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So intim zeichnet "I am Greta" den Weg von Greta Thunberg nach | BR24

© Bild: StadtkinoVerleih, Audio: Bayern2

Ein Jahr wie "ein surrealer Film mit einer sehr unwahrscheinlichen Handlung": Greta Thunberg in "I am Greta" (Filmszene).

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So intim zeichnet "I am Greta" den Weg von Greta Thunberg nach

Innerhalb kürzester Zeit ist Greta Thunberg zur mächtigsten Stimme der globalen Klimaschutzbewegung geworden. Nathan Grossmann war von Anfang an mit der Kamera dabei. Und hat der schwedischen Schülerin mit "I am Greta" ein intimes Denkmal gesetzt.

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August 2018. Ein Mädchen mit einer rosa Jacke und einem lila Rucksack auf dem Rücken hält ein großes Plakat in den Händen und geht mit tapsigen Schritten durch das Zentrum von Stockholm. Dann sitzt sie verloren an einer Wand des schwedischen Parlamentsgebäudes, neben sich ein Schild, auf dem steht: "Skolstrejk för Klimatet". Eine Frau spricht sie an: "Warum streikst Du – Du hast doch Schule?", fragt die Frau – und Greta Thunberg sagt: "Wozu eine Ausbildung, wenn es keine Zukunft gibt?" Die Frau lässt nicht locker und meint: "Mit einer Ausbildung hat man Einfluss auf die Zukunft." So geht der Dialog von zwei Menschen, die aneinander vorbeireden, noch ein bisschen weiter – bis die Frau mit einem leicht abfälligen "Ach!" die Szene verlässt.

Ein Jahr später. August 2019. Irgendwo auf dem Atlantischen Ozean. Greta Thunberg sitzt auf einem Segelboot, das unterwegs ist Richtung New York, zum UN-Klimagipfel. Grauer wolkenverhangener Himmel. Wind. Hohe Wellen. Dann eine Stimme aus dem Off: "Was ich in den letzten Monaten erlebt habe, fühlte sich an, als wäre es ein Traum. Oder ein Film. Ein surrealer Film mit einer sehr unwahrscheinlichen Handlung."

© StadtkinoVerleih

Mit dem Boot unterwegs zur UN-Versammlung: Filmszene aus "I am Greta"

Drauf los gefilmt und weitergemacht

Niemand kannte im August 2018 ein 15jähriges Mädchen namens Greta Thunberg. Ein Jahr später wusste die ganze Welt von ihr. Diese unfassbare mediale Dynamik macht der Dokumentarfilm "I am Greta" zur visuellen Erfahrung: Regisseur Nathan Grossman begann mit seiner Arbeit tatsächlich im August 2018, als Greta noch ein Schulmädchen war, das einsam aufbegehrte. Er hatte den Tipp bekommen von einem Freund, der die Familie kennt, und filmte sie in Stockholm einfach, ohne zu wissen, was daraus werden könnte. Er steckte Greta ein Mikrofon an, wie sie da am schwedischen Parlament saß und beobachtete sie für zwei Tage. Das sei die Kraft des Dokumentarfilms, sagt er: Zufällig eine Protagonistin zu finden und dann weiterzumachen.

Die berührende Intimität des Films entsteht, weil Nathan Grossman Greta ohne großes Filmteam folgte. Die meiste Zeit arbeitete er alleine, kümmerte sich selbst um Kamera, Ton sowie Licht und führte Regie. War einfach dabei. In der Familie. Zuhause während der Nacht der schwedischen Parlamentswahlen. Im Zug. Bei Kundgebungen. Er macht die öffentliche Person zum Menschen. Greta tanzt. Greta lacht. Sie grübelt. Sie zweifelt. Sie ist erschöpft. Manchmal schweigt sie für Stunden, weil sie nicht reden will. Greta sitzt am Computer und schreibt ihre Reden. Sie wird von Emanuel Macron empfangen. Sie trifft den Papst. Sie wundert sich, dass es bei UN-Klimakonferenzen Fleisch zu essen gibt. Sie realisiert, dass sich nichts ändert.

Road Movie der anderen Art

Da ist der Kult um ihre Person. Sind die Anfeindungen. Ihre berühmt gewordenen Worte: "Da unsere Staatsoberhäupter sich wie Kinder benehmen, werden wir die Verantwortung übernehmen." Sie spricht über das Rollenspiel der Politik, bei dem sich, wie sie sagt, nichts echt anfühle.

© StadtkinoVerleih

Szene aus "I am Greta"

"I am Greta" ist ein aufrüttelndes Stationendrama. Ein Road Movie. Kattowitz in Polen, der Hambacher Forst, London, New York. Manchmal wird der Protagonistin alles zu viel, während einer Rede vor dem EU-Parlament beginnt sie zu weinen, vor Erschöpfung, aus Verzweiflung. "Meine Familie hat sehr viel konsumiert", erzählt sie einmal, "wir kauften viele Dinge, aßen Fleisch, fuhren einen Benziner und flogen in der Welt rum. Mama und Papa verstanden nicht, wie schlimm die Situation ist. Sie sagten, alles würde gut werden. Genau das hat mir so viel Angst gemacht."

"I am Greta" ist ein aufrüttelnder Film über diese Angst. Über die berechtigte Angst vor Erwachsenen, die sagen, sie würden sich um alles kümmern – aber dann passiert nichts.

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