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So geht Inszenieren auf Abstand: "Dame Kobold" in Regensburg | BR24

© Martin Sigmund/Theater Regensburg

Schießen geht noch: "Dame Kobold" in Regensburg

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    So geht Inszenieren auf Abstand: "Dame Kobold" in Regensburg

    Zwei Meter Distanz mussten mindestens eingehalten werden zwischen den Personen auf der Bühne: Das ist bei einer Liebeskomödie nicht immer leicht umzusetzen. Doch Brigitte Fassbaender bringt dennoch Schwung in eine vergessene Spieloper von 1870.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Klar, Tragödie geht immer, sogar jetzt, mit den geltenden Abstandsregeln auf der Bühne. Beim Fernsehen schreiben sie ja gerade die Krimi-Drehbücher um, da wird zwar weiter gemordet, aber eben nicht mehr mit dem Messer oder durch Erwürgen, sondern vorzugsweise mit Schusswaffen. Und beim Theater sind Trauerspiele ohnehin meist eine sehr distanzierte Angelegenheit. Aber Komödien? Die kreisen doch meist um die Liebe, also um Nähe, da wird die Sache schon schwieriger. Kein Wunder, dass bei den Proben oft mehr gelacht wird als bei der Premiere, nämlich immer dann, wenn die Paare aus der Ferne leidenschaftlich werden sollen und die Küsse in der Luft hängen bleiben.

    "Da kam einer mit dem Metermaß"

    Und so hatte auch die inzwischen 81-jährige und dabei unglaublich vitale Regisseurin Brigitte Fassbaender am Theater Regensburg bei ihren Proben so manches abstruse Erlebnis, wie sie beim Pressegespräch berichtet: "Da kam auch einer mit dem Metermaß und hat von Nase zu Nase oft nachgemessen, wenn es so aussah, als ob der Abstand nicht eingehalten worden wäre. Eine Liebeskomödie mit zwei Meter Abstand ist ein bisschen schwierig, öfter! Nein, es muss eben sein. Entweder, wir wollen arbeiten, wir wollen spielen, dann müssen wir uns anpassen. Und ich habe wieder einmal gemerkt, dass nirgendwo Disziplin so groß geschrieben wird wie beim Theater."

    © Jungblut/BR

    Brigitte Fassbaender: Inszenieren auf Abstand

    Als ob das nicht genug Schwierigkeiten waren, musste Fassbaender auch noch auf den Chor verzichten, auf das Ballett sowieso, und im Orchestergraben saßen auch nur zwanzig statt fünfzig oder sechzig Musiker. So sind sie eben, die Zeiten, allerdings macht das klar, warum die Theaterleute derzeit so gereizt sind, wenn es um weitere Einschränkungen geht und sie in Corona-Hotspot-Regionen jetzt nur noch vor fünfzig Zuschauern auftreten sollen.

    Komponist Raff hatte wenig originelle Ideen

    Umso verdienstvoller, dass Regensburgs Intendant Jens Neundorff von Enzberg nicht davon abließ, seinem Publikum eine durchaus schwer verkäufliche Oper anzubieten, eine Oper, die keiner kennt, mit einem nichtssagenden Titel: "Dame Kobold", uraufgeführt 1870 in Weimar. Geschrieben hat sie der seinerzeit durchaus erfolgreiche Romantiker Joachim Raff, der zwar wenig eigene originelle Ideen hatte, aber ganz gut das Beste aus der Musikgeschichte vom Barock bis Richard Wagner zusammen klauben konnte für seine Werke. Eklektisch nennt sich diese Methode, die durchaus ihre Berechtigung hat - haben ihre Vertreter doch die Begabung, allzeit den Überblick zu behalten über all das, was "bereits geschah".

    © Martin Sigmund/Theater Regensburg

    Sara-Maria Saalmann als Beatrice (links)

    Das ist künstlerisch selbst aus heutiger Sicht durchaus gut gemacht, da sind "Ohrwürmer" dabei und fast schon tanzbare Nummern, aber leider ist die Geschichte haarsträubend. Außer einer geheimen Schranktür und etwas biederem Spuk ist dem Librettisten Paul Reber rein gar nichts eingefallen. Offenbar reichte das in der Romantik, und auch im Barock, denn die Handlung beruht auf einem älteren Stück von Pedro Calderón de la Barca aus dem 17. Jahrhundert.

    Lerche flattert als Attrappe durch die Luft

    Belanglose Geschichten wurden allerdings schon oft Publikumshits, kommt eben auf die Umsetzung an, und die war in Regensburg in der Regie von Brigitte Fassbaender in jeder Hinsicht überzeugend. Gut, das Corona so gar keine Auswirkungen auf die Ausstattung und Kostüme hat: So konnten Bettina Munzer und Anna-Sophie Lienbacher eine herrliche Puppenstuben-Welt entwerfen. Eine Art Weihnachts-Kasperltheater für Erwachsene im Biedermeier-Look. Ja, das war der reinste Seelen-Balsam, gar nicht mal so lustig, wie vielleicht beabsichtigt, aber poetisch, liebevoll, ansehnlich. Und Fassbaender weiß mit Klischees zu spielen, die dann doch nicht eintreten: Der Liebhaber kriecht eben nicht unters Bett, die Lerche flattert nur als Attrappe durch die Luft.

    © Martin Sigmund/Theater Regensburg

    Die Dame hinterlässt eine Botschaft

    Und so schnurrt das Geschehen flott und schwungvoll ab, die titelgebende Dame darf sich als vermeintlicher Kobold ein halbes Dutzend mal und öfter durch die geheime Drehtür schleichen und bekommt am Ende natürlich genau den Mann, der schon die ganze Zeit mit einem dekorativen Nasenpflaster versehen hinter ihr her war. Das war aber nicht die Maske, die ihn wund gescheuert hat, er hatte anfangs eine kleine Rauferei.

    Vor Angst schlotternder Diener

    Dirigent Tom Woods begleitete das alles mit dem Mut zum Trippelschritt, also ohne daraus große Kunst zu machen. Das war jederzeit entspannt, aber nie bräsig. Die fünf Solisten tänzelten denn auch gut gelaunt durch die eindreiviertel Stunden: Anna Pisareva in der Titelrolle der "unheimlichen" weißen Frau, der schmucke italienische Tenor Oreste Cosimo als Liebhaber, Johannes Mooser als strenger Hausherr im Bademantel, Oliver Weidinger als vor Angst schlotternder Diener, Sara-Maria Saalmann als Flamenco-begeisterte Spanien-Liebhaberin, die zeitweise das Glück hatte, von einem Gitarristen begleitet zu werden.

    © Martin Sigmund/Theater Regensburg

    Alles hört auf mein Kommando

    Ob der Komponist Joachim Raff damit wirklich wieder entdeckt wurde, sei dahin gestellt. Er hat wohl doch nur das Potential für Schmonzetten. So sprach Brigitte Fassbaender, die demnächst im Tiroler Festspiel-Dorf Erl Wagners "Ring des Nibelungen" stemmen muss, auch von einem "Aperçu": "Das ist jetzt kein Stück, glaube ich, was einem intellektuellen Konzept standhalten würde."

    Ausgelassen war das Publikum nicht

    "Ich vermute mal auch, dass es keine intellektuellen Diskussionen auf der Heimfahrt geben wird", pflichtet Intendant Jens Neundorff von Enzberg bei. Diese nachdenklichen Debatten gab es nach der Premiere tatsächlich nicht. Oder vielleicht doch: Über die Frage, ob das Theater-Publikum in diesen Wochen überhaupt noch entspannt genug ist für die leichte Unterhaltung. Ausgelassen wirkten die Anwesenden nicht.

    Wieder am 27. Oktober, 20. November 2020 und 5. Januar 2021 am Theater Regensburg, vorbehaltlich von Spielplan-Änderungen wegen der Pandemie-Lage.

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