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So klingt der Klimawandel | BR24

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Käfer-Sounds mit Marcus Maeder

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So klingt der Klimawandel

Gletscher schmelzen, Landschaften vertrocknen, Starkregen schwemmt alles davon – die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen kann man sehen. Aber kann man den Klimawandel auch hören?

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"Ich bin kein Umweltaktivist, ich bin Wissenschaftler und Künstler und ich engagiere mich für die Welt mit meinen Mitteln." Von wegen Ökokompositionen oder Biomusik! Der Künstler Marcus Maeder holt die Klänge, die er in seinen Kompositionen verwendet, aus der Natur, generiert aus ihnen surreale Sounds und entwirft virtuelle Kompositionsräume. Vorgänge, die für uns Menschen unsichtbar sind, sollen über die Ohren wahrnehmbar werden.

Zum Beispiel die starke Trockenheit, die im Hitzesommer 2018 dem Naturschutzgebiet Pfynwald im Wallis zu schaffen machte. Die filigrane Klanglandschaft, die Maeder aus dem akustischen Leben des sensiblen Waldes destilliert hat, erzählt ein spezielles Sommermärchen. Zwei elektronisch generierte Pfeiftöne flöten in einem skurril-poetischen Duett wissenschaftliche Messdaten. Sie geben Auskunft über steigende Temperaturen und die sinkende Feuchtigkeit in der trügerischen Idylle. Maeder erzählt: "Was passiert, in dem es immer trockener wird im Sommer? Es wird still, Die Bäche und Flüsse verstummen, die Tiere ziehen sich zurück, verschwinden ganz. Generell es wird still."

Der Wald schweigt

Die Waldesstille, das Verstummen der Biomasse, die Maeder in seinen Kompositionen hörbar macht, ist alles andere als romantisch. In der Installation „Sounding Soil“, hinter der ein landesweites Forschungs- und Mitmachprojekt steht, lauscht man in einem Schiffcontainer Klängen aus dem Schweizer Erdreich. Schrebergärten, Blumenwiesen, Weiden, Äcker, Rebberge, Obstgärten, Permakulturböden, Golfrasen und Wälder - überall hat Maeder seine Mikrophone hineingesteckt, um das biologische Leben im Boden aufzuzeichnen. Das hat vor ihm so noch keiner gemacht. Ein klangliches Neuland, tausendfach verstärkt.

Im Sommer 2018 wurde der weiße Container von „Sounding Soil“ im Paul Klee Zentrum in Bern aufgestellt, derzeit ist er in der Schweiz on tour. Die Hörerschaft muss sich Zeit nehmen für die unbekannten Klanggebilde, sich öffnen für das Fremdartige. Dann jedoch reagieren die meisten Besucher verblüfft. "Immer wenn ich den Leuten einen Kopfhörer aufsetze, dieser Gesichtsausdruck, hu, das lebt! Das ist eine ganz zentrale Erfahrung. Und gerade im Container passiert das, viele Leute wissen gar nicht, dass es tönt im Boden."

Doch es tönt immer weniger, je intensiver der Boden genutzt wird. Schnell und unmittelbar vermitteln sich diese ökologisch-akustischen Zusammenhänge. Und das ohne missionarischen Erklärungseifer oder erhobenen Zeigefinger. In Maeders ausgefuchsten Installationen wird der Besucher aufgefordert, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.

© picture-alliance/Keystone

Sound-Künstler Marcus Maeder

Auftritt in Brasilien

"Es sind nicht immer positive Reaktionen. Es kommt immer auf den Hintergrund der Leute an. Ich sehe dort auch die Aufgabe der Kunst. Die Kunst will Diskurse anregen und andere Bilder der Welt generieren." Markus Maeder, der in der Computermusik zu Hause ist, unterstützt – als komponierender Beobachter – auch das internationale Forschungsprojekt AmazonFACE im brasilianischen Regenwald. Über 10 Jahre soll die CO2-Überdüngung des komplexen Ökosystems untersucht werden. Die Bolsonaro-Regierung hat die Finanzierung dieses Projekts bereits verringert. Daher präsentiert der Schweizer Soundtüftler in diesen Tagen erste Soundscape-Aufführungen einer Ministerriege in Brasilia, der Hauptstadt des lateinamerikanischen Landes. Seine Hoffnung: "Für mich ist das Wichtigste, dass auch Politiker meine Installationen sehen und wir vor Ort ins Gespräch kommen. Zum Glück passiert das immer mal wieder, das sind sicherlich sehr, sehr wichtige Momente."

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