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Lana Del Rey bei einem Auftritt in Burton Constable Hall in Yorkshire
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Lana Del Rey bei einem Auftritt in Burton Constable Hall in Yorkshire

Ein forensischer Musikwissenschaftler wird meist dann beauftragt, wenn es Streit geben könnte. Wenn etwa festgestellt werden muss, ob Lana Del Reys Stück "Get Free" ein Plagiat von Radioheads "Creep" sein könnte. "Ein forensischer Musikwissenschaftler findet heraus, ob zwei musikalische Werke Ähnlichkeiten haben", erklärt Professor Joe Bennett vom Burklee College of Music in Boston, Massachusetts. "Er berät Gerichte, Musikverleger, Künstler oder Songwriter und findet heraus, ob ein neu aufgenommener Song Elemente benutzt, die in einem älteren Song bereits vorkommen."

Musik, die kreativ klaut

Bennett ist als forensischer Musikwissenschaftler eine Art musikalischer Detektiv, der Musikstücke anhört und in Einzelteile zerlegt: Gibt es Ähnlichkeiten in der Notation? Wurden Teile bereits lizensierter Songs gesampelt, also eins zu eins übernommen? Dazu müsse man ein breites musikalisches Wissen haben, sagt Bennett: "Ich war in vielen Cover-Bands und habe Songs nach Gehör gespielt. Das erste Mal, dass ich beruflich Musik analysiert habe, war zu meiner Zeit als Redakteur beim britischen Total Guitar Magazine. Jeden Tag habe ich Licks von Jimi Hendrix oder die offen gestimmte Gitarre von Joni Mitchel analysiert, um sie in Noten aufzuschreiben."

Mit der der Digitalisierung hat Bennetts Arbeit eine neue Intensität bekommen. Nahezu jedes Musikstück, das jemals aufgenommen wurde, ist nur zwei Klicks entfernt. Plagiate können viel schneller erkannt werden. Außerdem ist es für Songwriter und Produzenten fast schon selbstverständlich, sich am scheinbar endlosen musikalischen Archiv zu bedienen: "Letztens habe ich Drake gehört. Sein neues Album ist weltweit erfolgreich und voller Samples. Aber das ist auch das Coole daran: Wie er mit diesen Samples arbeitet, wie er sie mit Beats vermischt, wie sie produziert sind. Das macht solche Platten zu dem, was sie sind."

Was ist eigentlich ein Song im Jahr 2018?

Doch Künstler wie Drake scheinen zu schnell zu sein für das Urheberrecht. Wie Musik gemacht wird, hat sich verändert. Die Urheberrechtsgesetze sind gleichgeblieben. Sie gehen davon aus, dass ein musikalisches Werk aus zwei Teilen besteht: einer Komposition, also etwa den Noten, und der Umsetzung dieser Komposition, der Tonaufnahme. Doch angesichts neuer Produktionstechniken muss man sich fragen, ob nicht mittlerweile auch eine digitale Datei Teil eines musikalischen Werks ist? Bennett meint, es ist notwendig, genauer zu definieren, was überhaupt noch ein Song ist: "Vor dem digitalen Zeitalter, vor Hip-Hop, war es einfach. Aber heute kannst du ein Tausendstel einer Sekunde von einer vorhandenen Aufnahme nehmen und in dein eigenes Stück integrieren. Und zwar so, dass es fast unmöglich ist, herauszufinden, was die Quelel davon ist."

Was ist ein Song im Jahr 2018? Das steht immer mehr zur Debatte. Gerade im Pop-Bereich ist es fast unmöglich etwas komplett Neues zu schaffen. Irgendeine Referenz gibt es immer. "Musikwissenschaftler, Juristen und Songwriter müssen anerkennen, dass populäre Musik eine Kunstform ist, die ganz bewusst kopiert", so Joe Bennett. Sie ist total selbstreferenziell. Wie häufig hören wir Songs und denken: ah, das habe ich so ähnlich schon mal gehört. Das liegt daran, dass die meisten Songs eine ähnliche Struktur haben."

Die meisten Pop-Songs haben einen Viervierteltakt, sind vier Minuten lang, meist in der ersten Person gesungen und meist schneller als 70 Schläge pro Minute. Popmusik folgt Regeln, die Fans schätzen. Und immer noch gilt in der Musikindustrie die Maxime: Kein Hit ohne Gerichtsstreit: "Where there’s a hit, there is a writ". Vermutlich könnten daran nur neue Urheberrechtsgesetze etwas ändern.

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kulturWelt vom 18.10.2018 - 08:30 Uhr