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Heute vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Immer noch fallen Holocaust-Überlebende in Deutschland durch das soziale Netz. Berthe Spiegelstein ist eine von ihnen.

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So kämpfen Holocaust-Überlebende um Anerkennung

Heute vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Immer noch fallen Holocaust-Überlebende in Deutschland durch das soziale Netz. Berthe Spiegelstein ist eine von ihnen.

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International gilt Deutschland zwar als Vorbild für die Aufarbeitung seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Kein Vorbild ist Deutschland hingegen, wie mit Entschädigungsleistungen an Holocaustüberlebende und deren Angehörige umgegangen wird. Jüdinnen und Juden kämpften 75 Jahre nach Kriegsende immer noch um die Anerkennung ihres Leids. Viele fallen durch das soziale Raster, so wie die Holocaust-Überlebende Berthe Spiegelstein.

Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz-Birkenau befreit

Am 27. Januar ist der internationale Gedenktag an die Opfer des Holocausts. Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Es war das größte Konzentrationslager der NS-Zeit und befand sich im besetzten Polen. Über eine Million Menschen wurden dort ermordet - vor allem in den Gaskammern, aber auch mittels Misshandlung, Krankheit, Unterernährung oder medizinischen Versuchen. Auschwitz als Begriff ist mittlerweile ein Synonym für die Grausamkeit der industriellen Vernichtungspolitik der nationalsozialistischen Ideologie.

160.000 Holocaust-Überlebende leben unter der Armutsgrenze

Weltweit sind viele Holocaust-Überlebende von Altersarmut betroffen. Die Jewish Claims Conference kümmert sich um bedürftige Überlebende und verhandelt über Entschädigungsleistungen. Dass Überlebende des Holocaust in Existenznöte geraten, kommt alles andere als selten vor. Von 400.000 Überlebenden weltweit, leben aktuell 40 Prozent, das sind 160.000 Menschen, unter der Armutsgrenze ihres Aufenthaltsortes, meldet die Jewish Claims Conference.

Im Sozialsystem nicht vorgesehen

„Zu der finanziellen Not kommen Vereinsamung und Krankheiten wie Alzheimer“, sagt Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Deutschland. Holocaust-Überlebende seien dringend auf Hilfe angewiesen, weil ihre Biografien in den Sozialsystemen oft nicht vorgesehen sind. Selbst in Israel klagen Überlebende immer wieder über ihre prekäre Lebenssituation. Auch Berthe Spiegelstein wird von der Claims Conference in Deutschland bei bei ihrem Weg durch den Behörden-Dschungel unterstützt.

Berthe Spiegelstein lebt heute von Sozialhilfe

Berthe Spiegelstein ist 88 Jahre alt. Die französische Jüdin lebt heute wieder in München. Mit zehn Jahren floh sie vor den deutschen Besatzern aus ihrer Heimatstadt Paris in den unbesetzten Teil Frankreichs. Nur so entkam die Jüdin der Erschießung und der Deportation. Heute lebt die 88-Jährige von Sozialhilfe. Und nicht einmal diese stehe ihr offiziell zu, erklärt ihre Tochter Rena Spiegelstein.

„Man hat meiner Mutter gesagt: Sie sind keine Deutsche, sie haben hier keine Ansprüche erworben. Sie haben hier nie gearbeitet, haben selber nie ins Sozialsystem eingezahlt, also steht Ihnen offiziell auch nichts zu", Rena Spiegelstein, Tochter von Berthe Spiegelstein

Tod des Vaters macht Familie zum Sozialfall

Der Tod ihres Mannes Israel Leon Spiegelstein machte Berthe und ihre Tochter über Nacht zum Sozialfall. Berthes Mann, 1916 in Warschau geboren, überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau. Er war der einzige Überlebende seiner Familie. In den 1960er Jahren lernte Israel Spiegelstein während eines Besuchs in Paris die 16 Jahre jüngere Berthe kennen und heiratete sie. Für Berthe sei der Umzug nach Deutschland kein leichter Schritt gewesen, erzählt sie. 1967 wird Tochter Rena geboren, und Berthe kümmert sich, wie es damals auch üblich war, um Haushalt und Kindererziehung.

Entschädigungsrente für die Zeit im KZ

Die Zeit im Konzentrationslager hat bei Israel Spiegelstein körperlich Spuren hinterlassen. Er war zu 80 Prozent Invalide und bezog eine Rente über das Bundesentschädigungsgesetz. Nach seinem Tod erlischt der Anspruch. Als Französin, die in Deutschland nie gearbeitet und ins Sozialsystem eingezahlt hat, hatte Berthe keine Ansprüche. Deshalb kehrte sie nach über 20 Jahren in ihre Heimatstadt Paris zurück, wo sie wenigstens Anspruch auf Sozialhilfe hat.

Eine Biografie, die nicht ins System passt

Weil ihre Mutter in den vergangenen Jahren sehr gebrechlich geworden war und zwei Schlaganfälle erlitten hatte, holte Rena Spiegelstein ihre Mutter zurück nach München. Erneut standen die vor dem selben Problem: Berthe Spiegelsteins Biographie passt nicht ins System. Erst nach vielen Briefen an die AOK, ans Bayerische Finanzministerium, den Zentralrat der Juden und den Deutschen Bundestag tut sich was: Die Stadt München gewährt Berthe Spiegelstein die Grundsicherung. So ist sie nun auch krankenversichert. Alle paar Monate muss sie aber ihre Kontoauszüge vorlegen, weil sie nach wie vor offiziell keinen Anspruch auf die Leistung hat.

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Die bis heute rund 400.000 Holocaust-Überlebenden weltweit müssen oft um Anerkennung kämpfen, zum Beispiel um eine Rente oder Krankenversicherung. Für eine Überlebende in München hat sich das Dasein etwas gebessert, aber auch das war ein Kampf.