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Wie die Martin-Roth-Initiative bedrohten Künstlern hilft | BR24

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Mit zwei Millionen Euro pro Jahr unterstützt das Auswärtige Amt die "Martin-Roth-Initiative", die verfolgten Künstlern seit April 2018 Sicherheit und kreativen Freiraum bietet. Die meisten der bisher 48 Stipendiaten wollen zurück in ihre Heimat.

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Wie die Martin-Roth-Initiative bedrohten Künstlern hilft

Mit zwei Millionen Euro pro Jahr unterstützt das Auswärtige Amt die "Martin-Roth-Initiative". Seit April 2018 bietet sie verfolgten Künstlern Sicherheit und kreativen Freiraum. Einer der bisher 48 Stipendiaten ist der Kabarettist Vicky Regbassi.

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"Es waren mehr als sechs Polizeifahrzeuge, die mich gesucht haben, um mich gefangen zu nehmen. Sie haben mich erst zum zentralen Kommissariat gebracht, dann haben sie mich in der Nacht zu einem Versteck verschleppt, um mich dort tagelang zu foltern", sagt Vicky Regbassi. Der Kabarettist aus dem Tschad war auf dem Weg zu Theaterproben, als ihn die politische Polizei verschleppte. Der Blick des hochaufgeschossenen Mannes verdüstert sich, wenn er von diesen Tagen im Februar 2018 erzählt.

Über Kamerun nach Berlin

Vicky Regbassi war einer der ersten Stipendiaten der Martin-Roth Initiative, die nach dem 2017 verstorbenen Kulturwissenschaftler und langjährigen Präsidenten des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) benannt ist. Jetzt arbeitet Regbassi als Gast am Centre Français in Berlin. Im Tschad hatte der Regisseur und Schauspieler Kritik an der Regierung geäußert: "Zu dieser Zeit war der Tschad am Boden. Die Schulen und die Universitäten, sogar die Krankenhäuser waren geschlossen. Die Menschen sind gestorben wie die Fliegen. Nichts hat funktioniert. Und ich habe gesagt, die Regierung muss eine Lösung finden, für die Leute, die so gelitten haben."

Es war ein Kampf, aus den Fängen der politischen Polizei zu entkommen, sagt Vicky Regbassi. Mit Hilfe der deutschen Botschaft gelangte er nach Kamerun, dann über Abidjan nach Berlin. Weltweit werden die Spielräume enger für kritische Künstlerinnen oder Intellektuelle. Auch Goethe-Institut und ifa merkten, dass der politische Druck auf ihre Partner vor Ort wuchs. Nach einer fünfmonatigen Testphase nahm die Martin-Roth Initiative im April 2018 ihre Arbeit auf. Seither hat sie insgesamt 48 Stipendiaten unterstützt.

© Mahamat Ramadane/Picture Alliance

Tschads Präsident Idriss Deby (Mitte) beim Sahel-Gipfel

"Mal durchatmen"

Sie bietet Künstlern, die in ihrer Heimat Zensur, Verfolgung oder Folter ausgesetzt waren, Schutz auf Zeit, sagt Meik Müller, der Leiter der Initiative: "Wir organisieren temporäre Aufenthalte, die es den gefährdeten Akteuren ermöglichen, aus diesen Risikokontexten raus zu gehen, mal durchzuatmen, neue Netzwerke zu bilden, sich neu aufzustellen und dann zurückzukehren. Also unsere Idee ist immer: Es geht um einen temporären Aufenthalt, um eine Unterstützung dieser Akteure, die sich für Meinungsfreiheit, Freiheit der Kultur und der Kunst einsetzen, dass die weiter tätig bleiben."

Das Programm wird mit zwei Millionen Euro im Jahr vom Auswärtigen Amt finanziert. Um die gefährdeten Künstler zu stärken, bestehen zwei Möglichkeiten: Sie reisen aus, bleiben aber in der Region und wohnen in einem Nachbarland. Oder sie kommen nach Deutschland und arbeiten hier in einer Gast-Organisation: "Wir zahlen den Unterhalt, wir zahlen aber auch Begleitmaßnahmen, Krankenkasse, dass die Leute versichert sind, die Visa-Anträge, die Flüge, auch wenn die Reisen innerhalb von Deutschland oder Europa machen für ihre Aktivitäten, für die Vernetzung. Auch das können wir finanzieren. Was wir nicht finanzieren, sind die künstlerischen Produktionen."

80 Prozent wollen in die Heimat zurück

Weil häufig die Gast-Organisationen keine Erfahrung mit gefährdeten Künstlerinnen oder Künstlern haben, erhalten sie unter Umständen ebenfalls Unterstützung. Die Aufenthalte in Drittländern dauern in der Regel drei bis sechs Monate, die Stipendien in Deutschland sind auf ein Jahr ausgelegt, mit der Möglichkeit einer Verlängerung auf 24 Monate. Diese Zeit soll so konstruktiv wie möglich genutzt werden können. Für Vicky Regbassi war es sehr wichtig, auch seine Familie in Sicherheit zu wissen. Jetzt leben seine Frau und seine drei kleinen Kinder mit ihm in Berlin.

© Max Kovalenko/Martin Roth Initiative

In memoriam Martin Roth

80 Prozent der Stipendiaten wollen nach ihrem Auslandsaufenthalt in ihre Heimat zurückkehren und dort ihre Arbeit wieder aufnehmen. Um ihr Risiko zu mindern, bietet die Martin-Roth-Initiative eine Sicherheitsberatung an: "Wir haben zum Beispiel Leute mit Sicherheitsexperten zusammen gebracht, dass die das erste Mal in ihrem Leben darauf geschaut haben, wenn ich im Internet unterwegs bin und darüber meine Drohungen auch bekomme und einen Blog habe und schreibe und auf Facebook bin und da sind alle Kanäle offen und man kann mich verorten, was macht das mit meiner Sicherheit und wie müsste denn meine digitale Sicherheit aussehen."

Dazu kommt der Schutz durch die internationalen Kontakte. Trotzdem sagt Vicky Regbassi – Rückkehr in den Tschad, das wäre eine Rückkehr in die Hölle. "Für mich", sagt er, "ist es wirklich ein Wunder, dass ich am Leben bin."

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