eines Massenpublikum

Fincher unternimmt mit seinem elften Spielfilm eine Zeitreise in die Goldene Ära Hollywoods. Es geht zurück in die 30er-Jahre, als in der Traumfabrik alte weiße Männer das Zepter unhinterfragt führten, als barbusige Skriptgirls im Writers Room die Gedanken der trinkenden und rauchenden Drehbuchautoren zu Papier brachten und Frauen auf der Leinwand primär zu dekorativen Zwecken drapiert wurden.

Ein kleines Zahnrad in diesem hochlukrativen System ist Mank: Drehbuchautor, Alkoholiker, aber kluger Kopf und blind balancierender Akrobat auf dem Drahtseil der vom Scheitern bedrohten Existenzen.

© Netflix

Szene aus dem Orson Welles-Film: Mank

Durch Zufall gerät er in den Dunstkreis von William Randolph Hearst, der damals mächtigste Medienmogul der USA und einer der reichsten Menschen der Welt. Und natürlich: Das Vorbild für Charles Foster Kane, die Titelfigur aus Orson Welles' Meisterwerk "Citizen Kane".

In seinem Generationen von Filmemachern prägenden Klassiker erzählt Regisseur Welles die Geschichte eines von Ehrgeiz getriebenen Medientycoons, der sich vom Idealisten zum manipulativen Machtmenschen entwickelt. Fincher wiederum erzählt nun die Geschichte hinter der Geschichte. Denn vor bald 50 Jahren stellte die berühmte US-Filmkritikerin Pauline Kael in ihrem kontrovers diskutierten Essay "Raising Kane" die These auf, dass Orson Welles der Oscar für das Beste Drehbuch nicht zustehe. Ihren Recherchen zufolge habe die Haupt-, wenn nicht die alleinige Arbeit, Herman Mankiewicz geleistet, der zwar als Co-Autor ausgezeichnet wurde, aber weit weniger Berühmtheit erlangte.

Charakterstudie und Film-Experiment

Fincher geht es allerdings gar nicht so sehr darum, die Behauptung zu untermauern. "Mank" ist vielmehr Charakterstudie, Zeitdokument und herausragendes Experiment in einem. Formal folgt Fincher den nahezu passgenauen Fußstapfen von "Citizen Kane". Protagonist ist in diesem Fall Drehbuchautor Mank, von Gary Oldman mit fast schon gewohnter Genialität verkörpert. Wie im filmischen Vorbild wird auch Manks Geschichte in Rückblenden erzählt.

Gedreht wurde in Schwarz-Weiß, die Tonspur ist mono, die Kamera greift viele der ikonischen Blickwinkel auf, die "Citizen Kane" geprägt hat: Personen, die Larger Than Life sind, werden beispielsweise von unten gefilmt, so dass man gezwungen ist, zu ihnen aufzusehen. In einer anderen Szene wird Medienmogul Hearst in einem thronähnlichen Sessel in der Bildmitte platziert, hinter ihm lodert ein Kaminfeuer, um ihn herum diskutieren des Teufels Advokaten die Entwicklungen in Nazi-Deutschland. Die Parallelen zwischen Hitler und Hearst? Sie werden scheinbar nur von Mank und dem Zuschauer erkannt.

Die Parallelen zum Amerika nach 2016? Treten in einer Fake-News-Nebenhandlung immer deutlicher zutage. Auch wenn "Mank" streckenweise wie ein Puzzle aus zu vielen Teilen erscheinen mag – wer Finchers neues Werk bis zum letzten Stück zusammensetzt, wird verstehen, warum über diesen modernen Film Noir noch lange geredet werden wird.

"Mank" von David Fincher, ab übermorgen (Freitag, 04.12.) auf Netflix.

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