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So kommt die Zusage der Frankfurter Buchmesse in der Branche an | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Nun ist es amtlich: Trotz Corona wird die Frankfurter Buchmesse in diesem Herbst stattfinden.

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So kommt die Zusage der Frankfurter Buchmesse in der Branche an

Die Frankfurter Buchmesse soll 2020 trotz Corona stattfinden. Dass die Entscheidung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nicht überall positiv aufgefasst wird, zeigt sich vor allem in den sozialen Netzwerken.

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Vorfreude sieht anders aus. Keine Spur von "Euphorin" und "Sozialin" geistert durch die sozialen Netzwerke, seit die Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben hat, man wolle unter Auflagen, mit Hygienekonzepten, dezentral, entzerrt und virtuell die Messe auch in diesem Jahr stattfinden lassen. Euphorin und Sozialin, das sind seit Rainald Goetz‘ grandiosem Buch "Loslabern" die besten Beschreibungen für jene Gefühle erwartungsvoller Freude auf Tage und Nächte voller Begegnungen, die jeder Besucher dieser einmaligen Buchmesse kennt: "Taumelnd und traudelnd" sich durch die engen Gänge bewegen, "massenhaft … Menschen, Gesichter, Blicke und Körper" um sich herum und dadurch in einen "extrem angenehm eingetrübten Bewusstseinszustand" versetzt – all das, was der Schriftsteller Rainald Goetz hier beschreibt, wird so nicht sein im Herbst, vom 14. bis 18. Oktober 2020, in Frankfurt.

Das traditionell dichte Gedränge um die Verlagsstände ist illusorisch – nicht weil die Gassen jetzt verbreitert werden, sondern weil aller Voraussicht nach sowieso weitaus weniger Aussteller als sonst nach Frankfurt fahren werden. Allzu deutlich steht den meisten die Infektionsgefahr durch Aerosole vor Augen, so dass schlecht belüftete Messehallen derzeit sicherlich eher zu jenen Orten zählen, die der gesunde Menschenverstand zu meiden sucht. Sicherlich: Die Frankfurter Buchmesse hat sich im Laufe ihrer langen Geschichte den Ruf eines Virenkarussells hart erarbeitet, aber es sind eben nicht nur vergleichsweise harmlose Grippe-Viren, die dort heuer zu zirkulieren drohen, sondern es sind die Viren einer noch rätselhaften weltweiten Pandemie, vor deren nicht unwahrscheinlicher zweiter Welle Forscher warnen.

© Jens Kalaene dpa-Bildfunk

So wird es sicher nicht gehen: In Zeiten von Corona braucht die Frankfurter Buchmesse ein ausgetüfteltes Hygiene-Konzept

Essentielles Lizenzgeschäft vor Ort wird fehlen

Noch ist gar nicht klar, wann wieder ein halbwegs normaler internationaler, transkontinentaler Flugverkehr aufgenommen wird. Wer je im Agentencenter der Messe gewesen ist, weiß, dass ein Literaturagent oder Scout, der auf seine Gesundheit bedacht ist, alles daransetzen wird, nicht an den Verhandlungstischen im Gewimmel des "Literary Agents & Scouts Centre" Platz zu nehmen. Alles andere sei "Magisches Denken der Buchmesse, tut mir leid", so twitterte die Londoner Literaturagentin Molly Ker Hawn von "The Bent Agency". Mit anderen Worten: Das für die größte Buchmesse der Welt essentielle Lizenzgeschäft vor Ort wird nie und nimmer wie gewohnt stattfinden. Selbst Jürgen Boos, der Messe-Direktor, wird nicht ernsthaft erwarten, dass mehr als eine klägliche Teilnehmerschar nach Frankfurt kommt – angesichts der vielen Unwägbarkeiten, mit denen zu leben Corona uns gerade lehrt.

© Peter Hirth Frankfurter Buchmesse

"Die Buchmesse in diesem Jahr durchzuführen, ist wichtiger als je zuvor", ist Messe-Direktor Jürgen Boos überzeugt.

Es ist nämlich nach allem, was man von Autoren, Übersetzern, Buchhändlern, Verlegern und auch Journalistenkollegen hört und liest, mitnichten so wie die neue Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, der Frankfurter Rundschau kürzlich sagte: dass die Branche einen – Zitat – "wahnsinnigen Durst nach der Buchmesse" habe. Große Bedenken, die hat sie. Und es stimmt auch nicht, was Jürgen Boos gestern sagte: dass es "in diesem Jahr wichtiger als je zuvor" sei, "die Buchmesse durchzuführen".

Gesamtkonzept der Großveranstaltung überdenken

Richtiger und wichtiger denn je ist wohl, das gesamte Konzept dieser immer weiter wachsenden Großveranstaltung zu überdenken. Statt einer "Sonderedition, einem Programm vor Ort, kombiniert mit zukunftsweisenden digitalen Formaten", wie Boos es nennt, wäre die einmalige vollständige Verlagerung ins Netz ein mutiger Schritt gewesen. Das aber hätte der Frankfurter Hotellerie, den Restaurants, Taxifahrern und allen anderen, die am Besuch des Fachpublikums verdienen, überhaupt nicht gefallen. Es chauffiert und logiert sich so schlecht auf Datenautobahnen. Auch auf denen sind Viren unterwegs, aber Computerviren sind nicht Covid19. Deshalb hatte Rainald Goetz vielleicht einmal Unrecht, als er sich in "Abfall für alle" über einen Satz des Dichters Durs Grünbein lustig machte, der uns heute nur allzu einleuchtend erscheint. Er lautet: "Zuletzt triumphieren die Viren."

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