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Der leidenschaftliche Kinogänger Victor Klemperer sah sich alles an: Massenproduktionen, filmische Meisterwerke wie Fritz Langs "Metropolis" oder Propaganda-Filme

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So klug sezierte Victor Klemperer die Propaganda des NS-Kinos

Seine Aufzeichnungen über den Alltag in der Nazi-Zeit machten Victor Klemperer berühmt. Parallel dazu führte er ein "Kinotagebuch". Es zeigt, wie frühzeitig Klemperer selbst in Unterhaltungsfilmen die NS-Propaganda und das drohende Unheil erkannte.

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Von
  • Knut Cordsen

Die Tagebücher Victor Klemperers aus der Zeit von 1933 bis 1945 waren ein Bestseller. Als sie Jahrzehnte nach seinem Tod erschienen unter dem Titel "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten", erreichte der 1960 verstorbene Dresdner Romanist, der nur mit Glück die Nazizeit überlebt hatte, eine Bekanntheit, die er zu seinen Lebzeiten nie hatte. Gewiss, es gab da schon sein Standardwerk aus dem Jahr 1947 über die Sprache des Dritten Reiches, "Lingua Tertii Imperii", das neben dem "Wörterbuch des Unmenschen" DAS Buch über die Sprache des Nationalsozialismus ist. Aber ein wirklich großes Publikum erreichte er erst mit der posthumen Publikation seiner Tagebücher 1995, in denen er Alltagsbeobachtungen aus der NS-Zeit dokumentierte. Parallel zu diesem Alltagstagebuch führte Victor Klemperer ein sogenanntes "Kinotagebuch", mit Kurzbesprechungen von Filmen, die der rege Kinogänger gesehen hatte. Dieses "Kinotagebuch" Victor Klemperers aus den Jahren 1929 bis 1945 erscheint jetzt erstmals als Buch unter dem Titel "Licht und Schatten", mit einem Vorwort des Filmkritikers Knut Elstermann. Knut Cordsen hat mit ihm über den leidenschaftlichen Kinogänger Klemperer gesprochen.

Knut Cordsen: Es gibt in Klemperers "Alltagstagebuch" eine Notiz aus dem Jahr 1945, vom 22. Mai, in der er durch das kriegszerstörte München läuft und den "Höllenzustand" dieser ihm wohlvertrauten Stadt beklagt. Und es stellen sich bei ihm beim Gang durch die Ruinen "immer neue Kinoeffekte" ein, wie er es nennt: "Geröllhaufen, Häuser, die unversehrt scheinen und nur noch Kulissen sind, Häuser mit abgerissener Seitenmauer und dachlos, aber die einzelnen Stockwerke, die einzelnen Zimmer mit ihren verschiedenfarbigen Tapeten sind noch da". Ich zitiere das, um zu illustrieren, was für einen kinematographischen Blick auf die Wirklichkeit Victor Klemperer hatte. Er muss ein ungeheurer Augenmensch gewesen sein, oder?

Knut Elstermann: Ja, das ist richtig. Es geht auch über das hinaus, was sozusagen seine Kinoleidenschaft ist, die sich dann auch in dem Buch niederschlägt, also seine direkten Beschreibungen von Schauspielern, von Geschichten, von Filmen, die er gesehen hat. Es ist völlig richtig, er hatte irgendwie einen Kino-Blick. Das finde ich ungeheuer faszinierend. Es ist natürlich auch eine Erfahrung der Menschen des 20. Jahrhunderts, für die diese neue Kunstform so prägend wurde. Und wenn er dann zum Beispiel für einige Tage als Jude ins Gefängnis muss – er hat da irgendwie nicht richtig verdunkelt, es ist auch eine Intrige gewesen – da beschreibt er diese absurden Vorgänge so, als würde er einen Film beschreiben. Und er sieht auch filmisch. Er sieht die kleine Fliege dann plötzlich an der Wand ganz genau. Er sieht die Niedertracht und die merkwürdigen, boshaften Gesichter der Wärter und beschreibt das alles so, als würde er einen Film beschreiben. Das ist völlig richtig. Es ist andererseits übrigens auch erstaunlich bei einem Mann, der als Romanist Weltruhm hatte zu seiner Lebzeit, der Spezialist war für das 18. Jahrhundert, für die französische Literatur, für die französische Lebensart in jener Zeit, die noch weit entfernt war vom Kino. Dass er diese zweite große Leidenschaft hatte, ist wahrscheinlich in der Tat für viele Menschen, auch für große Verehrer von Klemperer – dazu zähle ich mich selbst natürlich auch – eine große Überraschung.

Weil Sie von dieser Haftstrafe reden, die er 1941 antritt, da fällt ja tatsächlich jetzt im Kino-Tagebuch auch der Satz: "Einen Augenblick dachte ich: Kino!" Das schreibt er beim Eintritt ins Gefängnis. Es gibt einen anderen Satz vom 20. März 1933, sehr berühmt im Zusammenhang mit Klemperer: "Ich bin so sehr gern im Kino – es entrückt mich!" Klingt, als wäre das Kino für ihn auch immer ein Schutzraum gewesen?

Genau. Es ist das aber auch schon vorher gewesen. Und ich finde, daran sollte man auch als Filmkritiker immer wieder denken: an das Eskapistische! Das Kino war immer auch ein Jahrmarktsvergnügen, war immer auch da für die Massen, um auch mal die Schwere und die Nöte des Alltags vergessen zu können. Bei ihm war das genauso, er hatte überhaupt keinen Dünkel- Das ist hochinteressant bei seinen Filmschilderungen: Er sieht wahrlich nicht nur die Meisterwerke. Er sieht viele Filme, die wir überhaupt nicht mehr kennen. Darin übrigens ähnlich einem anderen großen deutschen Intellektuellen: Auch Thomas Mann liebte ja das ganz normale, operettenhafte Unterhaltungskino. Das ist bei Klemperer genauso. Aber was Sie gerade zitiert haben, das verstärkt sich natürlich in jenen Jahren, als das Leben für ihn immer schwerer wurde, als er aus dem Lehrbetrieb hinausgetrieben wurde. Geradezu als er denunziert wurde, als er auch merkte, wie alte Freunde sich von ihm abwandten, von dem "Juden-Klemperer", da wird das noch wichtiger. Da ist die Unterhaltungsseite des Kinos für ihn dann immer wieder ein tatsächlicher Trost. Übrigens auch zusammen mit seiner tapferen nicht-jüdischen Frau, die ihm ja auch durch die Treue mit das Leben gerettet hat! Dass er so lange durchkam durch die Nazizeit, hatte auch mit dieser "Mischehe" zu tun. So nannten die Nazis das ja. Sie hat sich nie von ihm getrennt. Aber sie hat unter schweren Depressionen gelitten, und gemeinsam haben sie dann im Kino all das Furchtbare vergessen.

Wenn man liest, in was für verschiedenartige Kino-Vorführungen Klemperer alles gegangen ist, also von der bayerischen Gauner-Komödie über das Lustspiel bis hin zur Madame Bovary-Verfilmung, dann sieht man, er interessierte sich für die ganze Palette des Angebots. Er war da gar nicht wählerisch oder?

Überhaupt nicht. Und es ist wirklich erstaunlich, was er alles gesehen hat. Das macht übrigens auch den großen Wert dieser Aufzeichnungen aus, finde ich, die ja auch in die großen Tagebücher, in diese Ausgaben, die sie erwähnt haben, nicht eingehen konnten aus Platzgründen. Man hat das alles rausgestrichen, es ging einfach nicht. Man hatte keine Vorstellung von seiner Leidenschaft. Und er ist offenbar in einer Woche mehrfach ins Kino gegangen. Und er beschreibt alles so prägnant! Übrigens kann ich das als Filmkritiker auch sagen: Ich beneide ihn geradezu darum! Ich glaube, jeder Kollege, jede Kollegin weiß, wie schwer es ist, mit wenigen Worten das Sujet, die Handlung eines Films zu umreißen. Da nicht zu viel zu erzählen und trotzdem die Stimmung, die Färbung zu erfassen. Das konnte er hervorragend! Ich finde sogar, es ist an ihm ein Kritiker verloren gegangen. Das hätte er auch professionell machen können. Und in der Tat: Er hat sich alles angesehen, was verfügbar war in Dresden, und hat es dann genau beschrieben – übrigens auch die Schauspieler und Schauspielerinnen. Da kann er mit einem Satz schon mal klarmachen: Ist das jetzt gemogelt? Er lies denen nichts durchgehen! Spielen die jetzt richtig oder ist das Schmiere? Er hat das alles sehr, sehr genau festgehalten, und das ist ein großer Wert, finde ich.

© dpa Bildarchiv / Aufbau-Verlag
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"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten": Seine Tagebuchaufzeichnungen machten den Dresdner Romanisten Victor Klemperer berühmt

Jeder kennt ja den zu Tode zitierten Tagebucheintrag Franz Kafkas vom 23. Oktober 1921: "Im Kino gewesen. Geweint." War Klemperer ähnlich ergriffen oder gerührt von Filmen?

Also er liebte das Kino und er ließ sich durchaus auch emotional erheben. Er mochte zum Beispiel Jan Kiepura sehr, diesen Tenor, das war so ein Held, den hat er geradezu vergöttert. Aber er ist dann doch immer der Intellektuelle, das merkt man auch. Er lässt sich von seiner Ergriffenheit nicht treiben, sondern er schaut genau hin: Wie ist das gemacht? Warum ist das gemacht worden? Und da ist er für mich auch schon so ein popkultureller Kritiker: Er sieht auch in den Nazi-Produktionen, die er damals 1938 noch sehen konnte, auch in den Unterhaltungsstoffen, wo da verlogen an die Volksseele appelliert wird. Er sieht auch den propagandistischen Untertext in Produktionen, die sich gar nicht so offen propagandistisch darstellen. Auch das macht ihn in seiner scharfsinnigen Analyse zu einem ganz wichtigen Zeitzeugen. Was ich auch so wichtig finde, wenn wir so auf unseren Kinoalltag schauen: Wir haben da ja auch alles. Wir haben die Meisterwerke, die er ja durchaus gesehen hat. Wir haben auch die Massenproduktion. Aber Filmgeschichtsschreibung sieht ja meistens zurück. Und, das wissen Sie auch: Nehmen wir die 20er Jahre – da gibt's die Handvoll Meisterwerke, Fritz Lang und Murnau, die Großmeister. Aber das, was die Masse gesehen hat, was jeden Tag das normale "Kino-Futter" war in den Filmtheatern, das geht unter, das kennen wir nicht mehr. Und das finde ich so wichtig, nicht nur die Sterne zu beleuchten und auf die zu schauen, sondern zu sehen, was war das ganz Normale, was die Leute im Kino konsumiert haben? Auch das leistet Klemperer, uns darüber zu informieren.

Nun wollte Klemperer seine Kino-Aufzeichnungen, seine Filme, Rezensionen, Kurzbesprechungen explizit auch als eine Art des Tagebuchschreibens verstanden wissen. Was erzählt uns denn sein Kino-Tagebuch vielleicht auch über die Filme hinaus über Klemperer selbst?

Wir erfahren natürlich erstmal zum einen von dieser großen Leidenschaft, und sie lässt diesen gewaltigen Zeitzeugen – ich denke, einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts, der Nazizeit – nochmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Er ist einfach nochmal menschlicher. Übrigens auch in seinem Buch, "Lingua Tertii Imperii", das Sie erwähnt haben, das in der DDR ein Kultbuch war, das haben wir alle verschlungen, das ist immer wieder neu erschienen: Auch da gab es diese autobiografischen Züge, obwohl das eine Sprachkritik des Faschismus war. Aber jetzt, im Kino-Tagebuch, erfährt man nochmal sehr viel mehr von seinem Alltag. Wir erfahren auch, wie sich dieser Alltag immer mehr verdüstert. Das Kino ist ja nicht wirklich ein Schutzraum. Da gibt es die Wochenschauen, die immer hysterischer werden, die Hetze gegen Juden, von der er weiß, sie betrifft ihn unmittelbar. Es gibt die merkwürdigen Nebenbemerkungen plötzlich von Leuten, die neben ihm sitzen, die anfangen, über die Juden zu hetzen, wenn sie das sehen. Also er spürt sehr wohl, wie die Realität auch in den Kinoalltag hinein greift. Er ist ja ein sehr wacher, sehr politischer Mensch gewesen. Und ich finde, auch das gehört zu seinen großen Leistungen: Schon sehr, sehr früh kann man auch in diesem Tagebuch nachlesen, wie er die Zeichen richtig deutet. Er macht sich da überhaupt nichts vor. Als andere anfangen, das wegzuwischen oder sich das schön zu reden, ist ihm völlig klar, was da auf Deutschland gerade zumarschiert und auch, was es für ihn persönlich bedeuten wird.

Victor Klemperer: "Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929 -1945" ist im Aufbau-Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

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Wichtige Zeitdokumente: Die Kino-Tagebücher Victor Klemperers ergänzen seine anderen Schilderungen der Nazi-Zeit

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