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Wie "Miami Vice" die Kunst von David Reed beeinflusst hat | BR24

© © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Courtesy: Häusler Contemporary München | Zürich · Foto: Annette Kradisch

David Reed, #658, (1975/2016)

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Wie "Miami Vice" die Kunst von David Reed beeinflusst hat

David Reed ist bekannt für seine Bilder im Cinemascope-Format. Inspiration findet er bei Hitchcock und John Ford, aber auch bei der Fernsehserie "Miami Vice". In einer Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg sieht man das besonders deutlich.

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Es ist wirklich ein intellektuelles Vergnügen, den US-amerikanischen Künstler David Reed zu erleben, etwa während seiner Vorträge. Wie sorgfältig, ernsthaft er sich beschäftigt mit seinen künstlerischen Vorgängern, den großen Repräsentanten des abstrakten Expressionismus in Amerika, Robert Motherwell und Helen Frankenthaler, Barnett Newman oder Mark Rothko. Fast rührend, wie David Reed ihren Malgestus untersucht, wie er Motherwell – etwa aufgrund mangelnder Authentizität des Pinselstrichs – kritisiert und dann doch die Kritik wieder zurücknimmt, wie er abwägt, Argumente hin und her bewegt, so, wie es ein sensibler Intellektueller eben tut.

Ein Kenner alter Meister

Zugleich ist der Wahl-New-Yorker David Reed, geboren 1946 im kalifornischen San Diego, Kenner und Bewunderer altmeisterlicher italienischer Malerei, des Manierismus und Barock. Bei seinen zahllosen Reisen durch Italien hat Reed den Renaissancekünstler Piero della Francesca studiert und Kunsttheoretiker wie Leon Battista Alberti. All dies nicht zuletzt auch, um herauszufinden, wie man überhaupt noch malen kann im 21. Jahrhundert, eine Sprache der Malerei finden kann, die zugleich die Dramatik der altmeisterlichen Malerei in die Abstraktion überträgt. Der Pinselstrich, der "brushstroke", erhält nach Reflexionen wie diesen bei Reed dann auch eine völlig andere Bedeutung, sagt Kurator Thomas Heyden: "Das Bemerkenswerte an der Malerei von David Reed ist eben, dass er diesen Brushstroke analysiert und letztlich keine Brushstrokes schafft, keine echten. Sondern er schafft Darstellungen eines brushstroke. Also, das sind Zeichen für einen authentischen, einen echten brushstroke."

© Häusler Contemporary München | Zürich

David Reed, Pilot Episode Miami Vice 1984: Reflections (2016)

Vier ins Monumentale gesteigerte Leinwände hängen jetzt im Neuen Museum Nürnberg, 1,90 Meter mal 4,60 Meter groß, drei Querformate, ein Hochformat, darauf nichts als Gesten, Linien, Wellen, Spots. Pinselstriche wie Personifikationen fliegen förmlich über die Bilder, sprengen sie, Farben wie Meer und Gischt an einem heißen Sommertag in Florida, blau und weiß. Wie stark David Reed auch von den Medien, Kino, Film und Fernsehen beeinflusst ist, sieht man seinen superkünstlich ausgerichteten Bildern mit den glatten Oberflächen an. Nicht allein von Filmklassikern wie Alfred Hitchcocks "Vertigo" oder John Fords Monumentalwestern "Der schwarze Falke" wurde Reed inspiriert, sondern auch von der Trivialserie der 80er-Jahre "Miami Vice", die auch den Titel der aktuellen Ausstellung beeinflusst hat, sagt Museumsdirektorin Eva Kraus: " 'Vice and reflection number 2' ist eine Hommage an "Miami Vice", an die Kultserie der 80er-Jahre, die so besonders stylish und cool rübergekommen ist – in ihrer stakkato-artigen Schnitttechnik, mit unglaublicher Musik aus den 80er-Jahren von berühmten Leuten wie Phil Collins. Aber auch die Stimmung und die Impressionen, die "Miami Vice" uns damals übermittelt hat und die uns David Reed in seiner Malerei nochmal zeigt."

Dem Zeitgeist geschuldet

Die Serie "Miami Vice" setzte nicht mehr auf klassische Erzählung, sondern auf Farben, Licht, Dynamik, Körper, Emotion, die Bewegung eines Geschehens im grellen Sonnenschein von Floridas Küste, wo das coole Outfit der Protagonisten ungleich wichtiger war als der Plot. Natürlich ist ein Künstler wie David Reed viel zu reflektiert, um sich von so viel Oberfläche ernsthaft blenden zu lassen. Aber er begriff, dass die Serie einem neuen Zeitgeist entsprach, dem die Kunst etwas schuldig war.

An die vier Monumentalgemälde und einem von Reed manipulierten Video von Miami Vice reihen sich in der Ausstellung 26 Skizzenbücher, "working drawings", Reflektionen des Künstlers, festgehalten in gestochen scharfer Handschrift auf Millimeterpapier. Dokumente, die bezeugen, wie wunderbar "meticulous", akribisch, sorgfältig, voller Zweifel und Selbstzweifel David Reed in seiner Arbeitsweise vorgeht.

Puristisch und dennoch sehenswert

Es ist eine puristische, ungemein reduzierte Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg, in der sich die Exponate aber doch im großen tageslichthellen Ausstellungsraum ein wenig verlieren und durch ihre spartanische Präsentation auch zu wenig von der Sinnlichkeit der Malerei eines David Reed transportieren können. Sehenswert ist die Schau dennoch. Allein wegen der Konfrontation mit dem Künstler David Reed und seiner Überlegung, dass am Anfang unserer aller Wahrnehmung längst nicht mehr das Wort steht, sondern das Medium, das uns die Bilder geliefert hat. Szenen, die uns längst unbewusst überwältigt haben, in unser kollektives Gedächtnis eingedrungen sind. Bilder, die wir am Ende für einen Teil halten von uns selbst, unserer Identität.

"Vice and reflection #2" von David Reed ist noch bis zum 06. Oktober 2019 im Neuen Museum Nürnberg zu sehen.

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