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So großartig erzählt György Dragomán von der Macht der Musik | BR24

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György Dragomán gehört zu den wichtigen europäischen Erzählern unserer Zeit. In seinem neuen Buch "Löwenchor" versammelt der ungarische Schriftsteller Novellen und sorgt für eine Vielzahl unerwarteter Begebenheiten. Die Musik ist dabei ein Leitmotiv.

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So großartig erzählt György Dragomán von der Macht der Musik

György Dragomán gehört zu den wichtigen europäischen Erzählern unserer Zeit. In seinem neuen Buch "Löwenchor" versammelt der ungarische Schriftsteller Novellen und sorgt für eine Vielzahl unerwarteter Begebenheiten. Die Musik ist dabei ein Leitmotiv.

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Eine Äolsharfe ist ein besonderes Instrument. Kein Mensch bringt sie zum Klingen. Vielmehr der Wind, geheimnisvoll, im Grunde magisch. Und genauso erscheint die Äolsharfe auch in einer Novelle des ungarischen Schriftstellers György Dragomán. Geboren 1973 in Rumänien lebt er in der Nähe von Budapest. In seinem neuen Buch „Löwenchor“ erzählt Dragomán unter anderem von der Macht der Musik und der Klänge, der leisen wie auch der lauten. Der Prosaband ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Gelegenheit für ein Gespräch mit György Dragomán.

Niels Beintker: Ihrer Erzählungen drehen sich um Musik, um Lieder, um Musikarten, um Klänge. Was interessiert Sie an dieser Kunst, dass sie diese gewissermaßen verweben mit Ihren Geschichten?

György Dragomán: Die Musik bedeutet für mich Freiheit – vom ersten Moment des Schreibens an, mit dem sie eng verbunden ist. Ich hatte am Anfang kein Arbeitszimmer – das muss man wissen. In diesem Zusammenhang war die Musik für mich die Freiheit schlechthin. Zunächst wollte ich auch gar nicht über Musik schreiben, in meinen ersten Büchern spielt sie auch keine Rolle. Die Musik – als Thema – sickerte vielmehr Schritt für Schritt, graduell, in meine Erzählungen ein. Und das Schreiben bedeutet für mich Rhythmus. Um richtig gute Sätze schreiben zu können, braucht man ein gutes Gefühl für den Rhythmus. Und das kann man aus der Musik lernen. So ist die Musik, während ich das Schreiben gelernt habe, auch über den Rhythmus in meine Literatur gekommen.

Die Musik ist ein Motiv. Sie erzählen aber von Menschen, die mit der Musik auf verschiedene Weise in Berührung kommen. Hier die Sängerin, die „Cry me a river“ interpretiert, in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens. Dort der Heavy-Metal-Fan, der zum Judas-Priest-Konzert nach Kattowitz trampt. Dann schließlich der junge Wissenschaftler, dessen Notebook kaputtgegangen ist, die ganze Dissertation ist futsch – er hat wohl gerne Techno gehört. Was verrät die Musik über die Menschen, von denen Sie schreiben?

Musik löst Leidenschaften in uns aus. Alle hören Musik. Und wer Musik hört, kann das nachempfinden. Wir werden berührt. Musik trägt dazu bei, dass sich ein Mensch – ein Individuum – selbst definieren kann. Als ich damit begann, die Erzählungen für das Buch „Löwenchor“ zusammen zu stellen, war ich überrascht, dass die Musik in so vielen Novellen eine Rolle spielt, dass aus ihnen ein Band werden kann. In diesen Geschichten ist die Musik für die Personen viel wichtiger, als diese das auf den ersten Blick glauben würden.

Viele der Novellen handeln von Familiengeschichten – sie schließen damit eigentlich auch ein wenig an an Ihre großen Romane „Der weiße König“ und „Der Scheiterhaufen“. Die Geschichten sind einerseits traurig und melancholisch. Andererseits aber auch wieder so lebensbejahend. Die Erzählung, die Ihrem Band den Titel gegeben hat, handelt von einer besonderen Beziehung zwischen einem Großvater und seinem Enkel. Sie hauen fröhlich auf den Putz, wenn die Großmutter nicht zu Hause ist: sie spielen Pferderennen in der Wohnung. Und sie sitzen im Ohrensessel und singen, die Löwenfüße und die Löwenköpfe an der Mahagoni-Schublade stimmen mit ein: und jeder kann es hören. Wollten sie nicht nur in Moll, sondern auch in Dur schreiben?

Man muss alle Tonarten ausprobieren. Die Novelle gibt mir dazu die Möglichkeit. Jeder Ton ist möglich! Man kann bei der Arbeit an der Novelle leicht scheitern. Und man darf das auch mutig tun. Das Schreiben verlangt weniger Zeit als im Fall eines Romans, da kommt das Scheitern einer Katastrophe gleich. Wenn ich eine Novelle schreibe, genieße ich, dass ich viele Stimmen unterbringen kann, auch solche, die in einen Roman nicht passen würden. Und ich sollte hinzufügen: Ich scheitere oft beim Schreiben und dazu stehe ich auch. Oft bemühe ich mich sehr und umsonst, da die Stimme falsch bleibt. Oft schreibe ich zwei Novellen, die ich dann in den Papierkorb werfen kann. Die dritte gelingt dann aber richtig. Und ich will nicht nur in Dur oder Moll schreiben. Ich probiere alle Klänge und Töne aus.

© picture alliance/dpa

Er schreibt gern in allen Tonarten: Der ungarische Schriftsteller György Dragomán.

Trotzdem ist die Trauer auch ein Grundmotiv, im Band "Löwenchor". Gescheiterte Beziehungen, Verrat, der Tod. Man könnte sagen: das ganze Leben, die menschliche Komödie. Zu den Erzählungen, die besonders bewegend sind, gehört die, in der die erwähnte Äolsharfe erklingt. Der Titel Russisch, zu Deutsch: „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“. Ein Mann, der in Berlin eine Geldbörse mit dieser Aufschrift hat mitgehen lassen, macht im Park eine besondere Begegnung. Er trifft ein Mädchen, das Geheimnisse sammelt – die Geschichte nimmt dann eine überraschende, eine plötzliche Wendung. Wie finden Sie zu solchen Geschichten? Oder finden die Geschichten Sie?

Diese Novelle verdanke ich Berlin. Ich habe dort vor dreizehn Jahren das erste Mal für längere Zeit gewohnt, als Stipendiat der Akademie der Künste. Unser Quartier befand sich in der Nähe des Britzer Gartens. Meine Familie war mit in Berlin. Da die Kinder noch klein waren, sind wir jeden Tag in diesem Park spazieren gewesen. Ich habe mir oft die schönen Statuen, die es dort gab, angeschaut. Darunter auch eine Äolsharfe. Ich habe sie wieder und wieder betrachtet und mich gefragt: Wie kann man eigentlich darüber schreiben? Wie geht das? Ich bin der Meinung, das Schreiben funktioniert erst im zeitlichen Abstand. Ich wollte wissen, wie kann ich die Klänge und Berlin miteinander verbinden? Meine Suche nach einer Stimme hat Jahre gedauert und ich habe auch über die Äolsharfe lange nachgedacht.

Und ich wollte gerne über die Freiheit schreiben, die ich in Berlin während meiner Spaziergänge oft empfunden habe. Und auf einmal ist es mir gelungen, die Stimme zu finden, die dafür geeignet war, was ich sagen wollte. Dabei war es mir außerdem wichtig, ein weiteres Thema aufzugreifen. Ich wollte darüber schreiben, dass auch ein Kind Spitzel eines Geheimdienstes werden kann.

Das ist ja auch das zentrale Motiv: Dass diese zarte Äolsharfe in einem Kontrast steht zur eigentlichen Geschichte, in der es um Verrat geht, in der es auch um Erfahrungen des Lebens in der Diktatur geht. Dieser Kontrast hat sie auch sehr interessiert – oder?

Ja, das ist so. Ich muss dazu sagen: Es ist sehr schwer, aus der Diktatur heraus zu kommen. Die Melodie der Gewalt bleibt in uns und wir tragen sie mit uns herum. Ich empfinde diese Gewalt und sie durchdrängt alles. Und es ist verdammt schwer, das hinter mir zu lassen. Diese Melodie, dieser Klang durchringt dann auch alles, was ich schreibe. In vielen meiner Novellen geht es um Machtverhältnisse. Dazu gehören auch die Machtverhältnisse innerhalb einer Familie.

Überhaupt lässt sich im Hintergrund vieler Novellen lässt sich auch die Erfahrung des Lebens in der Diktatur ablesen, etwa dann, wenn – in einer Weihnachtsgeschichte – von der Knappheit die Rede ist. Ihre Erzählungen nehmen immer wieder die Kindheit in den Blick, sie führen uns lesend in Kindheitswelten. Auch das wäre etwas, was den Band „Löwenchor“ mit Ihren Romanen verbindet. Was macht die Kindheit für das Erzählen und Schreiben so interessant? Die Unbefangenheit, mit der Kinder auf die Welt blicken?

Ich glaube, ein Kind ist immer frei. Freiheit ist etwas Unabdingbares für ein Kind. Es kann nicht anders sein als frei. Das Kind muss auch nicht darüber nachdenken, was es bedeutet, frei zu sein. Ebenso wenig kann es verstehen, wie es, nicht frei zu sein. Es blickt gewissermaßen von unten auf dieses große Thema. Die Novelle bedeutet für mich übrigens auch diese wilde Freiheit, die die Kinder erleben können.

Mit dem Band „Löwenchor“ können wir György Dragomán einmal mehr als großartigen Erzähler entdecken. Sie sind ebenso Übersetzer und haben unter anderem Texte von Samuel Beckett ins Ungarische übersetzt. Inwiefern ist Beckett ein Autor, der auch für die Form Ihres Erzählens – für die Novelle – wichtig ist? Spielt er mit Blick auf diese besondere literarische Gattung eine Rolle?

Beckett ist ein Meister des Monologs. Das kann man vor allem von Beckett lernen – wie man einen Monolog schreiben sollte. Denken Sie an Becketts Trilogie – an die Romane „Molloy“, „Malone stirbt“ und an „Der Namenlose“. Das ist wie ein hervorragend komponiertes musikalisches Werk und sehr lehrreich. Die Klänge funktionieren perfekt. Alles ist durchkomponiert, bis in das kleinste Detail. Und ich habe viel von Beckett mit Blick auf die Monologe gelernt. Sein spätes Werk, darunter die Novellen, liebe ich sehr. Und auch das kann man von ihm lernen: wie kleine Räume funktionieren. Er hat mich sehr beeinflusst. Auch wenn man das nicht immer unmittelbar in meinen Texten sehen kann.

Becketts Sätze sind ebenfalls wichtig für mich, seinen Sätzen kam ich so nah wie sonst bei niemandem. Ich habe seinen Roman „Watt“ übersetzt, der aus sehr langen und komplizierten Sätzen besteht. Ich musste die Sätze zuerst zergliedern und sie dann so wieder zusammenfügen, dass man diesen Klang auch im Ungarischen spüren kann. Das habe ich bei der Übertragung ins Ungarische gespürt und viel über den Rhythmus gehört. Diesen Klang! Das hat Jahre gedauert. Und das war wie Nachsingen, wie das Reproduzieren von Musik.

© picture alliance / Konrad Giehr

Ein prägender Autor für den ungarischen Schriftsteller György Dragomán: Samuel Beckett

György Dragománs Novellenband „Löwenchor“ ist – in der Übersetzung von Timea Tankó und Térezia Mora – bei Suhrkamp erschienen. Das Buch ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, in der Kategorie Übersetzung.

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